Von Werner Haftmann

In der Nacht der uns umgebenden menschlichen Einsamkeit steht oft ein grenzenloses Staunen über das, was einmal an Schönheit in unseren alten Ländern war. Nicht daß ein einzelnes Ding oder diese und jene Leistung uns, so außerordentlich anrühren könnte: es ist die Schönheit selber – als jeweils besondere Idee und Figur – die uns in Bildern als der Geist der europäischen Nationen entgegentritt. Und so suchen wir heute – erinnernd – nach großen Metaphern, nach anschaulichen Bildern, die die besondere Schönheit des Geistes jeder einzelnen Nation in ein nur ihr gehöriges Gefäß sammeln sollen. Gelingt uns dies, dann fühlen wir gewiß, daß die Anschaulichkeit der Metapher uns von all den Irrtümern und Gemeinplätzen befreit, mit: denen unsere groben Kollektivvorstellungen das geistige Bild der Nationen in uns verfälscht haben. Es sind diese Metaphern und Bilder, die in uns wie Visionen auferstehen, sollten, wenn der Name eines europäischen Volkes fällt. Vielfältig werden diese Metaphern sein und alle Bilderreiche des menschlichen Geistes umfassen; manchmal werden es Namen sein und manchmal Sachen.

Welche Metapher würde Deutschlands Geist wohl allumfassender beschreiben als die Musik Beethovens? Was den Geist Italiens edler kennzeichnen als die Sprache Dantes! Welches Bild dem Geiste Flanderns mehr entsprechen als die Malerei des Rubens!

Frankreichs Geist aber findet sein Abbild in der Architektur der Kathedrale. Vor Jahren schon hat Elie Faure diese Feststellung gemacht, und davor und danach haben viele von den Kathedralen als dem Sinnbild Frankreichs gewußt. Sollte es aber nicht dennoch vorteilhafter sein, die Selbstdeutungen der Franzosen zur Beschreibung des Geistes, der sie alle trägt, zu verwenden, als Gleichnisse und Bilder anzurufen? Dies scheint jedoch ein falscher Weg. Denn zu welchen Schlüssen sollten wir wohl kommen, wenn, während ein so edler Geist wie Henri Bergson das klassische ‚clair gerne francais aus lateinischem Erbe als Geist seines Volkes begreift, gleichzeitig große Künstler und Franzosen wie Arthur Rimbaud, Huysmans und Louis Aragon (und doch nicht nur als Zeugen des den europäischen Völkern so gewöhnlichen Selbsthasses, sondern aus Überzeugung) dies ‚clair fällt français ablehnen und verachten! Und wurden wir nicht belehrt, daß in den unteren Rängen regional gefärbter Geschichts- und Stammphilosophien dem klassisch und lateinisch sich fühlenden esprit français in Frankreich selbst ein gänzlich anderer ‚esprit celtic‘ und ‚esprit gaullois‘ sich entgegenstellte! So ist es doch wohl besser, wir wenden uns in unserer großen Einsamkeit den Bildern zu, die in unserem Geiste auftauchen, wenn wir die Namen der europäischen Völker nachdenklich und brüderlich auf unseren Lippen formen, weil in den Bildern wir die Völker selbst in Anschaulichkeit besitzen.

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Die Kathedrale ist der Vollzug des geistigen Auftrags der französischen Nation in der Form. Auf den planen Prospekten weiter Ebenen errichtet, steht die Kathedrale als steile Figur vor dem hohlen Fond des Himmels. Ihre Steilheit, der Mangel an Waagerechten, scheint sie, aus dem Banne der Erdkraft entlassen, zu heben. Die gleiche Steilheit stellt den Riß der Kathedrale im vielfältigen Reichtum fast lotgerechter Arabesken vor die Leere des Himmels. Die Steilheit auch läßt den Umriß nicht als Grenze eines Körpers fühlen, sondern als ein Lineament gefundener Punkte einer stereometrischen Figur, deren eigentliche Orte außerhalb ihrer selbst liegen. Um dieser Grenzfreiheit und Körperlosigkeit Ausdruck bis ins Detail zu geben, erfand der Ingenieur-Architekt, der die Kathedrale erbaute, die Fiale als Ausdruckselement seines künstlerischen. Wollen! Die Fiale ist der umgekehrte Blitzableiter, der die Linie der nichtbelasteten Kraft in die Freiheit des Oben führt. So ist das erste und stets bemerkte Kennzeichen der Kathedrale der Reichtum ihrer Arabeske vor der Hohlform des Himmels und ihre Grenzfreiheit nach oben.

In näheren Ansichten, vor dem Außenbau, betont auch der Strebepfeiler, den der Ingenieur-Architekt der Kathedrale erfand, die Auflösung der materiellen Grenze. Zwar war dieser Strebepfeiler schon technisch für die Überhöhung des Mittelschiffs notwendig: die Seitenschiffe und die wandlos gewordenen Obergaden hätten den schiebenden Druck der hohen Gewölbe allein nicht tragen, können; statische Arme mußten also die Gewölbe stützen. Aber außen, und vor allem vor den Chören, kommt dem Betrachter eindringlich ihr ästhetischer Auftrag zum Bewußtsein. An ihnen wird in sichtbarer Form gelehrt, daß das Technische und das Ästhetische im Werk identisch sind; daß die Kathedrale gleichermaßen ein mathematisches und ästhetisches Phänomen, ist, und daß die Statik erst die bedingende Möglichkeit dieser reinen Architektur, ihr Versmaß, ihre Metrik wurde. Weder ästhetisch noch technisch aber kann der Strebepfeiler – als dinglicher Körper verstanden werden; er ist nicht körperhafter als die Linie in der Geometrie.