Von Walter Henkels

Dies schon ist das Tröstlicher daß es keinen Disput über das Platzbelegen gibt. Niemand bricht Streit vom Zaune niemand gebraucht die Ellbogen. Es ist noch die Zeit, da das Reisen mit der Eisenbahn jene gehobene Stimmung bringt, der früher auch in Deutschland jeder erlag, als das Thema Reisen noch jenes Weltgefühl, jenen unbeschreiblichen Drang nach der Ferne, jenes tiefe Behagen auslöste. Unsere soziale und moralische Strukturwandlung findet heute freilich auf Puffern und Trittbrettern, in vollgekeilten Zügen, aus denen das Elend auf jeder Station in einer grauen, breiigen Masse herausquillt, seine sinnfälligste Illustration.

L 11 ist der berühmte Nordexpreß, der Luxuszug Ostende–Paris–Brüssel–Aachen–Köln–Hamburg–Kopenhagen–Stockholm. Erfreulich, daß er das Territorium Restdeutschland nicht einfach umfahren kann. Der "Lux", wie er fachmännisch heißt, muß durch Deutschland, ob er will oder nicht. Vieles kann die Welt, auslöschen, die Geographie nicht Und es ist nicht schlecht, daß der "Lux" da halten muß, wo die Totalaufnahmen der Ruinen am eindringlichsten sind, in Aachen, Köln, Wuppertal, Hagen, Hamm, Münster, Osnabrück, Bremen und Hamburg.

Wer auf dem Pariser Nordbahnhof einsteigt, linst zuerst nach dem Speisewagen; das ist für deutsche Normalverbraucher, die ein paar Devisen in der Tasche haben, wohl klar. Nun, wer den Pariser Nordbahnhof kennt, wird es auch nachfühlen, daß wir nur mit Beklemmung an ihn denken. Denn die Menge der Globetrotter und Kosmopoliten, die den Nordexpreß bestiegen hat, um in Geschäften nach Dänemark oder Schweden zu reisen oder Deutschland zu verwalten, hat fraglos einen burgeoisen Zug; eine Wahrnehmung, die uns Deutschen wohl einigen Respekt abnötigt. Viele Uniformierte, auch aus Übersee, einige mit Frauen und Kindern in märchenhaftem Reisedreß. Viel Kosmetik. Damen beispielsweise, die zu beschreiben einem die Trauer ins Herz bringen würde. Schöne, feine, wunderbare Damen, die geheime Kräfte ausströmen, Verlaine-Gedichte ganz und gar. Gewagte Sachen könnte man sich ausdenken, wenn es uns Deutschen erlaubt wäre, gewagte Sachen auszudenken. Außerdem: "Paris ist eine, schöne Stadt", würde jener Düsseldorfer sagen, der auf dem Montmartrefriedhof begraben liegt und dem es wie uns erging: Dacht er an Deutschland in der Nacht, dann war er um den Schlaf gebracht. Um 17,15 Uhr, pünktlich, rollt L 11 aus dem Pariser Nordbahnhof nordostwärts.

Der Schreiber bittet nunmehr um Nachsicht, wenn er es unternimmt, den Abstecher in den Speisewagen zu beschreiben. Der Schreiber ist sich wohl bewußt, welche Verwirrung er bei Lesern hervorrufen muß, die hundert Zuteilungsperioden hinter sich gebracht haben. L 11 rast und rast. Draußen blühen Aprikosenbäume rosa, Kirschen- und Pflaumenbäume weiß, wie sie in aller Welt rosa und weiß blühen. Es ist wahr, im Speisewagen gibt es keinen Champagner. Aber es gibt Kaffee, echten Bohnenkaffee, Mineralwässer, "Vichy" Und "Perrier", es gibt "Bière", esgibt "Vins blanc" und "rouge". Und es "kurbelt" sich niemand eine. Man raucht mit Stil, wie wir es noch aus alten Büchern kennen. Die Speisekarte: Potage – Salade de Tomates – Royans grillés Beurre frais – Thon frais Beurre fondu – Poulet rôti Cresson – Aubergine Provençale – Melon glacé – Patisserie assortie.

Paß- und Gepäckkontrollen gehen schweigend vor sich, die belgische – in Herbesthal – dauert 25, die deutsche – in Aachen – 55 Minuten. Abermals fällt uns der Düsseldorfer vom Montmartre ein: "Denk ich an Deutschland in der Nacht..."

Mit 72 Minuten Verspätung, planmäßig 3.45 Uhr ab Aachen, geht L 11 auf die Deutschlandreise. Herr Fischer aus Aachen, der früher die Strecke Paris-Warschau befuhr, übernahm das Zugführerkommando. Nun spulte an den Fenstern der Deutschlandfilm mit dem großen Epos unserer Zeit ab, teils anklagendes Zeitstück, teils Kolportage, teils Kriminal-, teils Sozialstück, großartig die Ruinenkulisse. Auf den großen Bahnhöfen standen die Deutschen, die anonyme, graue Masse Mensch; die Deutschen in der Quarantäne. Aus der Fenstern von L 11 sahen wir es. Und es war gut daß es auch die Fremden sahen. Wie auf der Leinwand zogen die Gesichter der Deutschen vorbei mit großen Augen, großen Nasen, großen Mündern und großen, abstehenden Ohren. Es war gut daß es die Fremden sahen. Unheimlich sahen die Deutschen aus. Schweigend sahen sie L 11 nach schweigend ließen sie L 11 ziehen, den Nordexpreß, den Luxuszug Ostende–Paris–Stockholm. Es war – wie bei Herrn Gerstenberg – das Abgründige, was diese Menschen draußen so unheimlich machte.