"Ruhig und unbefangen betrachte der echte Beobachter die neuen staatsumwälzenden Zeiten."

Novalis: "Die Christenheit oder Europa."

I.

Nicht nur die Zertrümmerung Mitteleuropas,sondern die Gefährdung des ganzen Erdteils wird-heute durch die quer durch Deutschland und Österreich verlaufende westöstliche Zonengrenze jedem Auge sichtbar. Aber diese unheilvolle Trennungslinie, an der die Kräfte größter, vorwiegend außereuropäischer Imperien sich berühren, unterstreicht doch nur, was in unserem Jahrhundert längst aus dem Gang der Ereignisse herauszulesen war. Im Grunde offenbart sich jetzt, was schon seit Jahrzehnten, und zwar durch den Verlauf des ersten Weltkrieges, Wirklichkeit geworden ist: Unser Erdteil hört im 20. Jahrhundert auf, im alten Sinne Europa zu sein! Im alten Sinne – nämlich nicht nur als geographischer Begriff, sondern als menschlich hochentwickeltes, bei aller Mannigfaltigkeit und Gegensätzlichkeit der Zusammensetzung doch in sich beruhendes, von anderen Weltteilen unabhängiges Gebilde! Indem während des ersten Weltkrieges Amerika den Ausschlag gab, indem seitdem das traditionelle europäische Gleichgewicht ohne entscheidende Mitwirkung der USA sich nicht mehr aufrechterhalten ließ, verlor Europa eine wesentliche Vorbedingung seines politischen und im Zusammenhang damit auch seiner kulturellen Bedeutung: seine Selbständigkeit.

Selbständigkeit, als ein entscheidendes Merkmal der europäischen Existenz ist natürlich politisch zu verstehen. Denn kulturell und auch wirtschaftlich ist Europa niemals unabhängig gewesen! Die flüchtigste Erinnerung an das Zeitalter der kolonialen Entdeckungen oder der Kreuzzüge, ja schon ein Blick auf die Christianisierung Europas läßt uns dieses Tatsache bewußt werden. Der Aufbau unserer abendländischen Zivilisation ist undenkbar ohne ihre tief wurzelnde Verbundenheit mit Asien, ohne die Mitwirkung orientalischer Religion, ohne die Ausbeutung und Verwendung exotischer Bodenschätze und Rohstoffe.

In politischer Hinsicht aber geht die Selbständigkeit unseres Erdteils ohne weiteres aus seiner Geschichte hervor. Eine Unabhängigkeit, die eben. dadurch ihre charakteristische Besonderheit erhält, daß sie sich mit der Zusammensetzung aus so verschiedenartigen und eigenwilligen Kraftzentren, wie die europäischen Staaten sie doch darstellten, durch über zwei Jahrtausende vereinigen ließ. Warum ein von innen her so gefährdetes Gebilde so lange autonom bestehen konnte, bleibe hier unerörtert. Jedenfalls aber wäre es ein Irrtum, die seit den Tagen von Thermopylä bestehende Unabhängigkeit Europas auf ein europäisches Gemeinsamkeitsgefühl zurückführen zu wollen. Ein "europäische? Bewußtsein" hat es immer nur zeitweise und immer nur bei wenigen gegeben. Ein Richelieu oder Bismarck sind ihrer politischen Haltung nach ebensowenig. Europäer gewesen wie im kulturellen Bereich ein Goya oder Dostojewskij es waren,

II.