Wir werden kein zweites Danzig schaffen!" Diese leidenschaftliche Versicherung, die im angloamerikanischen Lager erklang, sobald sich die Absicht, das Triester Problem durch Bildung eines Freistaates zu lösen, herauszukristallisieren begann, enthielt nicht allein ein Programm, sondern verriet zugleich die Befürchtungen, die sich angesichts der Erfahrungen der Vergangenheit und der großen Ähnlichkeit der Problemstellung aufdrängten. Heute wie damals ist der Freistaat eine Notlösung gegenüber zwei um das Gebiet rivalisierenden Mächten, heute wie damals ist er in seinem wirtschaftlichen Wohlergehen abhängig von einem gewaltigen Hinterland, das im Falle Triests sogar nicht einmal so sehr durch die beiden unmittelbaren Konkurrenten Italien und Jugoslawien allein, als vielmehr durch den mitteleuropäischen Raum, vor allem Österreich, die Tschechoslowakei und ihre Nachbarn dargestellt wird. Nicht umsonst hat der Triester Hafen jene Rekordumschlagzahl von 3,4 Mill. t im Jahre 1913, also während seiner Zugehörigkeit zur österreichischungarischen Monarchie, nie wieder zu erreichen vermocht.

Die Verfassung des Freistaates Triest, wie sie der italienische Friedensvertrag vorsieht, zeigt das Bestreben, klare und eindeutige politische Verhältnisse zu schaffen. Sie vermeidet bereits einen grundlegenden Fehler, der seinerzeit den Freistaat Danzig mit dem Fluch eines ständigen Zwielichts beladen hatte. Obwohl man nämlich über den deutschen Charakter der Danziger Bevölkerung auch in Versailles nicht einen Augenblick im Zweifel war, obwohl man weiter es im deutschpolnischen Verhältnis mit einer Gegensätzlichkeit zu tun hatte, die die italienisch-jugoslawische noch übertraf, und obwohl man endlich auch in Danzig in der Stellung des Hohen Kommissars des Völkerbundes eine ähnliche Einrichtung schuf, wie sie der Gouverneur Triests darstellen wird, beging man dennoch gleichzeitig den Fehler, die außenpolitische Vertretung Danzigs nicht etwa dem Hohen Kommissar oder, dem Danziger Senat, sondern Polen, also einem der beiden Kontrahenten, auf Danziger Boden, zu übertragen. Man behandelte damit Danzig in dem gleichen Augenblick, in dem man es zu einem Freistaat machte, dennoch so, als sei es ein integrierender Bestandteil des polnischen Staates. So ergab sich der paradoxe Zustand, daß sich der durch die Danziger Bevölkerung gewählte Senat in seiner außenpolitischen Vertretung auf dieselbe fremde Macht angewiesen sah, gegen die er sich oft genug an den hohen Kommissar und den Völkerbund zu wenden hatte. Eine weiteres Inkonsequenz beging man auf militärischem Gebiet. Trotz grundsätzlicher Entmilitarisierung des Freistaates erhielt Polen das Recht, auf der dem Danziger Hafen, vorgelagerten Westerplatte eine im Umfang festgesetzte Besatzung und gewisse Vorräte an Waffen und Munition zu unterhalten. Diese Regelung wurde bedeutsam, als im Frühjahr 1933 Pilsudski in dem Bestreben, einen Präventivkrieg gegen Deutschland herbeizuführen, die Kontingente auf der Westerplatte durch starke Transporte über Danziger Gebiet vertragswidrig erhöhte, um einen Zwischenfall zu provozieren. Auch die besonderen wirtschaftlichen Rechte, die Polen in der freien und unbeschränkten Benutzung der Danziger Hafeneinrichtungen besaß, und die Tatsache, daß die Danziger Eisenbahn in Versailles unter die Regie Polens gestellt wurde, verstärkten wirtschaftlich den durch die polnische Vertretung in Danzig stets demonstrativ unterstrichenen Eindruck, daß der Danziger Freistaat in Wahrheit ein Bestandteil des polnischen Staatsgebietes sei.

