Die Oper "Romeo und Julia" von Heinrich Sutermeister, in den Jahren vor dem Kriege komponiert und 1940 in Dresden uraufgeführt, ist nach ihrem großen Premierenerfolg nur noch an wenigen deutschen Bühnen herausgekommen; lediglich Berlin und Aachen brachten sie mit gleichfalls starker Wirkung zur Wiedergabe. Der Krieg verhinderte die weitere Auswirkung dieser wie auch der zweiten Oper des jungen Schweizer Komponisten, der "Zauberinsel", die man in Westdeutschland aus einer eindringlichen Aufführung im Opernhaus. Duisburg in Erinnerung hat. Heute stehen einer szenischen Vermittlung dieser wesentlichen Werke zeitgenössischen Opernschaffens die meisten der einst leistungsfähigen Opernhäuser im Lande nicht mehr zur Verfügung. So sind wir dankbar, wenn wir sie, wie auch. manch anderes anspruchsvolle Werk der musikalischen Überlieferung, in konzertanter Form hören können, wollen wir nicht auf ihre Kenntnis oder ihre Wiederbelebung ganz verzichten.

Die konzertante Darbietung der Romeo-Oper Sutermeisters in Essen bleibt somit in einer Stadt, deren Theater zerstört sind, in jedem Falle verdienstlich und bei der in solcher Form zweifellos stärkeren musikalischen Geschlossenheit und Qualität ein Faktum von besonderem Wert, zumal es sich (nach einem eindrucksvollen Versuch konzertanter Darstellung mit Verdis "Aida" vor einem Vierteljahr) hier um ein wesentliches Werk unserer Zeit handelt. Es ist kein revolutionierendes oder auch nur in modernem Sinne neues Werk; es gibt sich vielmehr in der Nachfolgeschaft Verdis nachdrücklich als reine Gesangsoper zu erkennen mit dem Primat der Stimme in großen, melodisch geschwungenen Bögen der beiden tragenden Solorollen und’stark wirkenden Unisono wie kunstvoll gesetzten Chören, denen der Komponist ein kleineres Ensemble von acht Stimmen (die vier verliebten Paare) mit höchst reizvollen, um dieirdische Vergänglichkeit kreisenden barocken Gesängen eingefügt hat. Im übrigen folgt der Autor, der sich den Text selbst schrieb (wie auch in der "Zauberinsel"), in der Schlegelschen Übersetzung der Vorlage Shakespeares, diesem "schönsten dramatischen Liebesgedicht", wobei, er die Gestalten der Handlung auf das Notwendigste beschränkt und sie wesentlich auf das Liebesthema konzentriert. Auch darin also folgt er Verdi, doch erkennt man in der glänzend geschriebenen-Partitur nicht weniger auch die Anregungen, die etwa vom Puccini der "Turandot", von der Farbigkeit des Strauß-Orchesters bis zur melodischen Plastik der Musik Werner Egks. auf den Schweizer Komponisten eingewirkt haben. Aber er verwendet sie sehr selbständig, er ist – Schüler von Carl Orff – ein Musiker-, von stark eigengeprägtem musikalischem Gefühl und von souveräner Gestaltung klangsinnlicher Effekte, für die er im Orchester neben der üblichen Besetzung ein Instrumentarium von Klavier, Gelesta, Tambourin und von mancherlei Schlagzeugen verwendet. Sprachliche Kühnheiten werden tonal aufgelöst, wie denn überhaupt das Wesen dieses bemerkenswerten Opernwerkes dem Gesetz des harmonisch schönen, lyrisch eindringlichen Ausdrucks eingeordnet ist.

Der prachtvolle Einsatz aller beteiligten Kräfte, der großen Chöre wie der kleineren Stimmgruppen, der Solisten, von denen Albert Weikenmeier als Romeo, Walburga Wegner als Julia, ferner Marie-Luise Schilp als Amme und Gerhard Gröschel als Pater Lorenzo zu nennen sind, sowie des mit hervorragender Disziplin und Intensität spielenden Essener Orchesters sicherte der Wiedergabe unter der hingebungsvollen und spannkräftigen Leitung Gustav Königs einen vollen künstlerischen Erfolg. Er war auch ohne die an sich wichtige Szene stark genug, eineZwischenlösung dieser Art für die kommende Zeit und mit bestimmten Werken zu. legitimieren. Hans Georg Fellmann