Von Ingrid Parigi

Italien ist seit 1943 wieder in die Vielfalt seiner * Provinzen und Commune auseinandergefallen. Diese in der Geschichte des Landes überlieferte Tendenz des Partikularismus scheint gegenwärtig nicht allein in der groben Trennung von Süd und Nord gegeben, sondern, an den Lagern gemessen, denen die italienische Jugend zuneigt, sich in einer süd-, mittel- und norditalienischen Gruppenbildung auszudrücken. Der Süden war fast zwei Jahre hindurch zum Sammelpunkt aller Nationalitäten, geworden. Die schnelle Besetzung durch die Alliierten ersparte ihm die Bildung von Kampfgruppen aus den eigenen Reihen. Die militärpflichtige Jugend des Südens folgte in neuen amerikanischen Uniformen der siegreichen fünften Armee. Heute schwört diese Jugend der königstreuen volkreichen – Metropolen Napoli und Palermo zum größten Teil auf die "Uomo Qualumque".

Das geistige Klima in den schwer mitgenommenen Gebieten Mittelitaliens bis Rimini und Südemilien hat sich auf ganz anderen Grundlagen neu geformt. Die Bevölkerung dieser Landstriche hatte Unsägliches unter den letzten verzweifelten Todeskämpfen der Nazifaschisten erlebt. – und die tapfersten und selbstlosesten Partisanen gestellt. Durch Tradition antiklerikal und republikanisch, fortschrittlicher als der Süden, aber doch weniger aufgeschlossen als der industrialisierte Norden, leidet dieses Gebiet heute noch unter den durch den Krieg verursachten Zerstörungen.

Am glücklichsten kam der reiche Norden davon. Die Industrieanlagen konnten zum größten Teil erhalten bleiben, ebenso die Elektrizitätswerke und das Bahnnetz. Das Leben ist bis auf die an Jugoslawien grenzenden Provinzen äußerlich normalisiert, wenn auch die Wohnungsnot in den Großstädten noch beträchtlich ist. Politisch halten sich die Kommunistische und Christlich-Demokratische Partei die Waage.

Die Jugend, die nun in diesen drei so verschiedenen Zonen mit dem Leben fertig zu werden sucht, besteht zu 95 v. H. aus Kriegs- und politischen Gefangenen, Ex-Partisanen und Ex-Faschisten. Das große, alle andern im heutigen. Italien überschattende Problem ist auch das ihre. Vorherrschend ist bei; allen die Enttäuschung; bei den Kriegsteilnehmern über den verlorenen Krieg, bei den Partisanen über den verlorenen Frieden, bei der großen Masse über die Arbeitslosigkeit, die Wohnungsnot, die zerstörten Heime und die zerrüttete Familie. Der Parteikampf wird seltsamerweise – und doch nicht anders als in Deutschland – von einer viel älteren Generation ausgetragen. Die Exponenten der größten Parteien: Kommunisten, Sozialisten und Qualumquisten sind Fünfzigjährige und keine Kriegsteilnehmer. Dazu kommen die Veteranen der vorfaschistischen Ära: Orlandi, Bonomi, Benedette Croce und Nitti, die bereits das biblische Alter überschritten haben. Die "Jungen" wären in den Gefangenen- oder Kon- – zentrationslagern oder bis zuletzt an der Front oder im Partisanenkrieg, während die andern das neue Italien zurechtzimmerten. Die Enttäuschung der Jungen war das Leitmotiv für den Rückzug eines Teiles der norditalienischen Partisanen in die Berge. Es ist in den mutigen kleinen Redaktionen zu spüren, die wie das in Florenz erscheinende linksstehende "Non mollare" oder die rechtsorientierte "Penna", ja sogar bis hinab zu dem hetzerischen antiklerikalen römischen Witzblatt "Don Basilio" gegen die konventionell gewordene Politik, gegen alte und neue Korruption, gegen alten und neuen Totalirismus ankämpfen. Noch gibt es auch da keine einheitliche Linie und vielleicht zeigen drei nach 1945 erschienene Werke besser als jede Dissertation, wie es um den heutigen jungen Menschen in Italien, um die Generation dieses Krieges’steht. Wir greifen dafür das Buch des Journalisten Indre Monatanelli, des Dichters – Dino Buzzati und des politischen Kämpfers Elio Vittorini aus der Fülle der Neuerscheinungen heraus, weil sie uns im gewissen Maße gültig für die verschiedenen Zeitströmungen scheinen.

"Qui neu riposano" von I. Montanelli, in deutscher Übertragung in Zürich unter dem Titel "Drei Kreuze, eine italienische Tragödie" erschienen, ist ein antifaschistisches Buch, das zugleich, wenn man es streng nimmt, eine deutliche Absage gegen den Antifaschismus enthält Es ist ein unbequemes Buch für die einen wie für die andern. Es ist die Hymne auf den "Mann in Grau", Antonio, Bianchi, mit dem sich der Dichter identifiziert, auf die Mittellage, in der er sich nicht für rot oder schwarz entscheiden muß, für sein Recht auf Abstand, auf Humor, auf Kritik und auf sein Privatleben. – "Vor allem wollte ich das Recht haben", läßt der Autor seinen Helden sagen, "nicht an Politik denken müssen, weil rechtschaffene Leute sich nicht mit Politik beschäftigen." Und weiter: "Ich träumte, ich sei tot und schwebe im Paradies. Das Paradies war voller Antonio Bianchis mit kleinen Flügelchen auf dem Rücken und alle grau gekleidet. Sie waren weder weiß noch schwarz. Alle grau. Ich sah, daß auch ich grau gekleidet war, meine Lieblingsfarbe, weil sie, weder schwarz noch weiß ist". Und dann an die innere Tragik dieser. Generation rührend, die gegen ihren Willen in ein Schicksal verstrickt wurde, das im Grunde nicht das ihr war: "Ich "werde kaum die Grenze überschritten haben und jemandem begegnen. – Vielleicht werden es die Deutschen sein, und sie werden mich fragen: ,Sind Sie für uns?‘ Und ich werde antworten ,Nein‘. Und sie werden feststellen: ,Wenn Sie nicht für uns sind, dann sind Sie gegen uns.‘ Und sie werden, mich erschießen. Oder ich werde Faschisten, begegnen. Diese werden, dieselbe Frage an mich richten, und ich werde dieselbe Antwort geben, Und auch sie werden/mich erschießen. Oder ich werde einigen Partisanen begegnen. Partisanen einer roten, einer weißen oder einer grünen Bande. Und alle werden dieselbe Frage stellen, und allen werde ich dieselbe Antwort geben, und alle werden mir dasselbe Ende bereiten..."

Elio Vittorinis "Ucmini o nc" (Menschen und solche, die es nicht sind) ist der-Vertreter jener Jungen, die sich im Gegensatz zu den "Männern in Grau" für eine Seite, hier für die Kommunisten und Partisanen, entschieden haben. Das Buch wurde in Mailand noch während, der deutschen Besetzung geschrieben und kreist, wie frühere Werke Vittorinis, etwa seine "Conversazione in Sicilia", um das Problem der Ethik des Erleidens: Ein Buch, dessen Vor- und Nachteile darin bestehen, daß es noch mit zu wenig Abstand von dem Erlebten geschrieben wurde; ein Buch, das noch zu sehr Partei statt verklärende Kunst ist.