In Triest sollen nun Zwitterstellungen und Konfliktsquellen vermieden werden. Der Freistaat soll sich in politischer Unabhängigkeit sowohl von Italien als auch von Jugoslawien befinden. Der Gouverneur, vom Sicherheitsrat jeweils für fünf Jahre ernannt und erneut ernennbar, braucht weder ein Italiener noch ein Jugoslawe zu sein und soll die Wahrung der vom Sicherheitsrat garantierten Verfassung, der Unabhängigkeit und Sicherheit, den Schutz der Menschenrechte für die Einwohner und die Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung zu seinen besonderen Aufgaben zählen.

Die Verfassung muß durch Zweidrittelmehrheit einer verfassunggebenden Versammlung angenommen werden. Sie sieht eine Volksvertretung aus gewählten Mitgliedern vor und einen Regierenden Rat, der vom Parlament gebildet wird und ihm verantwortlich ist. Gesetze, die durch das Parlament beschlossen werden, müssen dem Gouverneur vorgelegt werden, der sie, falls er sie als im Widerspruch zur Verfassung stehend hält, innerhalb von zehn Tagen mit seinen Empfehlungen an das Parlament zurückleiten muß. Lehnt das Parlament die Zurückziehung oder Abänderung des Gesetzentwurfes ab, so geht die Angelegenheit an den Sicherheitsrat der UNO. Ebenso kann der Gouverneur, der übrigens das Begnadigungsrecht hat, von der Regierung die Suspendierung von Verwaltungsmaßnahmen verlangen, die nach seiner Ansieht im Widerspruch zu seinen Verantwortlichkeiten stehen. Falls er die Unabhängigkeit der Freistaates, seine Sicherheit oder eines der verfassungsmäßigen Rechte für bedroht hält, kann er unter gleichzeitiger Berichterstattung an den Sicherheitsrat von der Regierung die Durchführung ihn geeignet erscheinender Maßnahmen verlangen. Wichtig ist, daß der Freistaat zwar an wirtschaftlichen, technischen, kulturellen, sanitären oder sozialen Abkommen teilnehmen darf, aber nicht eine Zollunion oder eine sonstige ausschließliche Verbindung mit einem anderen Staat vollziehen kann. Eine Freihafenzone wird zu gleichen Rechten den verschiedenen Nationen, insbesondere Italien, Jugoslawien und Mitteleuropa, zur Verfügung stehen. Der Gebrauch des Freihafens, der einem Direktor untersteht, wirft durch eine internationale Freihafenkommission überwacht, deren Mitglieder je ein Vertreter des Freistaates, Italiens, Jugoslawiens, Frankreichs, Englands, der Sowjetunion, der USA, der Tschechoslowakei, Polens, Österreichs, Ungarns und der Schweiz sein werden. Ob sich die vorgesehene gemeinsame Leitung der Triester Eisenbahn durch italienische und jugoslawische Behörden bewähren oder zu einem Feld ständiger Schlichtungsakte durch den Gouverneur werden wird, bleibt abzuwarten. Ungelöst ist auch die Frage, ob die UNO bereit sein wird, das für die nächsten Jahre zu erwartende ständige Defizit Triests zu übernehmen. In Moskau wurde einstweilen nur die Gewährung einer Anleihe von 3 Millionen, Dollar durch die Außenminister beschlossen.

Die Frage der Streitkräfte auf dem Gebiet des Freistaats wurde schon von der New Yorker Außenministerkonferenz gelöst. Grundsätzlich wird Triest entmilitarisiert, und Streitkräfte dürfen sich nur mit Genehmigung der UNO im Staatsgebiet aufhalten. Der Regierende Rat Triests unterhält lediglich Polizei- und Sicherheitsdienst, und zwar unter einem Polizeidirektor der zwar vom Gouverneur ernannt, jedoch dem Regierenden Rat normalerweise verantwortlich ist. Innerhalb 90 Tagen nach seinem Amtsantritt soll der Gouverneur entscheiden, ob er die zur Zeit noch auf Triester Boden stehenden Besatzungstruppen – 5000 Amerikaner, 5000 Engländer und 5000 Jugoslawen – weiter benötigt. Wünscht er aus Gründen der Sicherheit ihre völlige oder teilweise Beibehaltung, so hat die Zurückziehung innerhalb von 45 Tagen nach dem Termin zu erfolgen, an dem der Gouverneur feststellt, daß er auch ohne diese Truppen die öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten vermag.