Der Raum, den die Sowjetliteratur auf den Bühnen der Ostzone einnimmt, Wird breiter. Innere Schwierigkeiten, die dem Verständnis entgegenstehen, werden planvoll überwunden, wenn auch auf eine Weise, die vom "westlerischen" Standpunkt aus merkwürdig scheinen mag: In Eisenach wurde die Komödie "Ein fremdes Kind" von W. Schkwarkin im Rahmen einer Vorstellung für die Freie Volksbühne zur Erstaufführung gebracht und zum Schluß eine Diskussion im Theater veranstaltet. Von der Bühne herab wirkte der Intendant des Hauses als Leiter der Aussprache, erläuterte den "ideologischen Kern" und erteilte sodann das Wort dem Spielleiter, der den von ihm gewählten Stil, der Inszenierung begründete, während die Darsteller, noch geschminkt, aber in ihre bürgerlichen Mäntel gehüllt, auf den Gartenstühlen der Dekoration um ihn herumsaßen, bereit, bei jedem Angriff, der aus dem Zuschauerraum kommen sollte, die Auffassungen von ihren jeweiligen Rollen zu verteidigen.

In dieser Diskussion, an der sich das Publikum lebhaft und naiv interessiert beteiligte, zeigte sich, daß das Kostümstück, wenn es nicht von Schiller, Goethe oder Shakespeare ist, als solches abgelehnt wird – "Es war so altmodisch", sagte eine Frau von der reizvollen Inszenierung der "Brautschau" von Gogol, die vor Jahresfrist in demselben Theater stattgefunden –, und daß die frische, unkomplizierte Bewegtheit der neuen, der sowjetischen. Komödie schon darum besser gefiel, weil sie unter Gestalten spielt, die sich, vielleicht nicht zu Unrecht, selbst dauernd als "neue Menschen" bezeichnen.

Diese neuen Menschenkind technische Studenten, eine Schauspielerin und eine Studentin, Die Schauspielerin hat als erste Rolle ein Mädchen darzustellen, das, von ihrem Freund verlassen, ein uneheliches Kind zur Welt bringen muß. Sie wird beim Studium ihrer Rolle belauscht "Flichen? Wohin? ... Und was wird aus dem Kind? ... Was für ein Leben erwartet es? ... Mein Kind, mein Kleines?" –, die beste Freundin glaubt ihr nicht, daß dies Worte der Bühnengestalt sind; so beschließt Manja, das Mädchen aus dem Theaterstück auch, im Leben zu spielen. Auf diese Weise glaubt sie auch, die Bühnenfigur begreifen zu lernen, die ihr – "die ganze Angelegenheit ereignete sich vor der Revolution – ganz unverständlich ist.

Ihre Eltern, die ebenfalls aus der Zeit vor der Revolution stammen und keine neuen Menschen sind, nehmen die Nachricht von dem zu erwartenden Kind zunächst mit Schrecken auf. Das enttäuscht Manja. Ihre Mutter kann sie allerdings noch verstehen: "Mutters Verhalten ist noch verzeihlich; sie ist von ihrem Mann als Hausfrau ausgenutzt worden." Manja muß aber auch sehen, daß ihre Verehrer von ihr ablassen; einer von ihnen, der Zahntechniker Senetschka Pertschatkin, der rührende, schüchterne, bringt sogar das ganze. Gerede über Manja erst in Gang.

Darüber packt ihn im zweiten Akt die Verzweiflung, die sich in einem Reuemonolog Luft macht, einem nicht unwitzigen Komödieneinfall: Senetschka sitzt zerknirscht auf einer Gartenbank und sagt: "Vor der sowjetischen Öffentlichkeit sitzt der Philister Semen Pertschatkin auf der Anklagebank. Das Verhör hat begonnen:

Semen Pertschatkin, bekennen Sie sich dazu, ein gemeiner Lump zu sein? Ich bekenne mich dazu.

Sind Sie sich dessen bewußt, daß Sie wie ein ungebildetes Waschweib geklatscht haben?