Das Dritte Reich, liebte es, mit dem Wort "Volk" verschwenderisch umzugehen. Dasentsprach einerseits den Instinkten, die der zunehmenden, Vermassung entsprangen und die man anzusprechen wünschte. Anderseits unterstützte es die Tarnung der Diktatur. So etwa auf dem Gebiet der Justiz, wo der Begriff des "gesunden Volksempfindens" zur Rechtfertigung ungeheuerlicher und monströser Rechtsbrüche diente und schließlich die Pervertierung des Rechts in dem Grundsatz gipfeln ließ: "Recht ist. was dem Volke nützt!" Zwar mußte die "Volksverbundenheit" es hinnehmen, daß der volksnahe Führer nur in einer donnernden Wolke motorisierter Polizei die Begeisterung der Seinen in der Wilhelmstraße zu ertragen vermochte. Je mehr dem aber so war, um so unentbehrlicher wurde die demonstrative Pla katierung des "Volkes" in jeder nur möglichen Verbindung. Wir lernten den "Volkswagen" kennen, – leider nicht so reichlich. Wie heute, wo "das Volk" sie nicht fährt. Als Soldaten mußten wir unsere Verwandlung aus schlichten Schützen in "Volksgrenadiere", die unserer Infanterie-Divisionen in Volksgrenadier-Divisionen erleben, über deren Köpfe die Granaten der "Volksartillerie-Korps" hinwegrauschten. Eines aber ist auch dem Dritten Reich nicht gelungen: Die Schaffung des – Volksarztes!

Hier hat nun offenbar das Vierte Reich seine große Chance, – jedenfalls wie die SED sie? sieht. Und so vernehmen seine demokratischen Bürger denn mit Staunen, die entnazifizierten Pg’s wahrscheinlich mit brennendem Neide, folgende Meldung des Deutschen Pressedienstes: Für die Schaffung eines neuen Arzt-Typs, des aktiv am politischen Leben teilnehmenden Volksarztes, trat auf einer Gesundheitskonferenz SED in Halle Hugo Graef vom Zentralsekretariat der SED ein. "Dem – Volksarzt fällt auch die wichtige Aufgabe zu, den Patienten politisch zu beeinflussen", erklärte Graef und machte den Ärzten zum Vorwurf, sie hätten den Kontakt zum Volke verloren und sich durch den Zwang zum Geldverdienen in eine unwürdige. Stellung gebracht.

Sicherlich ist. der Zwang zum Geldverdienen, den Herr Graef angreift, eine problematische Seite des Ärzteberufes. Es isthier nicht der Ort, auf sie einzugehen. Neuartig aber ist trotz des Zwanges zum Geldverdienen die Aufgabe, "den Patienten politisch zu beeinflussen". Das Streben der äußersten Linken nach Politisierung des Lebens, hat offenbar nur in logischer Konsequenz auch zur politischen Krankheit und zum politischen Arzte geführt. Früher kannte man zwar die sogenannte "diplomatische Krankheit". Sie lag immer dann ‚vor, wenn der Rücktritt eines heftig angefeindeten Staatsmannes oder Botschafters "lediglich aus gesundheitlichen Gründen" erfolgte. Alle anderen Krankheiten aber galten einwandfrei als medizinisch. Für "sie bedurfte es nicht der Volksärzte, allenfalls der Psychiater. Hat auch; bei diesen Krankheiten nun der Volksarzt die "Aufgabe, den Patienten politisch zu beeinflussen"? Wird dann nicht der Grad der Empfänglichkeit des Kranken für die SRD zum Maßstab der Gesundung werden sollen? Wir fürchten, ein Abweichen des Ärztestandes von der Generallinie könnte dann leicht zu einem massenhaften Rücktritt der Volksärzte "lediglich aus gesundheitlichen Gründen" führen. v. Dz.