Von John Haiding

Dieser Julius August Langbehn, der vor vierzig Jahren - es war am 3. Mai 1907- auf dem kleinen Dorffriedhof zu Puch bei Fürstenfeldbruck zu Grabe getragen wurde, er war ja eigentlich damals schon ein fast Vergessener. Seine Zeitgenosse! hatten also wenig Anlaß, seiner in großer Öffentlichkeit zu gedenken. Wir Heutigen allerdings, wir haben Grund genug. Damals herrschten im klein gewordenen Kreise seiner Anhänger eine beflissene Heimlichtuerei und ein betont feierliches Geraune um diesen Tod und um dies Begräbnis. Doch alles das stand in keinem rechten Verhältnis zu dem kurzfristigen und bereits überständigen Saisonruhm des Dahingegangenen. Und so enthüllt sich schon an jenem Widerspruch zwischen der Einschätzung dieses Ereignisses und seiner realen Wirkung aufs treffendste das charakteristische Mißgeschick eines verfehlten Daseins, und so ließ sich schor damals die subjektive Tragik erahnen, an der dieses Leben gescheitert war. Wir wissen:, Langbehn war auf ständiger, angstvoller Flucht vor einem Ruhme, der kaum noch bestand. Wir wissen, daß er krampfhaft und erregt um eine Anonymität kämpfte, die sachlich gar nicht mehr zu halten war, und die zu halten auch gar nicht mehr lohnte, weil sie durch das rasche Dahinwelken seines Ruhmes eigentlich schon gegenstandslos geworden war. Dennoch würde diese, bis zur Hysterie gesteigerte und bis ins Krankhafte ausgeartete Angst vor der eigenen einmal gehabten "Courage" die Gestalt Langbehns für uns nicht interessanter machen, wenn nicht gewisse Ereignisse unserer jüngsten Vergangenheit seine Ideen nachträglich in eine beziehungsvolle Beleuchtung gesetzt hätten. Denn vom Heute her gesehen, kann, ja muß die augenscheinliche innere Bedrängung Langbehns durch sein eigenes Werk viel begreiflicher erscheinen. Langbehn – daran ist kein Zweifel – hat die schlimmen Konsequenzen seiner Gedanken zumindest geahnt, so daß er die Flucht vor sich selbst ergriff. Es war eine Flucht, die ausweglos gewesen wäre, hätte er nicht schließlich noch im Glauben eine besänftigende Zuflucht gefunden. Er wurde Katholik. Hatte er sich, ehe er diesen Schritt tat, die Möglichkeit einer Realisierung seiner Ansichten und Auffassungen vergegenwärtigt? Wie dem auch sei – unsere jüngste politische Vergangenheit jedenfalls hat um allen den praktischen Versuch zu solcher Verwirklichung beschert. Und dies eben ist es, was dem scheinbar schon so längst verjährten "Fall" Langbehn eine unvermutete erneute Aktualität verleiht.

Im Jahre 1890 erschien in Leipzig ein anonymes auch: "Rembrandt als Erzieher", das sogleich ungewöhnliches Aufsehen erregte und binnen weniger Monate einen so außerordentlichen Auflagenerfolg erzielte, wie vorher kaum jemals eine Publikation ähnlicher Gattung. Die Wirkung dieses Buches, das ein weltanschauliches Panorama aus ganz und gar deutscher Sicht aufzurollen sich unterfing, läßt sich nur vergleichen mit der, die ein ganzes Menschenalter später der "Untergang des Abendlandes" erzielte; sein Erfolg scheint uns heute erstaunlich. Eine Lektüre würde uns heute – vorausgesetzt, daß wir von der erneuerten Aktualität dieses Buches und den bitteren politischen Erfahrungen der letzten anderthalb Jahrzehnte nichts wußten – vielleicht eher belustigen als erregen. Und mit einem alten Scherzwort ließe sich dieses Buch wohl ausreichend dahin kritisieren, daß es zwar Neues und Gutes enthalte, aber leider das Neue nicht gut und das Gute darin keineswegs neu sei. Neben erstaunlichen Plattitüden finden sich nicht weniger erstaunliche Abseitigkeiten, so daß an Grund hätte, von "origineller Banalität" zu sprechen. Die Sprache bleibt farblos, trotz allen Aufwandes an Komparativen und Superlativen. Und man trifft Formulierungen, die man nicht ohne schmunzeln quittiert: "Rembrandt selbst war ein Lebemann, und auch seine Bilder haben etwas von diesem Charakter, man möchte sie schlürfen wie köstliche Austern..." Das sind Stilblüten wie kein Katheder und kein Versammlungsrednerpult bessere liefern könnte: "Die sogenannte exotische Farbenpracht ist im Grunde nur exotische Farbenarmut ..." Oder: "Viele Bildungen machen erst die Bildung ..." Oder: "... alle Wissenschaft deutsch oder nicht, ist schon ihrem eigenen inneren Wesen nach unvornehm ..." ganze "Eine blonde Locke kann unter Umständen ganze Folianten umwerfen." Mag dies noch ein harmlos bestigender "Gallimathias" sein, ein anderes Zitat at schon jenen Zungenschlag gewisser Pseudophilosophen, die gern mit Walhall kokettieren und sie, wenn sie gar weiblichen Geschlechtes sind, als eine Art von Oberpriesterinnen aufzutreten lieben: "Das Welträtsel lösen heißt: in der Wirklichkeit das Menschenleben dem Weltleben und im Geiste das Weltleben dem Menschenleben parallel entwickeln ..."

