Von Adolf Kummernuß

Der Verfasser ist Vorsitzender des Gesamtverbandes Hamburg des Deutschen Gewerkschaftsbundes

Das Wesen jeder Gewerkschaftsbewegung ist es, die Interessen der Arbeitnehmer zu wahren. Die Gewerkschaften sind daher in ihrer geschichtlichen Entwicklung auf dem Boden des Kampfes um den Arbeitsertrag gewachsen; das heiß aus der gesellschaftlichen Spaltung, der das Lohnsystem entstammt. jene Arbeits Verfassung des Kapitalismus, die die Lohnarbeit erblich und den Lohnarbeiter zum Proletarier machte. So stand im Mittelpunkt der Gewerkschaftsarbeit der Kampf um den Anteil des Arbeiters am Arbeitsprodukt, dieVerteilungs- und Lohnfrage. Der Widerstand der Unternehmer gegen die gewerkschaftlichen Bestrebungen, wie die-Koalition der Arbeiter überhaupt, war im Grunde nichts anderes als der Versuch ihre Machtposition im Diktat der Lohn- und Arbeitsbedingungen zu retten und zu erhalten Sie fühlten instinktiv, daß in dem Augenblick, in dem an die Stelle des einzelnen, mit keiner sozialen Macht begabten Arbeiters der kollektive Machtkörper der Gewerkschaften trat, ihre Macht gebrochen werden mußte.

Zur Sicherung der Arbeitskraft haben die Gewerkschaften in der Vergangenheit eine Fülle sozialpolitischer und arbeitsrechtlicher Arbeit geleistet, die in ihrer Auswirkung von revolutionärer Bedeutung war. Diese Arbeit hob sie aus der bloßen Zweckbestimmung der Interessenvertretung der arbeitenden Massen heraus und formte sie zu einem Kulturfaktor ersten Ranges. Was auf dem Gebiete der beruflichen Erziehungs der Bildungs- und Kulturarbeit für die deutsche Arbeitnehmerschaft, getan wurde, zählten ihren außergewöhnlichen Leistungen. Die, Gewerkschaften erkannten, daß im modernen Produktionsprozeß nur geistig hochstehende Arbeiter ihren Platz ausfüllen können. Wenn trotzdem bei den Unternehmern und Unrernehmerorganisationen die Gewerkschaften nur ab Streikvereine, als Störer oder gar Zerstörer der Produktion, als Fremdkörper im Wirtschaftsleben angesehen wurden, denen der rücksichtslose Kampf der Kapitalmacht zu gelten habe so kann man diese Einstellung, wenn man leidenschaftslos Ursache und Wirkung prüft, verstehen.

Die wiedergegründeten deutschen Gewerkschaften sind nicht nur durch die weitgefaßten Zielsetzungen, sondern auch durch die gegenwärtigen Zeitverhältnisse zu einem wichtigen Faktor des gesamten öffentlichen Lebens geworden. Die Dringlichkeit der mannigfaltigen Aufgaben, die es nicht nur für die organisierte Arbeitnehmerschaft. sondern für das Allgemeinwohl des Volkes zu lösen gilt, lassen ihnen nur wenig Zeit für ihre eigenen Organisationsaufgaben. Zu den alten kamen neue Aufgaben, die weit über den Rahmen hinausgehen, der früher der gewerkschaftlichen Tätigkeit gezogen war. Von den früheren Aufgaben ist den Gewerkschaften nichts, abgenommen worden, im Gegenteil, sie warten auf ihre konstruktive Lösung, damit das Arbeitsleben wieder normale und geklärte Formen annimmt. Dazu gehören vornehmlich: die Regelung des Lohn- und Arbeitsbedingungen, die Sozialpolitik und Sozialversicherung, das Arbeitsrecht und die Arbeitsgerichtsbarkeit das Betriebsräterecht, der Arbeiterschutz, die Berufsausbildung, das Bildungs- und Kulturwesen, die alle einer gründlichen Neugestaltung bedürfen. Vonbesonderer Bedeutung aber ist die Tatsache daß ihr Kampf nicht mehr allein um die Verteilung des Arbeitsproduktes, sondern um die Gestaltung der Wirtschaft und das heißt: des Sozialproduktesführt werden muß

Die Erkenntnis, daß in Deutschland eine Demokratie nur leben kann, wenn sie sich auch auf die Struktur der Wirtschaft ausdehnt führt zu der Forderung nach dem Mitbestimmungsrecht der Gewerkschaften in der Wirtschaft Die deutsche Wirtschaft wird nicht mehr ‚,private" sondern öffentliche" Angelegenheit, die das ganze Volk angeht. Produktion und Verteilung müssen als eine gesellschaftliche Aufgabe angesehen werden. Nach unseren Erfahrungen wissen wir, daß eine falsche und ungerechte Verteilung von wirtschaftlicher Macht für die Zukunft des deutschen Volkes gefährlich ist. Darum ist die Forderung nach Demokratisierung von Wirtschaft und Verwaltung eine sehr ernste Frage. Die Gewerkschaften werden keine Ruhe geben, bis sie verwirklicht ist. Der Deutsche. Gewerkschaftsbund (DGB), der auf dem ersten Gewerkschaftskongreß vom 22. bis 25. April 1947 in Bielefeld gegründet wurde und dem alle, autonomen Industrieverbände in der englischen Zone mit fast zwei Millionen Mitgliedern angehören, hatdie gewerkschaftlichen Forderungen in einer Reihe von Entschließungen festgelegt.

Der Kongreß hatte die Aufgabe, einen einheitlichen und starken Bund als kollektiven Machtkörper der organisierten Arbeitnehmer wenn auch zunächst nur für die englische Zone zu schaffen. Seine Gründungist nichts Endgültiges, vielmehr wurde sein Aufgehen in einem – gesamtdeutschen Bund schon bei seiner Gründung als das erstrebenswerte Ziel klar herausgestellt. Immerhin ist diese zonale Teillösung, wie Hans Böckler in seiner Eröffnungsansprache zum Ausdruck brächte, von Millionen Herzen ersehnt und gewollt, ein Bund, der zu einem Willenszentrum der schaffenden Menschen, einem Stauwerk von Kraft, Willen und Energie in der Schwere der Zeit geformt werden soll. Es gilt – und das ist seine höhere Aufgabe – den Menschen zu retten, sein Göttliches, seinenGeist und seine Kultur. Der gute Geist lebt in uns und beseelt die arbeitenden Menschen; in den Gewerkschaften soll er seine Heimstätte finden.