Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten, mit denen auch Frankreichs Automobilindustrie zu kämpfen hat, sind sehr erheblich. Zerstörungen in den großen Werken, Mangel an Rohmaterial, Kohle, Strom und Facharbeitern, sind es, die den Wiederaufbau erschweren. Trotzdem erreichte die französische Personen- und Lastkraftwagenherstellung im Jahre 1946 70 v. H. des Standes von 1938, unter den genannten Erschwerungen ein immerhin sehr beachtliches Ergebnis. Die meisten Fahrzeuge wurden exportiert, um die erforderlichen Kredite aus dem Ausland zu erhalten; nur knapp 10 v. H. kamen in Frankreich zum Verkauf. Frankreich hat als einziges Land 1946 eine Kraftfahrzeugschau veranstaltet. Und dieser "Pariser Autosalon 1946" wurde zu einem Erfolg, der alle Erwartungen und früheren Ausstellungen weit übertraf.

Die in Paris gezeigten Modelle sind zwar durchweg noch nichts lieferbar, sie vermitteln jedoch meinen weiten Einblick in die Entwicklungstendenz des europäischen Automobilbaues, der über Frankreichs Grenzen hinaus für ganz Europa maßgebend sein wird. Die Zahl der Neukonstruktionen ist groß; sie stehen völlig im Zeichen des Kleinwagens. In diese Klasse fallen Aérocarene, Julien, Mathis, Panhard, Renault, Rovin und Simca 5, zum Teil Konstruktionen des bekannten fortschrittlichen Automobilingenieurs Grégoir. Er war es, der in jahrelangen Versuchen das Problem des leichten Fahrzeugs unter Verwendung von Leichtmetallguß (Aluminium oder Magnesium) im Verein mit der Firma "Aluminium Français" gelöst hat. Bei-• merkenswert ist die Ausbreitung der Luftkühlung. und die Verwendung von Zweizylinder-Boxermotoren, die bei Mathis und Panhard eingebaut werden, ferner die Verbesserung der Vergasertypen von Stromberg, Zenith und Solex und die weitgehende Verwendung von Torsionsfedern. Daß die meisten Fahrzeuge der kleinen Klassen Vorderradantrieb aufweisen, darf nicht verwundern, gilt doch gerade Grégoir seit mehr als zwanzig Jahren als Vorkämpfer für diese Konstruktion.

In den mittleren Klassen werden vor allem Vorkriegstypen mit verschiedener Verbesserung gebaut, so unter anderem der 1,9-Liter-Citroën 11 und der 2,9-Liter-Citroë0n 15 six, weiter der 2,2-Liter-Ford V 8 und der Peugeot 202, ferner, der 1-Liter-Renault und der Simca 8 in gleicher Stärke. In die "Pkw.-Sonderklasse 1947" entfallen nur ungefähr 5 v. H. der gesamten Produktion, und zwar verschiedene Luxuswagen von Delage, Georges trat, Talbot, Delahaye, Salmson, Claveau und Rosengart. Hier sind neben vielen Verbesserungen (Verlegung des Schalthebels unter das Lenkrad und die teilweise Verwendung des elektrischen Cotalgetriebes), besonders hinsichtlich des Betriebsstoffverbrauchs und der erreichbaren Geschwindigkeiten, bemerkenswerte Fortschritte zu verzeichnen. Während 1938 ein voll besetzter Viersitzer bei 65 km/st Durchschnitt mindestens. 9 Liter/100 km verbrauchte, benötigt der gleiche Wagen jetzt bei 75 km/st Durchschnitt nur ungefähr 5,5 Liter/100 km Betriebsstoff.

Zum Abschluß sollen auch die "Sport- und Rennwagen 1947" nicht vergessen werden. Mit ihnen wird es eines Tages möglich sein, auch unseren deutschen Fahrern einen schnellen Wagen in die Hand zu geben, mit dem sie wieder an den Start gehen können. Bugatti, der alte Pionier, der erst? Mann, der der Welt einst den schnellen Sportmotor mit kleinem Zylinderinhalt schenkte, hat sein Handwerk nicht verlernt. Er beschert uns einen 1,5-Liter-Rennwagen mit einer Leistung von 260 PS, von dem wir im Laufe der Zeit bestimmt noch viel hören werden. Vielleicht auch von den anderen Sport- und Rennwagen, die die Firmen Delage, Delahaye, Salmson, Simca und Talbot herausgebracht haben. Wilhelm Fuhrmeister