Nach der im Februar erlassenen Zonen-Exekutivanweisung Nr. 54 gelten als Militaristen Berufsoffiziere und sonstige Angehörige der deutschen Wehrmacht, "deren Einstellung, frühere Tätigkeit und berufliche militärische Kenntnisse den Militärgouverneur zu dem glauben veranlassen, d. sie den militärischen Ehrgeiz des deutschen Volkes nähren oder wiedererwecken könnten".

Diese Bestimmung ist in der britischen Zone die Grundlage der personellen Entmilitarisierung, die die materielle Entmilitarisierung Deutschlands ergänst. Sie bezeichnet den Bereich möglicher "Rüstungsmenschen", so wie andere Anordnungen den Bezirk möglicher Rüstungsbetriebe abstecken. DieEinzelheiten bei der Durchführung der personellen "Demontage" werden dabei, ebenso dem Ermessen der Besatzungsbehörden überlassen, wie das für die Demontage der Fabriken und Maschinen gilt Anders als bei den "Nazis" behält sich dieMilitärregierung auch die Kategorisierung der "Militaristen" selbst vor. Bei diesen Maßnahmen handelt es sich primär gar nicht um die Rechtsher vor einer "Vergehen und Strafe", sondern um politische Zielsetzungen, um das Verlangen nach Sicherheit vor einer potentiellen deutschen Bedrohung. Der Besitz bestimmter "beruflicher militärischer. Kenntnisse" ist auch vom Standpunkt der Siegermächte nicht eine Schuld, die gebüßt, sondern eineGefahr die unwirksam gemacht werden soll. Eine solche politische und nicht juristische Definition des Militarismus, in der das subjektive Ermessen des Militärgouverneurs an Stelle des einem Verdächtigen nachzuweisenden objektiven Tatbestandes tritt. liegt ihrem Wesen nach auf einer anderen Ebene als die "Rechtsgarantien" für jeden einzelnen ’Deutschen, von denen General Marshall in Moskau mit Nachdruck gesprochen hat. Der amerikanische Außenminister forderte mit überzeugendem Ernst unveräußerliche Grundrechte für alle Deutschen, eine gesetzlich verankerte, jede Willkür ausschließende Stellung der Besatzungsmächte, eine allgemeine, jedem Bürger garantierte Rechtssicherheit. ohne die es keine Demokratisierung des deutschen Volkes geben könne.

Für uns Deutsche ist es nicht allein eine politische und nicht einmal allein eine rechtliche Aufgabe, mit dem Militarismus fertig zu werden. Seine Überwindung gehört vielmehr vor allem in das weite und fruchtbare Feld einer deutschen Selbsterziehung. Hierbei haben wir nicht damit zu beginnen, einen bestimmten Personenkreis abzugrenzen innerhalb dessen man des Militarismus habhaft werden könnte,sonderndamit, die Sache selbst zu er-– kennen. DieseErkenntnis ist bei uns noch sehr unzureichend. Die schädlichen"Ismen" harten nicht einfach an bestimmten Menschengruppen, sie sind geistige. Substanzen, die überall auftauchen können, oft gerade da, wo man sie am wenigsten vermutet. Und fernerhaben die Ismen. zumal heute in Deutschland, die bedenkliche Seite, daß man aus ihnen Schlagwortefabrizieren kann. Der Militarismus macht da keine Ausnahme. Schlagworte muß man zerschlagen, wenn man Erkenntnisse gewinnen will.

Richtig verstanden, bedeutet Militarismus den Verlust, des rechten Maßes für das Militärische. Die Militaristen lassen das Militärische nicht innerhalb der ihm durch seinen Sinn und Zweck gesetzten Grenzen, so, wie die Nationalisten das Maß desNationalen nicht einhalten. Maßlosigkeit, die jeden schädlichen Ismus kennzeichnet, bedeutet aber – immer daß dem Übermaß auf der einen Seite ein Untermaß auf der anderen Seite entspricht. Durch den Militarismus kommen die nichtmilitärischen Werte zu kurz, verkümmern die anderen Lebensgebiete, wird der Kultur, dem Menschen, ganzenVölkern schwerster Schaden zugefügt. Die Nachbarschaft zwischen dem Militärischen und dem Krirgmacht den Militarismus zu einer ganz besonders bedrohlichen Gefahr.

