Lucie Mannheim im Garrison-Theater, Hamburg

Wer kennt nicht Verneuils "Monsieur Lamberthier"? Ein virtuos gebautes Stück, das den ganzen Abend mit zwei Personen auskommt, den frischgebackenen Eheleuten Germaine und Mauriac, und dessen Inhalt zwischen Eheproblematik und Kriminalgeschichte unruhig hin- und herflackert. Ein dritter Partner tritt nie auf und ist doch ständig zugegen. Dies ist der reiche Lebemann Lamberthier, der anruft und sich anrufen läßt, der "Taufpate", wie Germaine ihrem Gatten vorlügt, obwohl sie seine Geliebte ist, geblieben ist, wie Mauriac mit der Witterung des Eifersüchtigen von Anfang an richtig vermutet ... Man kennt das Stück. Und trotzdem kennt man nicht alles, was darin liegt, solange man nicht Aufführungen wie die mit Lucie Mannheim und Marius Goring erlebte.

Ich bin sicher, auch Louis Verneuil, der Verfasser, kennt es nicht bis in seine letzten Tieren. Er gibt eine spannende Handlung, voll, psychologischen Raffinements und kriminalistischer Überraschungen, gute Unterhaltung, nichts weiter. Lucie Mannheim aber formte einen menschlichen Grundtyp: die Lügnerin, die durch den Rollencharakter hindurch jenen urbildlichen Bereich spüren ließ, in dem Gestalten wie Molières Geizhals zu Hause sind. Atemberaubend, wie diese Frau log! Mit Worten. Gesten, Blicken, mit dem Klang ihrer Stimme, der Bewegung ihrer Hüfte. Sie log aus Angst, aus Sorge, aus Verzweiflung. Sie log mit der Inbrunst des liebenden Weibes, um einen Raum zu – schaffen,

dem sie mit Maurice leben könne trotz Herrn Lamberthier Warum lügt ein Weib in der Welt, warum wendet es so viele Klugheit und Willenskraft auf, warum anders als aus Liebe? Mauriac täuscht sich, wenn er aus ihren Augen Stück für Stück die Wahrheit herauszulesen glaubt und sie dabei immer wieder neuer Lügen überführt. Ihre Wahrheit ist identisch mit ihrerLüge, beide wurzeln in ihrer Liebe. Dazu gehört, daß sie die Reifere, die mütterlich Liebende ist. Um ihn ist ein Hauch von Sauberkeit. Ehrlichkeit: seine Wahrheit ist die logische, die ethische, die männliche Konsequenz, die ihn schließlich zur Selbstanzeige treibt; er muß gestehen daß er Herrn Lamberthier ermordet hat. Aber von ihr aus gesehen heißt das: er hält die Spannung nicht durch, den Widerstreit zur Welt, den sie die ganze Zeit auf sich genommen hat. Arme Germaine, du logst umsonst. Mauriac opferte euer Glück der allgemeinen Wahrheit auf.

Aber ich verlor mich an die Erinnerung der letzten Szene. Mauriac ist hinweggestürzt zur Polizei, während Germaine im Schlafzimmer ausruht. Maiverfährt nicht wie sie es aufnimmt, wenn sie zurückkommt und merkt was ihr Mann inzwischen getan hat. Aber man weiß auch so, daß sie mutlos ihre Arme sinken lassen wird, aller Kraft beraubt und im tiefsten nicht begreifend. Herr Lamberthier ist tot, diese Quelle der Angst, des Zwangs, der Schande; das unerschöpfliche Thema ihrer Lügen gibt es nicht mehr, und der Mann, dem zuliebe sie log, ist fort. Und mit einem Male wird sie alt geworden sein, gealtert von e Augenblick zum andern. Denn nun weiß sie beim besten Willen nicht mehr, weder weiter zu lügen noch weiter, zu lieben.

In den Dank des Publikums mischte sich Wiedersehensfreude mit der großen Künstlerin, die-1933 von uns gehen mußte. Heinrich Leippe