Wie lange haben wir nichts von Max Beck- mann gesehen! Im Jahre 1937 verschwanden seine letzten Bilder aus den deutschen. Museen; er selbst ging~nach Holland. Nur ein kleiner Kreis von Freunden hatte die große Entwicklung seiner Kunst in den dreißiger Jahren im Berliner Atelier miterleben dürfen, die Reifestufe, die mit der Reihe der großen Dreiflügelbilder begann, deren erstes, das "Königs Triptychon", noch in Berlin vollendet wurde.

Es ist das Verdienst des Münchner Kunsthändlers Günther Franke, die Werke des inzwischen zu Weltruhm Emporgestiegenen trotz aller Schwierigkeiten wieder in Deutschland sichtbar und wirksam gemacht zu haben, und es ist dem Kunstverein in Hamburg zu danken, daß diese Bilder nun auch in Norddeutschland in einer würdigen Ausstellung gezeigt werden. In der Tat: Das, Wiedersehen mit älteren, bekannten und die. Begegnung mit den neueren Gemälden wird jedem, der für heutige Kunst empfänglich ist, zu ist die Stunde, sich zu sammeln und aufeinem tiefwirkenden Ereignis. Denn wie von wenigen und nur von großen Künstlern läßt sich hier sagen, daß sein Werk eine geschlossene Welt darstellt, in die der Betrachter eintreten kann. Entweder bezwingt ihn darin diese Welt oder sie läßt ihn verständnislos.

Diese Welt umfaßt im Gegenstand; alles vom Traumgesicht (Der Traum, 5927) bis zum Zeitgeschehen (Heimkehr, 1941), von Landschaft, Bildnis, Stilleben bis zur Scheinweit von Kabarett und Zirkus, von der grausigen Vision einer Mordnacht bis zur eleganten Wek der Hotels und Bars, vom Badeleben am Strand bis zu Sageiithemen des klassischen Altertums (PerseusTriptychon; Odysseus und Kalypso). Diese Welt ist ganz aus dem Willen gestaltet; von einem Zentrum her, fast wie, Marionetten, scheinen sich die Menschen darin zu bewegen, und die Bewegungen sind wie gefroren, im Augenblick erstarrt, die Gesichter maskenhaft, auch wenn sie keine Maske- tragen. Dinge und Menschen nähern sich einander, die einen haben die gleiche Bedeutung, die gleiche Aussagekraft wie die anderen. Nie — in den Bildern seit dem ersten Weltkrieg — hat märt bei Beckmann den Eindruck der Wiedergabe eines Gesehenen, eines Abbildes, sondern stets den des Schaffens aus der Vision, Es ist eine von ihm verwandelte Natur, ganz Kunst geworden und darum für den Einsichtigen auch so bezwingend.

Hier sind Raum, und Zeit aufgehoben. Der fesfe Standpunkt des Malers und Beschauers, den die Zentralperspektive der Renaissance bedingte, ist wie in aller modernen Alalerei — längst verlassen Vorderansicht und Aufsicht bestehen nebeneinander, vorn und hinten im Bilde gibt es nicht, im Perseus Triptychon begegnen sich sogar Sage des Altertums und Leben 5er Gegenwart. Ein neues Gesetz aus diagonalen Verschränkungen und dem rechten angenäherten Winkel, von Parallelen und Gegenbewegungen bestimmt die Ordnung. Alle Kleinförmigkeit des Details verschwindet, jede Einzelheit hat große Form, und mit den natürlichen Maßstäben wird frei geschaltet. Enge herrscht in der Bildwelt. Wie zusamme ngekeilt, unverrückbar stehen die Dinge und Menschen.

Drei Jahrzehnte umspannt die Ausstellung der über 50 Bilder (Die Graphik greift noch in Früheres zurück ) Von der das Entsetzen auftürmenden Mordnacht von 1918 mit vereinzelten Farbinsehi in matten, gelblich grauen Grundtönen über, die stärker farbig werdenden Bilder der zwanziger Jahre, über die Werkeder Pariser Zeit von 1928 bis 1930, in der er das Schwarz als Farbe erobert, bis zu den neuen Bildern, die in festlicher Pracht leuchten und blühen: all dies ist ein weiter Weg. Und mit der stufenweisen Entfaltung malerischer Meisterschaft stimmen die Stufen menschlichen Reifens zusammen. Man spürt das am deutlichsten aus der Reihe der fünf gemalten und drei graphischen Selbstbildnisse. Der mächtige Kopf mit den weitstehenden großen Augen, dem breiten Mund, dem energischenKinn wandelt sich von fast verkniffener Willensanspannung im Selbstbildnis von 1917 zu ruhiger Selbstsicherheit im neuesten von 1944. Gerade dieses letzte gibt einen der ganz starken Eindrücke der Ausstellung. Das vom Schatten wie von einem Schleier verdunkelte Gesicht sieht uns ruhig und überlegen entgegen, geheimnisvoll und zugleich voll männlicher Lebenskraft.