Auf unserer heutigen historischen Stufe liegen Sinn und Zweck des Militärischen in der – nationalen oder übernationalen – Selbstverteidigung gegen Angriffe. Heute ist daher jede militärische Aggression militaristisch. In einem späteren Zeitalter allgemeiner Abrüstung wird schon das Land, das überhaupt eine Armee besitzt, als militaristisch gelten. Aber vor noch gar nicht allzulanger Zeit war innerhalb des europäischen Staatensystems dasMilitärische durchaus nicht auf den Verteidigungszweckbeschränkt. Heerwesen und Krieg waren frü- her anerkannte Mittel der Machtpolitik neben anderen Mitteln; erst als Selbstzweck wurden siemolitáristisch. Ludwig XIV., der viele Kriege, geführt hat, war nach den Maßstäben seiner Zeit ein Imperialist, aber, kein Militarist. Dagegen war Napoleon I., der die ganze Weltpolitik auf sein persönliches Feldherrngenie zuschnitt, zweifellos ein Militarist und noch mehr vielleicht vor ihm Karl XII. von Schweden, bei dessen uferlosen Kriegszügen ein realpolitischer Sinnkaum noch erkennbar war. Auf keinen Fall kann man historische Erkenntnisse gewinnen, wenn man Staatsmänner früherer Jahrhunderte nach den Grundsätzen der Charta von San Franzisko wertet.

In unserer eigenen Geschichte war fraglos Friede rich Wilhelm I. von Preußen ein Militarist des Heerwesens, wenn auch nicht des Krieges. Ohne ersichtliche macht^-und kriegspolitische Ziele unterhielt er in einem Land von 2 1/2 Millionen Einwohnern ein stehendes Heer von 85 000 Mann. Vier Fünftel der Staatsausgaben wurden für diese Armee verwendet, und die preußischen Werber waren in ganz Deutschland gefürchtet. Sehr viel später hat der hannoversche Staatsmann Rehberg gesagt: "Preußen ist nicht ein Land, das eine Armee – hat. sondern eine Armee, die ein Land hat." Das ist zwar geistreich, aber, in einem wichtigen Punkt exakt Selbst für das Zeitalter Friedrich Wilhelms I. ließe sich nur sagen: "Preußen ist ein Staat, der nicht eine Armee für sein Land hat, sondem ein Land für seine Armee." Der Staat hatte die Armee, nicht etwa die Armee den Staat. Das preußische Heer und später das deutsche sind immer nur Instrumente, aber nicht Träger der Politik gewesen. Und erst mit eigener Politik, mit eigenem politischem Ehrgeiz kann ein Heer militaristisch sein, weil es damit die Grenze seiner militärischen Aufgabe überschreitet. Wir haben in unserer Geschichte keine Parallele zu dem Militarismus des; Japanischen Heeres und der japanischen Flotte, die die Politik ihres Landes direkt beeinflußten undZwischenfälle hervorriefen, aus denen Kriegeentstanden. Bei uns liegen die Dinge ganz anders; Man ist auf falscher Fährte, wenn man den deutschen Militarismus bei den deutschen Berufssoldaten sucht. Das gilt auch für das wiederum unkriegerisch-militaristische und "marxistische" Zeitalter Wilhelms II. und ebenso für die kriege-, risch-militaristischen Hitlerjahre.

Der "Friedensmilitarismus" ist deshalb so gefährlich, weil er, obwohl unbewußt, einem späteren Kriegsmilitarismus sein böses Werk erleichtert. Es ist immer falsch, immer unheilvoll,wenn militärische Haltung, militärische Wertung eine ganze Nation überfluten. Aber das hat bei unsseine. Quellen in der Staatsführung und nicht in der Armee... Ein Berufsoffizier wird nicht dadurch zum Militaristen, daß er ein guter Soldat ist, daß er von ganzem Herzen Soldat ist. Bis in den letzten Krieg hinein blieb es für die deutschen Berufssoldaten typisch, daß sie über ihr Gebiet gar nicht hinausblickende Militärhandwerker waren. Auch der deutsche Generalstab war ein miliärwissenschaftliches. Institut und nicht etwa eine Kriegsverschwörungszentrale, was der Nürnberger Gerichtshof anerkannt hat, der sehr wohl einen Unterschied zwischen ehrenhaftem Soldatentum, Militarismus und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu machen wußte. Dieser Unterschied muß in Deutschland unbedingte Geltung haben.