Der Mangel an Büchern, aber auch die Lesebereitschaft sind so groß, daß nur Massenauflagen helfen könnten, für die das Papier nicht vorhanden: dies ist das eine Problem. Das andere ist, daß jeder kulturelle Aufbau, und sei er auch nur. in bescheidenem Maße möglich, mit dem Wunsch der "Kulturteilnehmer" verbunden ist, zumindest jene Werke der Literatur, die ihre Unvergänglichkeit durch immer wiederkehrende Aktualität beweisen, in gut gebundenen, haltbaren Exemplaren zu besitzen. Das erste Problem hat der Rowohlt-Verlag auf seine Weise am radikalsten gelöst: durch die Rowohlt-Rotations-Romane, deren geradezu amerikanisch flott anmutende Kennmarke "Ro-Ro-Ro" tatsächlich allenthalben bekannt geworden ist. So sind im Zeitungsdruck mit der Auflage von 100 000 Exemplaren und zum Preise von 50 Rpf. zunächst zwei Standardwerke der neueren Literatur/nämlich "In einem anderen Lande" von Hemingway und "Der großer Kamerad" von Alain-Fournier erschienen, dazu die scharmante Sommergeschichte "Gripsholm" des unvergeßlichen Tucholsky und Joseph Conrads vielgelesener "Taifun". In dem anderen Bestreben – nämlich Unvergängliches nicht nur mit Treue, sondern zugleich mit Anmut zu bewahren – ist bisher der Kurt-Desch-Verlag in München am weitesten fortgeschritten. In seiner Sammelreihe illustrierter Bücher erschien Goethes "Werther", mit den Kupferstichen Chodowieckis: seltsam zärtlich-reiner Klang in der Rohheit unserer Tage. Dort erschien auch die süßeste aller Liebesgeschichten "Daphnis und Chloe" des Longus, von der bezeugt ist, daß Goethe sie alljährlich im Frühling mit Andacht las, ferner Thassilo v. Scheffers "Philosophie der Ehe" (mit Kupferstichen. Dürers), ferner Stendhals "Über die Liebe". Wir sind jedoch besonders dankbar für Sören Kierkegaards "Tagebuch – des Verführers" mit den Illustrationen von Friedrich Kersting und Adolf Menzel; ein Buch, dessen geradezu biedermeierlich behagliches Gewand das Dynamit nur um so stärker spüren läßt, das in den Formulierungen und in der Denkmethode des großen Dänen versteckt ist. Die Existentialisten haben gezeigt, wie sehr unser heutiges Denken von Kierkegaard beeinflußt wurde. Doch mit der gleichen durch Aktualität genährten Erregung vertieft man sich in Lamartines "Girondisten und Jakobiner" (der-DatA-Verlag wählte die hervorragend schöne Übertragung der 38 Porträts der Revolutionäre von Alfred Neumann und bereicherte sie mit Stichen von Auguste Raffet). Man liest das Buch und stellt es beiseite, nur, um es bald wiederzulesen.

Es ist auch die Zeit, den Seneca zu lesen, damit wir wie er Stoiker werden, wenn anders die Last der Tage nicht zu schwer auf uns liegen soll. Hat er nicht wie wir im Zeitalter eines Tyrannen gelebt? Und wie konnte, er, der sogar des Wüstlings und Massenmörders Nero Kanzler war und schließlich die Nähe, des Thrones mit dem Tode bezahlte, schuldlos bleiben? Sein Buch "De vita beata" (Vom glücklichen Leben) ist das-Buch der eigenen Überwindung, des asketischen Verzichts, die Suche nach dem verlorenen "Himmel, aus dem wir stammen". Der Verlag L. Schwann, Düsseldorf, hat es im lateinischen Text und in der meisterhaften Übertragung von Gustav Wittenberg herausgebracht.

In der Übersetzung von Joachim Schwarz legt der Verlag Hermann Meister, Heidelberg, Jean Jaques Rousseaus "Bekenntnisse aus den Jugendjahren" vor: das also ist eines der Bücher, deren Erkenntnisse jene; Epoche humaner und sozialer Pägung einleiteten, die wir heute so schwer bedroht sehen, da uns die Schalheit der Fortschrittlichkeitsideale hart genug zum Bewußtsein kam. Um so notwendiger ist es, daß wir uns mit Rousseau konfrontieren, jeder für sich und mit vollem Ernst! Erführen wir nichts weiter daraus; als daß wir aus den Bekenntnissen-und aus seinem Gewinnen und Versagen lernten, wie wenig es ist, was man zu einem glücklicheren, einem erfüllten Leben braucht, so hätten wir genug erfahren, mehr jedenfalls, als uns manche zeitgenössische Lektüre lehren kann.

Daß Kants Schrift "Zum ewigen Frieden" uns Heutigen als Weisung und vielleicht sogar als tröstliche Zukunftsschau erscheinen müsse, war vorauszusehen. Sie erschien in der Schriftenreihe des "Drei-Eulen-Verlags", Düsseldorf, der auch die Herausgabe Goethescher Aphorismen ("Über das Lebendige") zu danken ist, zugleich auch in der Produktion des Scherpe-Verlags, Krefeld, der in einem anderen, ebenso geschmackvollen Bändchen die Novelle Goethes neu herausbringt.

Manchmal allerdings hat man den Eindruck, die Verleger hätten Zufallsgriffe in die Vergangenheit getan, wobei sie sich denn freilich nicht gut irren können, denn die Goldadern liegen überall offen. Heine wieder zu drucken, wie der Düsseldorfer Renaissance-Verlag ("Ruhloses Herz", Gedichte und Prosa in der Auswahl von Franz Becker) und der Merkur-Verlag, Dusseldorf ("Heinrich Heine: Eine Lese-seiner Werke. Erste Folge einer Klassiker-Auswahlreihe. Einführung Dr. Herbert Eulenberg") es taten, ist notwendig und löblich; so auch erfreuen die "Vier ausgewählten Märchen" von Goethe und – Novalis die der Buchverlag, "Die Arche", Herford, verlegt und das "Buch der Lyrik", eine sorgsame Auswahl deutscher Dichtung," herausgegeben von Dem "Wilhelm Raabe"-Kalender aus dem Verlag Deutsche Volksbücherei, Goslar, – und der Neuherausgabe Johann Peter Hebels "Das Schatzkästlein" des rührigen Verlags "Volk und Zeit", Stuttgart, hätte man allerdings besseren Druck und besseres Papier gewünscht. Was heute immerhin mit Glück und Sorgfalt zu leisten ist, zeigt die Ausgabe von Rückerts ("Chidher") mit den Holzschnitten des begabten Johannes Lebeck im Alster-Verlag Curt Brauns, Wedel. Dies Buch ist eine Kostbarkeit geworden, das viele Hoffnungen für die gesamte deutsche Produktion erweckt. J. M.