Dreißig v. H. aller Holländer wollen auswandern. Das ist das Ergebnis neuester Statistiken. Als bevorzugtes Auswanderungsland der 2,7 Millionen Holländer, die ihre Heimat zu verlassen wünschen, wird die Südafrikanische Union, genannt.

Holland ist ein freies und souveränes Land. Es gehört in die Reihe der kleineren Siegerstaaten. Die niederländische Regierung betreibt eine aktive europäische Expansionspolitik. Sie hat nicht unerhebliche territoriale Ansprüche gegen Deutschland angemeldet und will den Anteil der holländischen Häfen an der Weltschiffahrt zu Lasten des deutschen Anteils beträchtlich verstärken. Man kann sich kaum entschließen, das Auswanderungsstreben der Holländer einfach als eine Desavouierung der Europapolitik ihrer Regierung zu deuten.

Aber Holland ist auch ein vom Kriege schwer mitgenommenes Land. Im Zeitalter der Pyrrhussiege gilt das für alle mitsiegenden Staaten Europas. Jahre werden vergehen, bis alle Spuren des Krieges und der Besatzung getilgt sind. Noch auf längere Sicht leidet Holland an der Not heruntergewirtschafteter Bestände, unzureichender laufender Produktion, verknappter Einfuhren. Ganz abgesehen also von der indonesischen Krise, haben es die Holländer, deren Wohlstand früher fast sprichwörtlich war. heute gewiß nicht leicht. Sie Iran-, gern nicht wie die Deutschen, aber sie kennen den Mangel. Trotzdem ist die holländische Not nicht schwer, genug und nach rein wirtschaftlichen Erwägungen nicht langfristig genug, um allein; ein Ergebnis wie den Auswanderungswillen von 2,7 Millionen Menschen zu erklären. Wie ungewöhnlich und erstaunlich diese Zahl ist, wird erst klar, wenn man sich vergegenwärtigt, daß im Jahre 1938 nur 1346 Holländer nach überseeischen Ländern auswanderten. Der Auswanderer nach Übersee nimmt in der Regel Abschied für immer, und solche Entschlüsse werden meist nur aus Gründen gefaßt, die gleichfalls für immer Geltung haben. Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten Hollands, sind nicht von einer derart eindeutigen Dauerhaftigkeit.

Leider fehlen für andere europäische Länder, und besonders für Deutschland, entsprechende Statistiken. Es wäre überhaupt gut, wenn wir eine dem amerikanischen Gallup-Institut ähnliche Einrichtung. besäßen. Sie könnte hervorragendes Informationsmaterial liefern, das nicht zuletzt auch für die Besatzungsbehörden von erheblichem Wert sein müßte. Aber man geht bestimmt nicht fehl in der Annahme, daß eine deutsche Erhebung eine weit höhere Zahl von Auswanderungswilligen zeigen würde als die holländische Statistik. Kenner unserer Verhältnisse glauben, daß Deutschland nach einer Öffnung seiner Grenzen für die Auswanderung und einer entsprechenden Öffnung anderer Grenzen für deutsche Einwanderung innerhalb kürzerster Frist menschenleer sein würde.

– Das deutsche Auswanderungsbegehren ist nicht nur sehr viel weiter verbreitet, sondern auch weit drängender und heftiger als das holländische. Besonders bei der jüngeren Generation haben Aussichtslosigkeit und Hoffnungslosigkeit zu einer Parole des "Heraus um jeden Preis" geführt. Und es kann keinem Zweifel unterliegen, daß bei uns der Notfaktor weit stärker beteiligt ist als in Holland. Die Irrealität einer derartigen in moderner Zeit unbekannten Massenauswanderung spielt in diesem Zusammenhang keine Rolle. Die Ausreise- – sperre der Besatzungsmächte und die Aufnahmeunlust fast Aller Länder, besonnders für Deutsche, sind nicht zu übersehende Tatsachen. Die Auswanderung in Massen wäre auch keineswegs eine Lösung des deutschen Problems. Sie würde das Mißverhältnis in unserer Bevölkerungsstruktur zwischen Alten und Jungen, zwischen Frauen und Männern nur noch grotesker machen und die Hypothek der Arbeitsunfähigen, die auf den verbleibenden Arbeitsfähigen lastet, völlig unerträglich gestalten.

Aber gerade das holländische Beispiel zeigt, daß noch ein anderer Faktor außer der materiellen Not beteiligt sein muß. Er ist nicht weniger in Deutschland wirksam, wie sehr, auch gerade bei uns das äußere Elend alles andere zu beherrschen und zu bestimmen scheint. Hier ist ein nicht immer bewußtes, noch seltener zugegebenes "Rette sich wer kann!" am Werke, und in ihm wohnt die Furcht stärker noch als die Not. Die Furcht ist die eigentliche Seuche Europas und besonders seines abendländischen Westens. Sie ist um so gefährlicher, um so ansteckender, als sie namenlos bleibt. Denn sie gilt nicht einfach dem Bolschewismus, dem Krieg, der Atombombe, Die Furcht des Abendlandes ist irrational, gespenstisch und wesenlos, und die Selbstangst ist dabei nicht weniger beteiligt als die Fremdangst. Das Abendland ist nicht unwirklich geworden, sondern krank, furchtkrank. Seine Menschen leben in einer inneren Not, die sie selbst weder sehen noch begreifen können. Und deshalb sind sie ruhelos und auf der Flucht, nicht zum wenigsten vor sich selbst. Das Verlangen, in möglichst weite geographische Fernen zu entkommen, nicht nur heraus aus der alten’ Heimat, sondern hinweg über die Meere, drückt mit äußeren Maßstäben aus, was mit inneren Maßstäben nicht verständlich zu machen ist.

Unter den vier Freiheiten, die Franklin Roosevelt verkündet hat, sind die Freiheit von Not und die Freiheit von Furcht die beider, wichtigsten und wesentlichsten. Die Zahlen der holländischen Statistik beweisen, daß gerade diese Freiheiten nicht allein in Deutschland fehlen. Sie kennzeichnen einen Zustand, der dem gesamten Abendland gemeinsam ist. Und gerade diese Gemeinsamkeit macht sichtbar, daß dieses Abendland – in seiner Furcht und in seiner Not – noch immer eine Wirklichkeit bedeutet. Diese Wirklichkeit deutet den Weg an von der Gemeinsamkeit zur Gemeinschaft.

Fr.