Ab April sollte es Rasierklingen nur noch "auf Karten" geben. Die Ausgabe der Rasierklingenschecks, die jedem Mann monatlich zehn Klingen zusichern, hat sich jedoch erheblich verzögert. In den Fachgeschäften war der sonst immer noch übliche Verkauf von Klingen eingestellt, worden-, weil man auf das neue Zuteilungsverfahren wartete. Dafür gab es auf dem Schwarzen Markt – Klingen en masse, wenn auch zu erheblich angezogenen Preisen.

Jetzt hat in Hamburg das Amt für Wirtschaft eine Anordnung über die Versorgung mit Rasierklingen erlassen. Damit dürfte das "Rasierklingen-Notprogramm" nun wirklich angelaufen sein. Die vom Handel eingenommenen Marken geben dem Fabrikanten in Zukunft das Recht zum Wiederbezug entsprechender Mengen des Rohmaterials. Das "durchlaufende Bezugsrecht", bei Textilien, Hausrat und Eisenwaren noch immer umkämpft, obwohl in Bayern. beim Möbeleinkauf bereits bestens bewahrt, soll damit also auf einem Teilgebiet verwirklicht werden.

Aber dies ist wohl auch die einzige erfreuliche Seite der Angelegenheit. Denn während immer allgemeiner sich die Meinung durchsetzt, daß eine knappe Ware durch Bewirtschaftungsmaßnahmen auch dann nicht reichlicher für die Allgemeinheit zu haben ist, wenn aus der Produktion rechnerisch alle Bezugsrechte Voll befriedigt werden könnten; und daß ferner einige Mangellagen nicht notgedrungen die Ursachen, von Bewirtschaftungsmaßnahmen Sein müssen, sondern umgekehrt, diese manchmal die Verschlimmerung einer an sich prekären Situation zur Folge haben, wird hier von neuem dieser umstrittene Weg beschritten.

Heute sucht jeder so gut und solange mit seiner Klinge auszukommen wie möglich. Die Folge der Bewirtschaftung wird sein, daß jeder "sein" Kontingent zu erhalten suchen wird. Auch wenn er es nicht braucht. Der Vollbärtige wird es genau so ausnutzen wie der Weichbärtige, der bisher vier Wochen mit einer Klinge auskam. Zumindest werden sie "für etwaige Fälle" die Klingen beiseite legen und dabei an Kompensationsgeschäfte mit Männern mit starkem Bart denken. Der Verbrauch wird steigen – wie stark, wird die Zukunft zeigen. Und es ist nur ein schwacher Trost, wenn in der Begründung der kommenden Bewirtschaftung die Erwartung ausgesprochen wird, der Fabrikant brauche nicht mehr zu Kompensationsgeschäften seine Zuflucht zu nehmen, wenn ihm erst mit dem durchlaufenden Bezugsrecht die Sorge um die Materialbeschaffung abgenommen sei. Weiß man nicht, wie die Dinge praktisch liegen und auch wohl bleiben werden, weil selbst durch das beste Bewirtschaftungssystem die Gründe für eine derartige Haltung bisher noch nie beseitigt werden konnten?

Was ebenfalls betrüblich stimmt, ist die Formulierung des neuen Schrittes als Entschluß der zuständigen Fach- und Industrieverbände. Nehmen wir an, daß man ihn tat, um die Bemühungen um entsprechende Rohmaterialkontingente besser fundier.en zu können. Aber rechtfertigt er sich dadurch oder begibt man sich nicht damit eines uns auf die Dauer viel bedeutsamer erscheinenden Anspruches, nämlich bei der Forderung auf Abbau der Methoden der Reglementierung und Beschränkung der Planung oder Lenkung gehört und beachtet zu werden?

Es ist bedenklich ruhig geworden um das noch im November lebhaft diskutierte Pfennigartikelprogramm des damaligen Zweizonenausschusses für Wirtschaft. "Damals" wurden auch Rasierklingen als einschlägige Erzeugnisse genannt. Mit Recht wurde hervorgehoben, daß seine Durchführung wertvolle psychologische Wirkungen auslösen und dem Verbraucher wieder Hoffnungen einflößen könnte. Man kann geteilter Meinung darüber sein, ob die jetzt vorgelegte und ausdrücklich als "Not"-Programm bezeichnete weitere Ausdehnung der Bewirtschaftung auf ein – nach den allüberall noch glattrasierten Wangen zu schließen – doch wohl nicht so "entscheidend lebenswichtiges"; Gebiet diese erwünschten Wirkungen zeitigen wird. Der Schwarze Markt wird wohl kaum tödlich damit zu treffen sein. Denn: entweder sind die Zuteilungen so reichlich, daß niemand ihn mehr in Anspruch zu nehmen braucht, dann wäre auch die Einführung der Rasierklingenkarte überflüssig gewesen, oder aber, die Zuteilungen bleiben unzureichend, dann werden auch Schwarzhandel und Kompensationsgeschäfte weiter gedeihen – wie bisher. Nicht mehr bewirtschaften, sondern mehr produzieren heißt des Rätsels Lösung. Spf.