Zum bösen Erbe der Nazizeit gehört das Grauen, das sich an die Namen von Orten geheftet hat und von ihnen nicht mehr weichen will. Dachau, Buchenwald,, Auschwitz. Ouradour, Lidice, das sind nur einige der schlimmsten und berüchtigtsten unter diesen Namen. Jeder von ihnen hält die Erinnerung wach an vordem ungeahnte, Unmenschlichkeit. jeder von ihnen umschließt nicht endenwollende Klage und Anklage zugleich.

Was soll mit diesen Namen werden? Man kann daraus Waffen schmieden, die man scharf und bereit hält in ewiger Feindschaft gegen das Land, von dem die Untaten ausgingen. Man kann immer wieder, und vor allem bei den dem Wehrlosen gegenüber nicht seltenen Gelegenheiten der Rache, einen dieser Namen ergreifen und ihn gegen Deutschland und die Deutschen schleudern. Es ist zur Genüge bekannt, daß auch der Haß sich pflegen und bewahren läßt, daß konservierter Haß zum Mittel einer kaltberechneten Politik werden kann: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Dieser Weg wäre sehr fern, von Frieden und Versöhnung. Er würde den Krieg bedeuten, den die Sieger nach dem Siege weiter gegen den Besiegten führen.

Unsere Versuchung liegt nicht auf diesem Wege, sondern auf dem einer gewollten Vergeßlichkeit. Die meisten unter uns wurden von dem Grauen eines Namens wie Lidice erst nach Kriegsende berührt, denn die Nazis wußten sehr wohl, was sie – in ihrer Propaganda vor dem eigenen Volk zu verschweigen hatten. Vieles von Deutschen vorher getane Unrecht wurde erst zugleich mit von Deutschen erlittenem Unrecht in Deutschland bekannt. Dies und manches andere – nicht zuletzt die These von der Kollektivschuld – hat unter uns die Neigung gefördert, am liebsten gar nichts mehr wahr Und wirklich haben zu wollen von den Greueln der Nazizeit. Aber weder Selbstmitleid noch Trotz sind hinreichende Entschuldigungen für diesen Fluchtversuch, mit dem man sich der Scham entziehen will, Und es kann auch gar nichts helfen, daß wir uns zu vergessen bemühen, was bei den anderen unvergessen bleibt. Der tückische Kreislauf des Unrechts wird nicht durch eine Vogelstraußpolitik durchbrochen, sondern nur durch den aufrichtigen- und tatkräftigen Willen zum Recht, durch die echte Bereitschaft zu Verständigung und Versöhnung. Eine solche Bereitschaft wird in einem kürzlich bekanntgegebenen Beschluß der neuen Landesregierung in Kiel sichtbar. In Schleswig-Holstein soll ein Heim für eltern- und heimatlose Kinder ohne Rücksicht auf deren Volkszugehörigkeit errichtet werden. Die tschechoslowakische Regierung wird um ihre Einwilligung dazu gebeten, daß dieses Heim den Namen Lidice erhält. Darüber hinaus will, das Land Schleswig-Holstein einen angemessenen Geldbetrag, für die Kinder des tschechischen Dorfes Lidice zur Verfügung stellen.

Den allzu Vergeßlichen unter uns sei es ins Gedächtnis zurückgerufen: Nach dem gelungenen Attentat auf den "Protektor" Reinhardt Heydrich, der eine der finstersten Gestalten der Nazizeit war, kam es zu skrupellosen "Vergeltungsmaßnahmen". Unter anderem wurde das Bergarbeiterdorf Lidice völlig niedergebrannt. Sein Name wurde aus den amtlichen Urkunden gestrichen. Die Bewohner, die man beschuldigte, die Attentäter versteckt gehalten zu haben, wurden "liquidiert". Ein Sonderkommando erschoß alle Männer des Dorfes an Ort und Stelle. Die Frauen wurden nach verschiedenen Lagern, die meisten nach Ravensbrück. deportiert, und nicht wenige, von ihnen sind niemals zurückgekehrt. Die Kinder wurden von ihren Müttern getrennt und gleichfalls verschleppt. Man weiß bis heute nicht, – wie viele umgekommen, wie viele verschollen sind. Nur ein Teil wurde aufgefunden und konnte heimkehren.

Jetzt soll ein Heim in Schleswig-Holstein für Kinder ohne Eltern und Heimat den Namen Lidice tragen. Es könnte geschehen, daß Kinder aus Lidice, unerkannt dort Aufnahme; und Pflege finden. Das wäre eine symbolische "Heimkehr". Aber auch den wirklich heimgekehrten Kindern will das Land. Schleswig-Holstein helfen, soweit das irgend möglich ist. Hier istetwas wahrhaft Schönes geschehen. Hier spürt man den Willen, das Grauen von dem Namen Lidice zu verscheuchen, den Willen zu sühnen und zu versöhnen. Es gibt keinen. besseren Weg als den von der Landesregierung in Kiel gewiesenen. Ein Mord läßt sich nicht "wiedergutmachen". Aber man kann versuchen, stetig helfende Taten in die Waagschale des Guten zu legen, so daß sich die mit Untaten gefüllte Waagschale des Bösen hebt. So wird das Kinderheim "Lidice" dazu beitragen, beides zu überwinden: die Rache und die Vergeßlichkeit. Fr.