Das deutsche Volk hat den Winter glücklicher überstanden, als ich selbst zeitweilig zu hoffen wagte", erklärte Sir Sholto Douglas am Ende der Kälteperiode. Seine Hoffnung auf einen tatkräftigen Aufbau nach Überwindung der Kohlenkrise hat sich jedoch bisher: nicht erfüllt; die Versorgungskrise, die in den ersten Apriltagen begann, hat die Arbeitsleistung um 60 v. H. sinken lassen. Die Reaktion der hungernden Bevölkerung auf Verkürzung der Rationen löste zunächst im Ruhrgebiet eine Streikwelle aus. In Protestkundgebungen versammelten sich 35 000 Arbeiter – in Wuppertal, 8000 in Bielefeld und 6000 in Mülheim. Die Demonstrationen griffen auf Düsseldorf, über, wo 80 000 Streikende sich im Hofgarten zu einer Kundgebung gegen den Hunger zusammenfanden. Hägen mit 20 000. Aachen mit 10 000, Solingen mit 16 000 und Dortmund mit 50 000 schlossen sich an: Mehrere Zehntausende in Duisburg, Köln, Dortmund, in Gelsenkirchen, Hamm, im Münsterland, in Wesel, Emmerich und Rees erklärten, unter den verschärften Lebensbedingungen nicht mehr arbeiten zu können. Ein 24stündiger Proteststreik aller Bergarbeiter an der Ruhr und im Aachener Raum mit 320 000 Kumpels bildete den Höhepunkt der diszipliniert durchgeführten Aktionen. Nur in Düsseldorf und Braunschweig kam es zu Zwischenfällen. Die Gewerkschaften als verantwortliche Veranstalter distanzierten sich jedoch scharf von diesen Unruhen. Ihre Not bekannten auch die Arbeiter von Hannover und Lübeck. Mitte April wurde die Öffentlichkeit auf eine erneute Verschärfung der Lebensmittelsituation hingewiesen. General Bishop empfing die Presse, Sir Sholto Douglas besprach sich mit den Zivilgouverneuren der britischen Militärregierung, der bizonale Ernährungsrat in Stuttgart tagte, und vor dem Zonenbeirat sprachen General Bishop, Dr. Schlange-Schöningen und Landwirtschaftsminister Lübke (Nordrhein-Westfalen) offene Worte:

Ein Engpaß ist eingetreten, der die Volle Aus-– gabe der Rationen nicht mehr erlaubt. So werden in Hamburg zur Zeit nur 800 Kalorien ausgegeben, in Hannover 770 und in Essen sogar nur 740 Kalorien.

Das Ruhrgebiet meldet erneute Verschlechterung der Arbeitsleistung, so daß die Kohlenförderung unter den Stand vom März gesunken ist. Die Stadtverordneten von Braunschweig und Wuppertal haben ihre Tätigkeit eingestellt, bis die bittere Not in der Ernährung behoben würde. Auch aus Hamburg, das bisher geschwiegen hatte, kommen nun ernste Mahnungen. In der Erkenntnis, daß ein Streik keinerlei Verbesserung der Lage herbeiführen werde, rief der Vorstand der Gewerkschaften zu einer Massenkundgebung auf, um die Augen der Welt auf die deutsche Not hinzuweisen". 150 000 Hamburger folgten dem Aufruf und hörten eine Rede des Vorsitzenden der Gewerkschaften der Hansestadt, Adolf Kummernuß, der ausrief: "Ein Volk stirbt!" und daraufhinwies, daß die wirtschaftliche Verelendung Deutschlands den Ruin der Welt nach sich ziehen werde. Vor Kanälen und Grenzen mache ein solcher Niedergang nicht halt Die unveräußerlichen Menschenrechte wären noch nicht aufgehoben und es sei die Pflicht der Militärregierungen, die die deutsche Zentrale darstellen, Deutschland zu helfen. "Bis hierher und nicht weiter!" "Diese Kundgebung ist die letzte Mahnung an die Welt, die Hilfe für Deutschland zu verstärken." Mit diesen Worten schloß der Gewerkschaftsführer seine Ansprache. –n.