Die Berliner Staatsoper hat ein Werk einstudiert, das für Berlin nicht nur neu, sondern ein wirklicher Gewinn ist: die Legendenoper "Sadko" von Nikolai Rimsky-Korsakow. "Sadko" liegt außerhalbdes uns gewohnten Kreises. Diese Oper mit den uns geläufigen Maßstäben messen, hieße ihr Wesentlichstes zu verkennen. "Sadko" ist ein Märchen, ein Traum. Und wie der Traum über der Wirklichkeit und über der logischen Verknüpfung der Begebenheiten schwebt, so gleitet auch der musikgewordene Traum des jungen Sängers und Phantasten Sadko über alle dramaturgischen Gesetze hinweg. Er verletzt sie nicht eigentlich, er achtet ihrer nicht.

Wovon träumt Sadko? Von der schönen Meeresprinzessin Wolchowa, die aus der Tiefe des Ilmensees zu ihm aufsteigt und sich ihm anverlobt. Von goldenen Fischen, die sie ihm schenkt und die ihn so reich machen, daß er 30 Schiffe ausrüsten kann, um das offene Meer zu gewinnen, bis der Strom, in den sich die Prinzessin Wolchowa verwandelt, ihn nach langer Irrfahrt wieder heimträgt, zurück in die Arme seiner Ljubawa, die, eine russische Solveig, durch zwölf Jahre getreulich seiner harrte. Märchen und Wirklichkeit Alltägliches und Phantastischesgleiten durcheinander. Daß dennoch kein Bruch spürbar wird und der Hörer nicht nach der klaren Trennlinie zwischen Traum und Wirklichkeit verlangt, ist das Werk der Musik.

"Sadko" lebt aus der Musik. Allerdings: aus ihr steigen weder Handlungsimpulse noch Charaktere auf (obwohl jede Hauptperson ihre bestimmte Farbe und ihren unverwechselbaren rezitativischen Ton hat). Sie entwickelt nicht, sie schildert und malt. Sie steigert nicht, sondern schwingt um ein meist wenige Töneumfassendes Motiv, wie die immer größer werdenden Wellenkreise um den ins Wasser geworfenenStein. Zwar hat Rimsky-Korsakow von Berlioz, Liszt und vor allem von Wagner gelernt: sein llmensee wogt wie der Rhein in Es-dur. Die Meeresnixen sind Schwestern der Rheintöchter(und zugleichverführerisch singend wie sie, erste Botinnen von Debussys "Sirenen"). Aber Rimsky-Korsakows Phantasie trank noch von einer anderenstärkeren Quelle: der russischen Folklore. Sie gab den ariosen Gesängen Sadkos und Njeschatas ihren eigentümlichen rhythmischen "Fall", ihre ausdrucksvolle Monotonie, den Chören derNowgoroder im Elfvierteltakt ihre herrliche Kraft. In den zierlichen textlosen Melismen der Prinzessin Wolchowa und den Instrumentalzwischenspielenaber hat sich die Hoffnung Serows auf eine Oper, in der russisches Naturempfinden Klang würde, erfüllt.

Ein Werk solcher Art inszenieren heißt einen neuen Darstellungsstil suchen. Er müßte inder Nähe des Surrealismus zu finden sein. Ernst Legal hüllte "Sadko" in ein prunkend-phantastisches Gewand, das ihm Lothar Schenk van Trapp geschaffen hat, und das fast zu schwer für die zarten Schultern der stimmungswebenden Musik ist. Staunend erleben wir wahreWunder szenischtechnischer Gestaltung, so im fünften Bild, wenn das Schiff Sadkos mit einer Drehung zur Bühnentiefe im Nebeldunst verschwindet, oder im sechsten, einem wahren Tannhäuser-Bacchanale auf dem Meeresgrund. Wenn das Ohr dennoch nicht vom Auge überwältigt wurde, so lag das an den ausgezeichneten Sängern Ludwig Suthaus, Erna Berger und Margarete Klose, denen sich zahlreiche andere in kleineren Rollen anschlossen. Kurt Westphal.