Von Karl N. Nicolaus

Eigentlich gibt es Oasen nur in der Wüste.Aber ist heute nicht das ganze Leben zu einer Wüste voller Trümmer – und Zerstörung geworden? Und weiß man denn genau, ob die Oasen nicht bloße Gaukelei sind, Luftspiegelungen, an den Horizont gezaubert. Ein moderner französischer Dichter, der lange in der Sahara und in der Einöde Patagoniens lebte, hat einmal ein echtes Oasen-Erlebnis besungen. Auf einem Flug mußte er notlanden, und bei Concordia in Argentinien wurde er in ein stilles Haus aufgenommen. Nach den Strapazen des Fluges trat er in eine gefestigte, in sich geschlossene Welt. Hellwach und wie verwandelt durchschaute er alle Dinge und wurde auch selbst vollkommen durchschaut. Doch, dies beunruhigte ihn nicht, sondern erfüllte ihn mit einem sicheren und wunderbar ungebundenen Lebensgefühl.

Ist nicht auch uns anderen, die wir nie in der Sahara waren und nie im Feuerland, solch ein – Oasen-Erlebnis ein durchaus bekanntes Phänomen? Man kommt aus wirklicher oder eingebildeter Gefahr, aus großer Wirrnis, aus jenem Strudel, den das Leben zuweilen mit sich bringt, und gerät an einen Ort, in dem die Zeit stillsteht. Zuerst ist man mißtrauisch. Man erwartet, daß diese Welt, die doch nun einmal aus Kartenhäusern aufgebaut ist, jäh zusammenbricht. Aber man wartet vergebens. Und langsam begreift man, daß man wirklich in eine Ecke der Welt gekommen ist, in der alle Unruhe wie von selbst vergeht Langsam gerät man dann in den Kern des Oasen-Erlebnisses. Die Welt wird durchsichtig. Man sieht alles ohne Geheimnis, auch die Menschen. Aber es ist keine jähe, schreckhafte, sondern eine gütige, eine lächelnde Erkenntnis, Man übersieht die Zusammenhänge, die eigenen und die, fremden. Man weiß plötzlich, wie Sturm und Stille sich ergänzen. Und man fühlt sich in den Zusammenhängen verankert. Es zeigt sich eine neue Rangordnung der Dinge nach ihrer Intensität und nicht nach dem Tumult, den sie von sich zu erregen vermöchten. Und kleine Dinge können dabei plötzlich groß und bedeutend werden.

Das Oasen-Erlebnis ist für den, dem es widerfährt, nicht gebunden an die geographische Jungfräulichkeit eines Ortes. Es kann überall geschehen und bei mancherlei Gelegenheit. Es ist nicht Einkehr und es ist nicht Heimkehr, denn beide Begriffe umschließen viel zuviel Gebundenheit. Das Oasen-Erlebnis hat auch keine Neigung zur Dauerhaftigkeit; es hat auch nichts von Verträumtheit und es verlangt keine Abkehr von der Welt. Es ist ganzgegenwärtig, und die Gegenwart, ist schmal undnichts als die Nahtstelle zwischen Vergangenheit und Zukunft.

Obwohl das Oasen-Erlebnis mit Rast zu tun hat, ist es dennoch etwas Abenteuerliches. Aber ist heute nicht das Leben – selbst die vita comtemplativa – mehr als je voll von Abenteuerlichkeit?

Solche Oasen sind wie kleine Inseln, und meist sind sie auch ohne jeden Prunk im herkömmlichen Sinn. Das Erstaunlichste ist, daß man sie nicht erwartet.

Es gibt Menschen, die für andere zum Oasen-Erlebnis werden, weil man in ihrer Nähe seine und alle Dinge in kühler Gelassenheit zu übersehen beginnt. Denn die kühle Gelassenheit ist eine Voraussetzung für das Oasen-Erlebnis.