In einer Zuschrift an die Redaktion steht der lapidare Satz: "In Deutschland herrscht Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit." Stimmt das? Im Moment vielleicht; und zwar deshalb, weil der Mangel an Kohle und Kraftstrom während der Winterperiode vielfach Betriebsstillegungen und Arbeitszeitverkürzungen erzwungen hat, die sich heute noch auswirken. Das wäre also eine durch die außergewöhnliche Karte und Dauer dieses Winters katastrophal verschärfte Saisonerscheinung". Das "strukturelle" Bild aber ist anders. Es entspricht keineswegs der landläufigen Auffassung, daß die gewerbliche Erzeugung aus Mangel. an Roh- und Hilfsstoffen wie auch an Kohle und Strom stagniert und nach Aufzehren der letzten Reserven – allmählich "ausläuft".

Gewiß ist die Erzeugung gering. Der kürzlich veröffentlichte Index (britische Zone) fü die Produktion an gewerblichen Verbrauchsgütern liegt im, Monatsdurchschnitt 1946 unter 20, wobei die Erzeugung für 1936 gleich 100 gesetzt ist. Selbst diese Zahl erscheint dem Konsumenten, der nur leere Läden kennt, noch phantastisch hoch. Bei Investitionsgütern – Eisen, Metallen, Fahrzeugen, Baumaterial – ist die Indexzahl mit 26,7 nur wenig höher. Aber für "Güter des allgemeinen Verbrauchs", nämlich Kohle, Gas, Elektrizität, flüssige Brennstoffe und Chemikalien, wird sie mit 52,6 fast doppelt so hoch angegeben: Der Dezember brachte überall einen Rückschlag. Abgesehen davon ist im Verlauf des letzten Jahres für alle drei Sachgebiete eine zwar schwache, aber doch merkliche und eindeutige Anstiegstendenz zu verzeichnen.

Erstaunlich ist demgegenüber Stand und Entwicklung der Beschäftigungszahlen. Gewiß enthält die Arbeitsstatistik starke Fehlerquellen. Es gibt zahlreiche Schein-Arbeitsverträge. Vielfach werden Belegschaften "durchgehalten", also ohne rechte Beschäftigung immer weiter mit durchgeschleppt. Viele Menschen sind mit völlig unproduktiven Arbeiten beschäftigt; auch die Besatzungsmächte haben einen großen Arbeiter- und Angestelltenstab, dessen Betätigung das deutsche Sozialprodukt praktisch nicht vermehrt. Ferner ist, da es überall an Maschinen, Hilfseinrichtungen und Transportmitteln fehlt, so daß also arbeitfressende Produktionsumwege gegangen werden müssen, die Produktivität der Arbeit ganz allgemein gesunken. Dazu kommt schließlich die verringerte Leistungsfähigkeit des einzelnen Arbeiters, der schlecht ernährt, bei häufigem "Krankfeiern" nur noch die Hälfte, z. T. nur noch ein Drittel seines früheren Arbeitspensums schafft.

All diese Momente machen verständlich,. daßdie Zahl der Beschäftigten überraschend hoch, der Leistungseffekt ihrer Betätigung jedoch erstreckend gering ist? Aber es läßt sich damit doch nicht ganz erklären, daß die Beschäftigtenzahlen, im Gegensatz zur üblichen jahreszeitlichen Entwicklung, noch bis in den Spätherbst und beginnenden Winter hinein weiter angestiegen sind, und daß es fast auf allen Gebieten an Facharbeitern, ja selbst an Hilfsarbeitern fehlt. Bisher wußte man dies nur aus. einzelnen Sparten. Erst die jüngst veröffentlichten Gesamtzahlen haben gezeigt, in welchem Maße das Gesagte für den ganzen Arbeitsmarkt gilt So hat für die britische Zone die Zahl der gewerblich Beschäftigten noch im letzten Quartal 1946 von 5,78 auf 5,94 Millionen zugenommen. Entgegen allen Erfahrungen hat sogar das Baugewerbe, obwohl Kälte und Kohlenkrise bereits Ende Dezember das Einstellen fast aller Außenarbeiten bedingten, in dem Zeitabschnitt von Anfang Oktober bis zum Jahresende seine Beschäftigungszahlen halten können und (um 9000) noch etwas erhöht. Nur in der Landwirtschaft hat sich die saisonbedingte Tendenz geringfügig durchgesetzt, mit einer Abnahme der Beschäftigtenzahl um knapp 2 v. H.

Ein genaueres Bild haben wir von Bayern, das seit jener eine ausgezeichnete Sozialstatistik geführt hat. Für Ende 1946 wird-die Beschäftigtenzahl (Arbeiter und Angestellte) mit 2,16 Millionen angegeben. Das ist, gegenüber 1,46 bei Jahresanfang, eine Zunahme um gut 50 v. H. Auch hier ist der jahreszeitliche Abfall im Spätherbst und zu Beginn des Winters ausgeblieben. Im Gegenteil ist die Beschäftigtenzahl noch weiter gestiegen: um 104 000 im September, 48 000 im Oktober, 32 000 im November und 27 000 im Dezember. Bayern beschäftigt heute schon 360 000 Menschen mehr als 1938, das ja doch wohl ein Jahr mit relativ günstiger Arbeitslage war. Allerdings ist die Bevölkerung inzwischen überwiegend durch Zuwanderung, von rund 7 auf fast 9 Millionen Menschen angestiegen. Das bedeutet, daß jetzt, rund gerechnet, 24 v. H. der Gesamtbevölkerung als Arbeiter und Angestellte berufstätig sind, gegenüber 26 v. H. damals. Aber anderseits ist zu bedenken, daß die Zugewanderten vornehmlich Frauen, Kinder und nichtarbeitsfähige (oder doch nicht "voll-einsatzfähige") Männer waren, und daß durch Zerstörung und Demontage, durch Rohstoff- und Energiemangel unendlich viele Arbeitsplätze ausgefallen sind. Wo eigentlich, so fragt man sich, werden, trotzdem so viele Menschen beschäftigt?

Dabei ist der Bedarf noch längst nicht gedeckt. Die Landwirtschaft braucht, obwohl die Dörfer mit Flüchtlingen vollgestopft sind, noch 11 000 Fachkräfte. Die Metallindustrie verlangt 6600 Facharbeiter, das Bekleidungsgewerbe 5500; ebenso viele der Verkehr und das Baugewerbe 14 000; außerdem fehlen der gewerblichen Wirtschaft 37 500 Hilfsarbeiter, dazu gut 10 000 Menschen in der Hauswirtschaft und im Gaststättengewerbe. Die so schwer vom Kriege getroffenen Großstädte haben den höchsten Kräftebedarf: über die Hälfte der Anforderungen entfällt allein auf München und Nürnberg. Dort liegt anderseits auch eine beträchtliche Arbeitslosigkeit vor, die auf einem Überangebot von (überalterten) Angestellten und sonstigen Bürokräften beruht.