Derlei Sätze gibt es viele in diesem Buche, aber nirgendwo stößt man auf Merkmale eines verantwortungsbewußten Denkens, vielmehr auf seichte, selbstgefällige Geschwätzigkeit. Und so bleibt von der Lektüre dieses weiland Viel gerühmten Werkes ein bitterer Nachgeschmack zurück und ein verwundertes Erstaunen darüber, wie es möglich war, daß alles dies einst einen solchen Erfolg davontragen konnte. Wenn dieser Erfolg auch nur einem kurzen, jähen Strohfeuer glich, das bald wieder in sich, zusammensank, so erlosch es doch nicht ganz. Es glimmte unter der Asche weiter, gloste in den merkwürdig abseitigen Schriften des alldeutschen "Werdandi"-Bundes, knisterte hier und da im grünen Holze der Jugendbewegung und – als es nun wirklich schon vollends erloschen schien, da hatte es sich festgefressen in Hirn und Willen jenes manischen Münchener Demi-Bohemiens, dessen pathologisch übersteigertes Ichgefühl es fertigbrachte, mit diesem lugubren Zündstoff, vermengt mit anderen Zutaten, tatsächlich eine – allerdings schon ohnehin brüchige – Welt zu sprengen!

Bemerkenswert vieles, ja fast alles, was uns in den Schriften, Reden und sonstigen Verlautbarungen Hitlers immer wieder als "nationalsozialistisches Gedankengut" aufgetischt wurde, ist in Langbehns Buch bereits enthalten oder vorbedeutet. Keine von den versammlungsgängigen Paradephrasen fehlt. Weder die "Entartete Kunst" noch der "Adel der Arbeit", nicht das weitbefruchtende "Ariertum" noch die "völkische Mission", weder das Großgermanische Reich" noch die angebliche "europäische Mission" der Deutsehen, nicht die konfuse "Blut-und-Boden" Ideologie noch der verschwommene Glaube an das Blut als geschichtsformende Macht, ja, die Übereinstimmung zwischen dem "Rembrandt-Deutschen" und dem "Führer" geht so weit, daß sie sich sogar bis in einzelne Redewendungen hinein verfolgen läßt. Und nicht ohne Erregung liest man bei Langbehn die immer wieder hervorgekehrten Aufforderungen zur "Unbarmherzigkeit" und "Grausamkeit", die ständigen Anspornungen zum "Haß" – alles "Tugenden", die Menschen deutschen Blutes zukämen. Der Wind den Langbehn hier vor beinahe 60 Jahren säte hat eine späte, aber dafür um so furchtbare Sturmernte heraufbeschworen.

Langbehn selbst dürfte solche Konsequenz freilich nie im Sinne einer klaren Erkenntnis und offenen Einsicht bewußt geworden sein. Ihm, der Theoretiker; war die Gewissenlosigkeit des großen "Täters" Hitler nicht zu eigen. Seine empfindlichere "menschlichere" Seele wurde schon vor dem Schatten der möglichen Tat aufs äußerste verdunkelt. Seit das Rembrandt-Buch erschienem war, das er als großes Lehrbuch der Deutschen angelegt hatte, verfiel er einer zunehmenden, bis zum Verfolgungswahn sich steigernden seelischem Verfinsterung. Außer meinem Heft belangloser Gedichts hat er selbst nichts mehr veröffentlicht. Erst im Jahre 1930 gab sein Lebensfreund P. Benedikt Momme Nissen einen aus Langbehn nachgelassenen Notizen zusammengestellten Band "Vom Geist des Ganzen" heraus. Ein Buch, das von der Stimmung religiöser Umkehr und Einkehr geprägt ist und von einem Frieden spricht, zu der der "Rembrandt-Deutsche" zeit seines Leben nichts hatte beitragen können.