Wenn man das Werk Ernst Wiecherts von seinem ersten Roman "Die Flucht" bis zudieser schmalen Erzählung ("Der weiße Büffel oder Von der großen Gerechtigkeit", im Verlag Kurt Desch, München) zuüberschauen versucht, ahne man, einen wie schweren und weiten Weg der nun bald 60jährige Dichter zurückgelegt hat. In dem ersten Roman flüchtete der Held aus der Nichtigkeit des gesellschaftlichen Lebens, aus der geistigen Dürre seines Schulamtes zuerst in das Bauernleben und dann, nachdem sich diese Flucht als falsch, erwiesen hatte, in den Freitod. In der (übrigens schon 1937 geschriebenen und damals sogar noch öffentlich vorgelesenen) Erzählung "Der weiße Büffel" billige der Dichter seinem Helden keine Flucht mehr zu, nur noch den Umweg. Dieser Umweg aber dient der Erkenntnis des höheren Gesetzes,, das sich mit dem Gesetz in der eigenen Brust deckt. Der Mensch vollzieht die Gleichung, er macht den biblischen Satz wahr, daß Gott den Menschen nach seinem Bilde erschaffen habe. Die Führung aber von dem Umweg auf den eigentlichen, zielhaften Weg übernimmt, wie wir es schon in manchem Werk Wiecherts erlebten, die Mutter. Irgendwo hieß es: "Wo die Menschen enden, fängt die Mutter an", und im Spiel vomVerlorenen Sohn wurde die Mutter die beherrschende Figur, obwohl sie im Lukas-Evangelium überhaupt nicht auftritt. Dieses Matriarchat ist für Wiechert das Zeichen der Herrschaft, die nicht auf Machtmittel gegründet ist; in ihr sieht er den scheinbaren Widerspruch, daß eine völlige Selbstaufgabe zugleich die höchste ’menschliche Selbstgestaltung sein solle, wunderbar gelöst.

An diesem Punkt, wo--eine eigentliche "Buchkritik" erst einzusetzenhätte, muß sie dieser, kleinen Geschichte gegenüber, in der die Größe des Gedankens mit der Schönheit der Aussage auf. einerStufe steht, aufhören. Wie das Geschehen zwischen dem Bildlichen und – Sinnbildlichen hin- und herflutet, wie ohne Bruch und Fuge das Einmalige ins Ewige hinüberreicht, das ist ein Erlebnis, dem sich nichts wegnehmen, nichts hinzu-, fügen läßt, Ich glaube, daß das Königsgespräch dieses Buches in seiner Weise ebenbürtig neben jenem anderen urgründigen Menschheitsgespräch der Weltliteratur steht: dem Größinquisitorgespäch von Dostojewskij. Herbert Scheffler