Bemerkungen zu einer Ausstellung Henry Koerners

Berlin rühmt sich, die am meisten internationale Stadt Europas zu sein. Außerhalb des Politischen zeigt sich das besonders in den Programmen des Theaters und des Films, aber auch in den Konzerten, wo man nicht nur internationale Musik hört, sondern wo auch Künstler auftreten, die aus Moskau und Paris gekommen sind. Auf dem Gebiet der bildenden Kunst jedoch waren bisher nur die beiden französischen Ausstellungen, moderner Graphik und moderner Malerei wichtigere Ereignisse, die zudem Berlin mit anderen deutschen Städten teilte. Inzwischen aber zeigte sich zum erstenmal ein amerikanischer Künstler in einer Sonderausstellung: Henry Koerner im "Haus am Waldsee" zu Zehlendorf; er erregte allgemeines Interesse. Nicht nur deshalb, weil er Amerikaner ist (das ist er, beiläufig, auch noch gar nicht sehr lange; er stammt aus Wien), sondern wegen der besonderen Art seiner Bilder, die – mit einer kämpferischen oder allgemein menschlichen Tendenz in starkem Maße erzählend: sind. Und was sie erzählen! Nackte Menschen ziehen Kleider aus Trümmern hervor, während im Hintergrund ein Rummelplatz sein banales Treiben entfaltet. Oder: ein nackter Mann sieht aus dem Fenster, im Hintergrund des Zimmers sitzt seine wartende Frau, ganz hinten im Bilde ermordet Kain seinen Bruder, während andere Menschen sich friedlich vor ihrem Haus ausruhen oder essen oder mitten in der Landschaft vor einem Spiegel Kleider anprobieren. Es ist also viel auf den Bildern zu sehen, und deshalb kann man auch so gut über sie sprechen und schreiben, was viele, die den Mund und die Feder gewandt führen, denn auch weidlich getan haben. Für Leute mit ausgesprochenem Mitteilungsbedürfnis war dem Katalog; auch gleich ein Fragebögen beigelegt, nach dem Motto: "Welche Bilder halten Sie für unverständlich?"

Die Bilder sind in Einzelheiten von einem bis ins Peinliche gehenden Naturalismus. Nirgends ist die Gestalt des Menschen, wie in anderen Werken moderner Malerei, aufgelöst, sondern höchstens karikaturistisch übertrieben. Dies also ist beim alten geblieben. Nur die Perspektive ist verlassen, Szenen und Raumabschnitte sind Bilderbogenmäßig ineinandergeschachtelt. Und eben dann liegt, wie es heißt, das Moderne, eine Synthese.gewissermaßen dessen, was heute gewünscht wird:

Dem naiven Betrachter ist alles verständlich, doch auch derjenige, der neue Formprobleme in der Kunst sucht, kommt auf seine Kosten. Auf einem Bilde zum Beispiel sind die Eltern des Künstlers dargestellt: verirrt in einem trostlosen Walde; ein häßlicher Wall: so liegt das Herbstlaub zwischen ihnen. Auf einem anderen Bild steht eine rundliche nackte Frau einem abgemagerten nackten Mann gegenüber; beide sind durch einen Bretterzaun getrennt, und das Ganze ist von oben gesehen. Dies symbolisiert, wie die Erklärung sagt, die Verschiedenheit von Mann und Frau, die in Leben wie durch einen Zaun voneinander getrennt sind und sich nur darüber hinweg verständigen, Wie gut ist solche Unterweisung, ohne die der Unbefangene vielleicht an ein Luftbad denken könnte. Oder sollte doch etwa ein Mißverständnis über die Möglichkeiten der Malerei vorliegen? Neben den Bildern waren Zeichnungen ausgestellt, die dartaten. daß Henry Koerner ein ausgezeichneter, origineller und oft packender Zeichner ist. Hier scheint sich uns sein eigentliches Talent vor allein zu bewähren.

"Empfinden Sie die Bilder als amerikanisch?" So wollte es der Fragebogen wissen. – In Einzelheiten vielleicht, aber im ganzen empfinden wir diese Bilder nicht als spezifisch amerikanisch. Ähnliches ist früher auch in Deutschland (etwa in der Novembergruppe) versucht worden und sicherlich überall möglich. Die bildende Kunst Amerikas ist so vielseitig und gerade heute für uns interessant, daß eine größere amerikanische Ausstellung in Deutschland stärkster Anteilnahme sicher wäre.

Alfred Hentzen