Uns wird geschrieben:

Die Verkaufs- und Mustermesse, die in Schwerin von Ende April bis Anfang Mai unter der Bezeichnung "Mecklenburg im Aufbau" stattgefunden hat, ist besonders in Lübeck freudig begrüßt worden, als eine Möglichkeit, die nun schon seit zwei Jahren unterbrochenen Beziehungen und Verbindungen zu "Land ein" wieder aufzunehmen.

Die Ausstellung, mit über 800 Ständen, in den wunderschönen Räumen des ehemaligen großherzoglichen Schlosses und im Alten Museum zeigte eine Fülle von Landeserzeugnissen und bewies eine emsige wirtschaftliche Tätigkeit. Die – auswärtigen Besucher zeigten großes Interesse, etwas überraschend jedoch war die Feststellung, daß die Anteilnahme seitens der Schweriner nicht so ausgesprochen in Erscheinung trat. "Wir würden vieles sehen, was wir dringend gebrauchen; da wir es aber doch nicht bekommen, mögen wir uns ja: nicht erst das Herz schwer machen." Derartige Äußerungen waren vielfach zu hören.

Nun brachte die Ausstellung, in gut ausgestalteten Räumen und geschmackvollen Auslagen, in der Tat alles nur Erdenkliche: angefangen vom einfachen Gebrauchsgegenstand für den "Neusiedler" bis zu eleganten Kleidern und Pelzen "für die Damen". Landwirtschaftliche Maschinen und Geräte sowie Gebrauchsgegenstände, Torfbagger, Erzeugnisse der Holzindustrie. Haushaltungsgegen-– stände, Möbel und optische Geräte, Produkte der Lebensmittelbranche, Kosmetika; Kunstgewerbliches und Modeneuheiten wurden angestaunt. Innerhalb der Ausstellung der Lebensmittelbranche nahm die Alkoholproduktion einen auffallend breiten Raum ein Aber: die Verkaufsverhandlungen scheiterten eben fast überall an der Frage der Rohstoffbeschaffung oder Rohstoffsicherung. Die laufende Produktion – auch und insbesondere an ausgestellten Waren – geht eben ganz, überwiegend nach der Sowjetunion als "Reparationslieferungen. Die – Offenheit, mit der dies den Besuchern von den Ausstellern immer wieder zugegeben wurde, wirkte auf die auswärtigen Besuchet geradezu sensationell. Der Einheimische freilich ist. durch Presse und Rundfunk daran gewohnt, daß der Reparationsexport als "Rußlands gerechte Forderungen" bezeichnet wird. Für den Auswärtigen ergab sich der Eindruck, auf einer "Musterschau für Reparationslieferungen" zu sein. Dazu trug bei, daß viele Auslagen--zusätzlich mit russischer Beschriftung versehen. waren, wie z. B. ein Leichtmetallherd, der allgemein . bewundert wurde und großen Anklang besonders unter den Siedlern fand. Die Art der Propaganda und des allgemeinen Rahmens erinnern sehr stark an frühere Zeiten.

Der Schirmherr der Ausstellung, Ministerpräsident Höcker, wies in seiner Eröffnungsansprache nachdrücklich darauf hin, daß Mecklenburg gezwungen sei, sich wirtschaftlich unabhängig zu machen. Es sei bisher ein Agrarland gewesen; deshalb sei bisher auch nur eine Klein- und Mittelindustrie entwickelt worden. Wegen der Bodenreform, des Siedlerproblems und der zonalen Wirtschaftsbedingungen müsse Mecklenburg seine Industrie weiter aufbauen, und zwar auf den Erzeugnissen des Landes, so z. B. der holzverarbeitenden Industrie, der Gemüse- und Obstkonservierung, der Fischverarbeitung. Zuckerfabrikation und der keramischen Industrie. Der Bedarf an lebenswichtigen Gütern sei sehr groß. Ferner sei es unbedingt erforderlich, die wirtschaftlichen Beziehungen zu den Nachbarstaaten zu pflegen und auszubauen, – um Mangelwaren auf dem Wege der Kompensation zu erhalten. Zunächst habe Mecklenburg Holz und Spirituosen nach Lübeck geliefert und dafür Schiffskompasse, Holzschuhe mit Fischlederverarbeitung- und Milchkannen (auf dem Wasserweg? Lübeck–Wismar) im Tausch bekommen.

Die Herstellung dieser Erzeugnisse erfolgt teils in Klein- und Mittelbetrieben, teils in "Landeseigenen Großbetrieben". Die Verteilung erfolgt durch die Staatsregierung in Verbindung mit der Industrie- und Handelskammer-sowie der Landeshandwerkskammer. Die Fahrtdauer Lübeck–Schwerin, um das noch zu bemerken, erschien den Gästen aus der ehemaligen Hansestadt geradezu märchenhaft kurz, da bei "schwarzer" Reise, eine Reisedauer von 48 Stunden erforderlich ist. Die Rüdefahrt erfolgte mit vollen Flaschen, aber leeren Bestellbüchern.