Es ist modern, den demokratischen Stil wegen der Unfruchtbarkeit, die gegenwärtig sein Charakteristikum ist, zu kritisieren. Eine Sitzung, die die Handwerkskammer Hamburg vor kurzem einberufen hat, zeigte jedoch den Wert der offenen und öffentlichen Aussprache. In Gegenwart des zuständigen Senators und seiner Mitarbeiter wiesen die Vertreter des Handwerks auf die Mängel der Hamburger Verwaltung für Wirtschaft hin und forderten vor allem eine geordnete Verteilung der Rohstoffkontingente. Von der Unordnung und Undurchsichtigkeit der Bewirtschaftung abgesehen, wehrte sich das Handwerk hauptsächlich dagegen, nur als Anhängsel der Industrie behandelt zu werden, wobei es, wie sehr nachdrücklich und mit vielen Beispielen dargetan wurde, meist zu kurz käme. Im Grunde handelt es sich wohl wieder um die alte Erfahrung des Sprichwortes: "Der Teufel schmeißt immer auf den größten Haufen." In dem Konkurrenzkampf, der heute nicht mehr auf dem Markt, sondern in den Behörden ausgetragen wird, sind die großen industriellen Unternehmen, die sich besonders fähige Köpfe für den Behördenverkehr heranziehen können, nun einmal überlegen.

Der Geschäftsführer der Handwerkskammer begnügte sich in seinem einleitenden Referat nicht mit einer allgemeinen Schilderung der Verhältnisse; er wußte zahlreiche eindrucksvolle Einzelfälle zu. nennen, zeigte die Ursachen der unbefriedigenden Lage und legte mehrere sehr präzise und offensichtlich gründlich erwogene Vorschläge vor. Das Handwerk wußte genau, was es wollte. In erster Linie ging es um die Einrichtung einer selbständigen, der Industrie gleichgeordneten Handwerksabteilung im Hamburger Amt für Wirtschaft, das heißt um eine Vertretung in diesem Büroapparat, stark genug, um die Interessen des Handwerks wirksam wahrnehmen zu können. Die Interessen: das sind vor allem die Kontingente. Die berüchtigten Quotenkämpfe, die die in-einem Kartell zusammengeschlossenen Unternehmen früher unter sich austrugen, spielen sich heute im Grunde nicht anders in der gelenkten Wirtschaft ab. Da sich die Vertreter des Handwerks aber über den Ernst der Situation, das heißt über die völlige Unzulänglichkeit der Rohstoffzuteilungen vollkommen klar waren und wiederholt betonten, sie wollten nicht mehr als einen gerechten Anteil daran haben, dürfte es bei der ruhigen und sachlichen Auffassung, die von der Handwerkskammer vertreten wurde, relativ leicht sein, sich von Fall zu Fall über die Verteilungsschlüssel zu einigen.

Die organisatorischen Fragen standen also im Mittelpunkt der Diskussion – die Bewältigung der offensichtlich kaum zu meisternden Schwierigkeiten einer total gelenkten Mangelwirtschaft. Eine wesentliche Erleichterung ließe sich allerdings wahrscheinlich schon erreichen, wenn in einer gemeinsamen Sitzung, also unter Heranziehung des Handwerks, wöchentlich in der Behörde alle eingegangenen Kontingente festgestellt und verteilt würden. Eine kurze, schriftlich fixierte Bemerkung über die Gesichtspunkte der Verteilung und ihre Anerkennung durch die Sitzungsteilnehmer könnten sicher, fühlbar zur Klärung und Entspannung der Verhältnisse beitragen, zumal wenn die gesamte Kontingentsbuchführung und die Sitzungsprotokolle zur öffentlichen Einsicht ausliegen. Dabei könnte die Behörde auch eindeutig festlegen, wieweit sie in ihrer Entschlußfreiheit durch Anordnungen der Militärregierung beeinträchtigt worden ist, worauf der Senator die aufgetretenen Schwierigkeiten zu einem guten Teil zurückführte. Eine solche öffentliche Rechnungslegung würde auch dem demokratischen Stil entsprechen und dem vernehmlich erhobenen Vorwurf der Korruption weitgehend die Basis entziehen. Während die Handwerksabteilung im Amt für Wirtschaft die Globaikontingente für das Handwerk erkämpfen, soll, will die Kammer als Selbstverwaltungsorganisation des Handwerks die Verteilung dieser Globalkontingente im -einzelnen selber vornehmen. Sie weist auf ihre unvergleichlich viel größere Kenntnis der Betriebe und auf ihren – erfahrenen und eingespielten Verwaltungsapparat hin. Als gewichtiges Argument wurde auch. angeführt, daß die gewählten Obermeister, das heißt also die Vertrauensleute der Wirtschaft, die Kontingente gemeinsam verteilen wurden. Daß die Kammer bei der Durchführung dieser "Staatsauftragsangelegenheit" selbstverständlich den Weisungen und Kontrollen der Behörde in jeder Weise unterstände, wurde nachdrücklich betont.

Von einer solchen Regelung verspricht sich das Handwerk eine wesentlich beschleunigte, verbesserte und vereinfachte Bewirtschaftung. Zugleich würde die Behörde von dem direkten Verkehr mit 22 000 Handwerksbetrieben entlastet, der zu einem guten Teil Ursache der aufgetretenen Schwierigkeiten sein dürfte. Die Betreuung der verbleibenden 2000 Industriebetriebe wäre dann vom Amt für Wirtschaft sicher relativ leicht zu bewältigen.

Die Opposition des Senators und seines Vertreters gegen diese Forderung beruhte offensichtlich vor allem auf der Befürchtung, daß eine wirksame Lenkung der einzelnen Gewerbezweige nicht möglich sein werde, wenn innerhalb eines Gewerbezweiges die Industrie vom Amt für Wirtschaft, das Handwerk aber von der Handwerkskammer gesteuert würde. Die Handwerkskammer bestreitet dies und argumentiert sehr einleuchtend, daß der Behörde ja das Weisungsrecht in dieses? Staatsauftragsangelegenheiten zustände . und daß sie die Lenkung, weit wirksamer vornehmen könnte, wenn der zermürbende "Schalterbetrieb" mit seinen großen Anforderungen an Raum, Zeit, Kraft, Personal und Organisation fortfiele.

Wie nur ganz selten wurde in dieser Aussprache die innere Problematik der Staatsverwaltungswirtschaft zugleich im Konkreten und im Grundsätzlichen sichtbar. Die Schwierigkeiten türmten sich bedrückend, und wenn überhaupt, so werden sie wohl nur mit höchster Organisationskunst gemeistert werden können. Die Suche nach den überragenden Verwaltungsfachleuten zog sich, unausgesprochen, durch die ganze Versammlung.

’Hanno Frentzel-Wagner