Von Karl Neumann

Niemand schwärmt im Augenblick vom Kriege. Wir verwünschen und verfluchen ihn. Aber was ist damit getan? Nichts! So lange ist nichts getan, ehe nicht die selbstverständliche seelische Reaktion des Augenblicks eine Leistung ethischen oder politischen Denkens heraufführt. Zunächst aber ist unsere Feindschaft gegen den Kriegsgedanken nur die automatische Auswirkung unserer Erlebnisse. Sie mag immerhin einige Jahre währen, aber sie schützt, wie frühere Erfahrungen lehren, die Menschheit nicht vor dem Rückfall in jene gedankliche Leichtfertigkeit gegenüber dem Kriege, die sie durch alle Jahrhunderte bisher bewiesen hat. Die schlichte Abscheu gegenüber dem Kriege, zumal nach einer Niederlage, bezeichnet nur eine Krise, aber keine Revolution des Denkens.

Es genügt nicht, auf den Krieg zu schimpfen und auf den Frieden zu hoffen. Man müßte an die Möglichkeit des ewigen Friedens glauben dürfen. Aber wer glaubt daran? In Parlamenten und auf Konferenzen gehört es zwar zum guten Ton, wenigstens den Schein dieses Glaubens zu wahren. Sind aber die denkenden Menschen aller Länder und etwa die Philosophen wirklich überzeugt, daß mit diesem Jahrhundert die Kriege überhaupt enden könnten?

Auch heute, noch ist die Ansicht weitverbreitet, daß der Kriegseine biologische oder psychologische Funktion bedeute, daß er ein zwingender Ausfluß der menschlichen Natur oder ein unentbehrliches Glied im geschichtlichen Kräftespiel sei. Biologischer und geschichtlicher Fatalismus beherrschen also das Feld. Und da die Menschheit ihre meisten Grundanschauungen aus der Erfahrung gewonnen hat, ist es überdies kaum möglich ihr wegen dieses Urteils einen Vorwurf zu machen. Die Masse hält sich an Erfahrungsweisheiten und ist daher geneigt, neuen Konzeptionen als den Phantastereien von Schwärmern zu mißtrauen. Deshalb kann die geistige Überwindung des Krieges nicht aus der Masse kommen, sondern von denen, die an die schöpferische Kraft und die aufbauende Macht des Geistes glauben: von Philosophen. Von ihnen müßte eine Revolution des Denkens über den Krieg ausgehen.

Es gibt heute viele Einzelattacken gegen den Krieg: die Völkerrechtler entwerfen eine neue Sicherheitsordnung, die Theologen predigen gegen den Machtdünkel, Dichter zeigen apokalyptische Bilder und preisen die friedliche Arbeit, Historiker suchen die Schuld, Psychologen und Soziologen untersuchen Motive und beschreiben Wirkungen, Techniker stehen, vor der Frage, ob die Übersteigerung der militärischen Technik die ganze Menschheit vernichten oder dem Kriegsungeheuer zwangsläufig das Maul stopfen wird. Alle diese Bemühungen sind fruchtbar und ermutigen uns. Zu einem Erfolg aber werden sie wohl nur dann führen, wenn es gelänge, sie zu verewigen. Zu viele meinen; das Übel mit einem einzigen Patentmittel heilen zu können, sei dies die religiöse Besinnung der einzelnen, sei es eine Weltorganisation oder eine Weltmacht, die alle meuternden Einzelkräfte in Schach hält. Es fehlt aber ein System, das alle diese Einzeltendenzen zu einem wirksamen Zusammenspiel bringen, ihre Möglichkeiten kritisch untersuchen und eine "Strategie des Friedens" entwerfen könnte, durch die alle Taktiken erst zu voller Auswirkung kämen. In fast allen Ländern gibt, es Kriegsakademien, die wissen, wie man einen Krieg macht, aber es gibt keine Stelle, die alle Friedensbemühungen mit gleicher Gründlichkeit prüft und koordiniert. Es gibt keine Friedensakademie. Immer noch herrscht die Anschauung, daß man Kriege "machen" könne, während sich der Friede stets von selber ergäbe. Aber man muß auch den Frieden "machen!" Er erblüht nicht aus einer Summe von Sentimentalitäten, er verlangt einen geistigen Generalstab.

Was fehlt uns noch an geistigen Voraussetzungen, eine solche Einheit zu stiften? Die Stimme des Philosophen fehlt, dessen vornehmste Aufgabe es sein müßte, das Ganze ins Auge zu fassen, aus der tiefsten inneren Bewegtheit die menschliche – Existenz heraus alle Einzelerkenntnisse zu prüfen und zusammenzuschauen. An dieser: Stelle begegnen wir jedoch der empfindlichen Lücke in der Phalanx, die im Begriff ist, sich gegen den Krieg zu bilden. Die Geschichte scheint ohnehin, während sie unser reales Leben so entscheidend bestimmt, von jeher ein Stiefkind der Philosophie gewesen – zu sein. Und die wenigen Geschichtsphilosophen haben gerade die Polarität von Krieg und Frieden arg vernachlässigt. Wer nach entscheidenden philosophischen Werken über diese Frage sucht, wird Kants Schrift "Zum ewigen Frieden" aus dem Jahre 1795 finden, und Max Schelers Schrift über die Idee des Friedens und den Pazifismus, aber das ist auch nahezu alles, und aus der letzten Zeit und der Gegenwart ist kaum etwas hinzuzufügen. Entscheidende Ansatzpunkte finden sich bei den amerikanischen Philosophen William James und John Dewey, aber auch sie sind in der Folgezeit nicht weiter ausgebaut worden. Hier liegt Brachland für mutige Geister.

Die entscheidende Frage wird sein, ob es sich bei Krieg und Frieden um eine echte Polarität, einen notwendigen Rhythmus des Lebens handelt, oder ob es gelingen mag, jene Kräfte, die bisher ihren Ausdruck in Kriegen fanden, in eine andere, aufbauende Energieform überzuleiten. Ein Gesetz oder irgendeine Einzelmaßnahme wird kaum genügen, den Frieden zu garantieren. Nur aus einem Vergleich zwischen Krieg und Frieden und ihren Gesetzlichkeiten wird es möglich, sein, einen Frieden zu schaffen, der des Krieges nicht mehr bedarf wie ein unselbständiges Kind der Amme. Erst wenn die Perspektiven: einer solchen Neuordnung deutlicher werden und wir bestimmte Umrisse erkennen, werden, wir von einer Revolution des Denkens statt von einer Krise sprechen können.