Von Heilwig v. d. Mehden Ich will heute von etwas erzählen, was es nicht mehr gibt. Nein, nicht von Schinken und Ananas mit Schlagsahne oder von Autofahrten und Abendkleidern. – Ich will heute noch einmal von den Luftballons erzählen, die an dünnen Fäden bunt und festlich über dem Alltäglichen schwebten und die Neigung hatten, vollends in den Himmel zu fliegen.

Luftballons könnte man auf dem Jahrmarkt, kaufen oder auf dem Schützenfest. Zwischen der Bude mit türkischem Honig und der Tombola, wo jedes Los gewann. Gold aber wie überall auf der Welt die Auswahl hatte, da stand der Mann mit den Luftballons. Rote, grüne, gelbe, blaue Luftballons, so durchscheinend, daß man die Gondeln des Riesenrades hinter ihnen vorüberhuschen sah.

Man suchte sich den allerschönsten aus – es war der rote mit dem Struwelpeter –, und der freundliche. Luftballonmann knotete ihn am obersten Mantelknopf fest. Wie sollte man ihn auch sonst halten? In der einen Hand hatte man ja schon ein Würstchen und in der anderen eine Lakritzenstange nebst dem Tombolamops.

Abends brachte man dann außer einem verdorbenen Magen und dem Tombolamops auch noch den Luftballon heim, der in der Nacht still und rot über dem Kinderbett schwebte und sacht an der Zimmerdecke durch den Raum wanderte. Am andern Tage aber wurde die glänzende, durchsichtige Haut matt und trübe, der Struwelpeter bekam verzerrte Beine und Falten im Gesicht und schrumpfte so lange zusammen, bis er nur noch ein sinnloser weißer, Klecks auf einem schlappen roten Gummilappen war, der wie ein flügellahmer Vogel auf der Erde lag.

Wenn man gleich das Gas aus dem Luftballon ließ und ihn selbst wieder aufpustete, konnte er zwar nicht mehr in den Himmel fliegen, dafür aber an der Erde klebend ein beträchtliches Alter erreichen. Zu einem richtigen Luftballon gehörte es jedoch, daß man haarscharf auf ihn aufpassen mußte, damit er nicht davonflog. Wenn er es aber doch tat, so sah es so über alle Maßen herrlich aus, wie der strahlend bunte Ball in die Bläue des Himmels stieg und stieg, daß das Herz ganz voller Seligkeit und Glück war – vorausgesetzt, der Luftballon hatte einem nicht selbst gehört.

"Luftballon, Luftballon,

lieber schöner Luftballon ..."