Dem französischen Dichter André Gide war es im Mai 1942 gelungen, aus dem nicht besetzten Teil Frankreichs nach Tunis auszuweichen, wo er in einiger Ruhe seine Arbeit am "Tagebuch" und am "Theseus" fortsetzen konnte, dann aber, von der Gestapo aufgespürt. auch diese Zuflucht aufgeben mußte. "Viel wichtiger als mein Tagebuch ist, glaube ich, mein Theseus", sagte er in einem Gespräch mit seinem Freunde Jet Last, der ihn 1946 in seiner Pariser Wohnung aufsuchte. "Ich habe das kleine Buch kurz nach der Befreiung in einer Periode großer Begeisterung geschrieben." Später erklärt er: "Ich habe es wie eine Art Testament geschrieben." – Das Buch schließt mit dem Gespräch zwischen Ödipus und Theseus ab. Ödipus, der sich das Augenlicht zerstört hatte, um die Prüfungen seines leidvollen Schicksals zu vollenden, und Theseus. dem in der Jugend glückhafte Abenteuer und im Mannesalter "die vollen Wonnen der Erde" beschert waren, bilden darin die weiten Gegensätze des Erlebens, mit denen unser Sein erfüllt wird. Es offenbart das hedonistische Glaubensbekenntnis des Dichters, der sich nie wie Ödipus blenden würde, um "in der Dunkelheit sein Licht zu finden", und der es ablehnt, "die sinnliche Welt zu verneinen, um die Welt der Seelen zu finden". (Es ist bezeichnend für Gides Geisteshaltung, wenn er für jenen deutschen General, der in Paris die Sprengung von bereits unterminierten Denkmälern auszuführen sich weigerte, die Verleihung einer Auszeichnung wünscht, "Wenn die Geschichte stimmt", sagt er. "bin ich der Meinung, daß er einen französischen Orden verdient hat.") – Im folgenden bringen wir einen Ausschnitt aus dem Schlußkapitel des "Theseus" in der Übertragung von Luzie Krolow zum Abdruck, das 1946 in "Les cahiers de la Pléiade" erschienen ist.

Als ich Ödipus in Colonos aufnahm, den ausseiner Vaterstadt Theben Vertriebenen, den Geblendeten, in Ungnade Gefallenen, hatte er doch – so elend sein Los war – wenigstens seine beiden jugendlichen Töchter bei sich, deren nie müde werdende Zärtlichkeit sein Leid etwas hinderte. Überall war er in seinen Unternehmen gescheitert. Ich hatte Glück gehabt. Und als von jenem Lande, in dem er sich niederließ, ein dauernder Segen für seinen Leib ausging, war es nicht sein undankbares Theben, das ihn ihm beschied, sondern Athen.

Es wundert mich, daß man von jener denkwürdigen Begegnung in Colonos, jener tiefen Vergleichung am Kreuzwege unserer beider Lebensbahn, so wenige gesprochen hat. Ich halte sie für den Höhepunkt, für die Krönung meines Ruhmes. Bis dahin hatte ich mir alles unterworfen, sah ich, wie sich mir alles unterwarf (wenn ich einmal Dädalus auslasse. Aber er war in vielem mein Schüler. Außerdem beugte sich mir selbst Dädalus). Allein in Ödipus erkannte ich eine Gesinnung, die der meinen glich. Diesen Geschlagenen konnte sein Unglück in meinen Augen nur größer machen: Ohne Zweifel war ich überall und stets siegreich gewesen, aber auf einem Felde, das mir in des Ödipus Nähe ganz gewöhnlich und wie gering erschien. Er hatte sich der Sphinx gegenüber gesehen, hatte als Mensch angesichts des Rätsels gestanden und gewagt, den Göttern die Stirn zu bieten. Wie hatte er danach und warum seine Niederlage hingenommen? Hatte er nicht zu ihr beigetragen, als er sich die Augen ausstieß? In diesem entsetzlichen Wüten gegen sich selbst lag etwas, das ich nie verstehen wollte. Ich eröffnete ihm meine Erschütterung. Aber seine Erklärung – ich muß es bekennen – befriedigte mich nicht. Oder es war doch etwas an ihr, was ich nicht begriff.

"Es ist wahr, ich habe mich dazu in einem Augenblick des Rasens hinreißen lassen", sagte er mir. "Nur gegen mich selbst konnte ich mich kehren. Gegen wen sonst hätte ich mich wenden sollen? Ich erlag der mächtigen Versuchung, dem Unmaß an anklägerischem Abscheu zu trotzen, das mich übermannen wollte. Was ich vor allem vernichten wollte, war nicht so sehr mein Augenlicht als diesen Vorhang, diesen Trug, mit dem ich mich abquälte, diese Lüge, der ich nicht mehr; Glauben schenken konnte. Ich wollte die Wirklichkeit treffen.

Nein! Ich dachte an nichts Bestimmtes. Mein Instinkt trieb mich dazu. Ich blendete meine Augen, um sie dafür zu strafen, weil sie das nicht voraussahen, was – wie man sagte – mich dahin brachte, mir das Augenlicht zu nehmen. Um die Wahrheit zu sagen ... Ach, ich weiß es dir nicht zu erklären! Keiner hat den Schrei verstanden, der mir damals entfuhr: ‚O Dunkel, du mein Licht!‘ Und du verstehst ihn ebensowenig, ich fühl es wohl. Man hörte eben nur eine Klage heraus. Aber es war ein-Bekenntnis! Wenn ich aufschrie, hieß das, daß sich das Dunkel für mich plötzlich in übernatürliches Licht verwandelte, das dem Land der Seelen leuchtete. Es hieß: Dunkel, du wirst hinfort für mich Helle sein. Und während sich das himmlische Blau mir verfinsterte, lichtete sich mir gleichzeitig mein innerer Himmel."

Er schwieg und blieb für Augenblicke in tiefes Nachdenken versunken. Dann fuhr er fort:

"Ich konnte meine Jugend daran wenden, Scharfsichtig zu werden. Ich hatte meine eigenen Augen.