Wirtschaftliche Schwierigkeiten und Meinungsverschiedenheitenüber die Preis- und Lohnpolitik sind der Anlaß zu dem Rücktritt der finnischen Regierung Pekkala. Die Erzwingung von Neuwahlen, ist offensichtlich das Ziel der Sozialdemokraten und der Bauernpartei die diese Krise herbeigeführt haben. Die politische Führung Finnlands liegt seit dem Kriegsende beim "bürgerlichen" Staatspräsidenten Paasikivi – der dank seiner klaren Rußlandorientierung seit langem das Vertrauen der Russen hat – und beim kommunistischen Ehepaar Kuusinen-Leino, sowie bei den ihnen unterstellten maßgeblichen Beamten der Staatspolizei.

Bei den Wahlen im Jahre 1945 erhielten die als Volksdemokraten zusammengeschlossenen Kommunisten und Linkssozialisten ein Viertel der Strömen, aber bei den Wahlen der letzten Zeit, für Betriebsräte, in der Genossenschaftsbewegung und für die Gemeindeverwaltung von Uleaborg, konnten die Sozialdemokraten, seit jeher die stärkste Partei des Landes und in der Arbeiterschaft fest verankert, eindeutige Erfolge erzielen. Sie wollen offensichtlich mit der links eingestellten Bauernpartei, die die traditionelle Bundesgenossin der Sozialdemokratie ist, die Führung wieder übernehmen, ihr Wortführer ist an Stelle des einst unumschränkten Herrschers Tanner, der im Gefängnis die Werke von Laski übersetzt, Professor Voinmaa, übrigens ein enger Freund von Tanner, wenn auch russisch orientiert. Wird aber eine von den Sozialdemokraten angestrebte Neuordnung der Regierung, ohne Einwirkung von außen möglich sein? Bisher haben sich die Russen in der finnischen Politik zwar zurückgehalten. Alle Berichte aus Finnland stimmen darin, überein, daß Finnland großzügig lehandelt wird, unter den von Rußland besetzten Ländern eine Sonderstellung einnimmt und vom Westen keineswegs durch einen eisernen Vorhang getrennt ist. Allerdings hat Schdanow als Vorsitzender der interalliierten Kontrollkommission erst kürzlich wieder das Fortbestehen der jetzigen Koalition, bestehend aus Volksdemokraten, Sozialdemokraten, Bauernpartei und der Partei der schwedischen Minderheit, gefordert. Er wird es wohl keineswegs hinnehmen, wenn der Einfluß der Volksdemokraten ausgeschaltet oder auch nur zugunsten der Sozialdemokraten wesentlich gemindert wird.

Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten des Landes lassen, die politische Krise verständlich erscheinen. Finnland seufzt unter der Last der Reparationen. Es muß, beginnend am 19. September 1944, in acht Jahren an Reparationen Waren im Werte von 300 Mill. Dollar auf der Preisbasis von 1938 liefern und bei Lieferungsverzögerungen Verzugszinsen von 60 v. H. jährlich in Waren zahlen. Die genau festgelegten Lieferungen bedeuten außerdem eine Umstellung der finnischen Wirtschaft durch Ausbau der Metall- und Maschinenindustrie und die Bezahlung umfangreicher Lieferungen mit Dollars und anderen knappen Devisen. Diese Reparationslasten verstärkten den mit dem Krieg gegebenen, inflatorischen Auftrieb und erschweren die Aufgaben des Lohn- und Preisstabilisierungsamtes. Immerhin waren die Lohn- und Preiserhöhungen durch einen, im Juni vorigen Jahres abgeschlossenen sechsmonatigen Burgfrieden zu einem zeitweiligen Stillstand gekommen, seit Beginn dieses Jahres aber setzten die inflatorischen Kräfte sich wieder stärker durch, und damit nahmen die wirtschaftlichen Schwierigkeiten erheblich zu. Die dabei aufgekommenen Meinungsverschiedenheiten der Parteien und die ultimativen Forderungen der Sozialdemokraten und der Bauernpartei veranlaßten den Volksdemokraten Pekkala, am 1. April zurückzutreten. Die Volksdemokraten verlangen Lohnerhöhungen für die Arbeiter, wollen aber keine Preissteigerung zulassen, die Bauernpartei will eine Erhöhung der Preise für Agrarerzeugnisse, die Sozialdemokratie ist mehr auf Stabilisierung bedacht Eine Einigung erscheint nach nunmehr einmonatiger Dauer der Krise ungewisser den je. Der Versuch Leinos scheiterte am Widerstand, der Bauernpartei, nachdem vorher der Fortschrittler Tuomioja, der während des Krieges für einen Frieden mit Rußland eingetreten war, von den Volksdemokraten abgelehnt worden war.

Gleichzeitig läuft ein Prozeß gegen hohe finnische Offiziere wegen angeblicher Vorbereitung zu einem, neuen Krieg. Die höheren Offiziere werden mehr denn je von der Stapo überwacht, einige sitzen im Zuchthaus, andere gingen ins Ausland, und viele warten auf ein Verfahren. Ferner Wird die Öffentlichkeit sehr beunruhigt durch Großbrände in Warenlagern und Betrieben, die mit den Raparationslieferungen an die Sowjets in Verbindung stehen.

W. G.