Bruno Soelis: "Die Entdeckung des Geistes Daß der Mensch Entschlüsse faßt, denkend und gestaltend der Umwelt gegenübertritt; ist uns heute etwas Selbstverständliches. Die Griechen aber führten laute Selbstgespräche, die Gespräche mit Göttern waren. Für uns ist es eine abgegriffene Redensart zu sagen: "Mir fällt etwas ein Aber der Grieche der Blütezeit der epischen Dichtung Homers hat die Plötzlichkeit einer Erkenntnis oder eines Entschlusses als Ausfluß einer Macht außerhalb seiner selbst empfunden, die er als rätselhaft, daher als göttlich bezeichnete. Tun und Handeln der homerischen Helden wird eben darum von Göttern gelenkt. IHr Eingreifen ist mehr als ein. "Götterapparat" "(jenes dichterische Mittel einer späteren Zeit), es ist gesehen aus der Ehrfurcht vor jeder Eingebung, und ebenso kommt für Homer der eigene Entschluß, wenn er nicht solch göttlichenEängreifens bedarf, nur im Wechselgespräch des. Menschen mit seinem Ich, seinem Thymos, zustande.

So merkwürdig uns solch Denken anmuten mag — gerade darin liegt die Wurzel der Bedeutung, die das Griechentum tut die Entwicklung des europäischen Geistes gewinnen sollte. Nur eine klare Überwindung dieser Bewußtseinsstufe vermochte den Griechen auf den Weg zur Entdeckung des Geistes zu bringen, von der ein neues Buch des Hamburger Philologen Bruno Snell (Classen und Goverts Verlag, Hamburg) handelt. Das Selbstgefühl des Individuums konnte entstehen nur aus dem Nachdenken über die Herkunft von Gedanken und Entschlüssen, das jene fremde Macht näher zu bestimmen, suchte — bis das Gegenüber in der eigenen Brust gefunden wurde "Der Anfang der Philosophie ist das Staunen": dieses Aristoteles Wort erklärt den Schritt zum Erwachen der Persönlichkeit als denkencfen SuBfekts, ohne die das Ideal des griechischen Menschen — nämlich der abendländischen Persönlichkeit in ihrer Freiheit von magischen Vorstellungen, von despotischem Zwang, von der Macht der Traditionen — nicht "möglich ist. Die Auffassung der homerischen, olympischen Götter in ihrer erhöhten Menschlichkeit, fern allem kultgebundene n. Glauben, als der Partner des Selbstgesprächs ist der erste Schritt dazu, der Aüs druck des eigenen Gefühls im lyrischen Gedicht der zweite " An ihn knüpft sich alle psychologische Fragestellung an, die schließlich, aller Verkennung durch Aristophanes zum, Trotz, in Euripides Tragödien die Erklärung des Handelns des tragischen . Helden aus seelischen Motiven zum eigentlicher! Inhalt des Dramas macht. In des Sokrates Wirken zu Athen zeigt sich, daß jeder Mensch vor das Problem der Beweggründe seines Handelns gestellt ist und daß er die Wahl hat zwischen Gut und Böse. Solche Forderungen hatten, bezogen auf die menschliche Gemeinschaft, schon die Lyriker des 7 und 6. Jahrhunderts v. Chr erörtert. Und zu ihren Denkformen kehrt Snell immer wiedejr zurück und damit zu jener Epoche der griechischen Geistes geschichte, die man recht eigentlich die des Erwachens des Individuums, der Entdeckung des Geistes nennen mag. Echte philologische und sprachpsychologische Betrachtungvermag ja den Weg zu den Anfängen eines Weltbildes und schließlich zur naturwissenschaftlichen Begriffsbildung aufzuzeigen, weil sie dem Stand der Sprache auf jeder Stufe der Entwicklung des Denkens nachgeht. Diese Entwicklung führt vom Epos zur Geschichtsschreibung und Geographie, zur Theogonie und Kosmologie, zur Naturphilosophie, von der Lyrik "zu Heraklit, vom Drama zu Sokrates und Platon. Von volkstümlichem Nachdenken über die Tugenden geht auch der philosophische Weg des Sokrates zur Erkenntnis der Allgemeinbegriffe. In all dem geht es um das Seibstgewahrwerden des menschlichen Geistes, ohne das Persönlichkeit. Freiheit des Individuums nicht möglich ist, und damit um die Grundfrage der humanistischen Idee von Freiheit und Würde des Menschentums, ohne die auch heute eine Bekämpfung des Massenwahns nicht möglich erscheint. Was die Griechen einst errangen, das ist heute unsere Frage in der Verteidigung — darin liegt die Aktualität dieser Studien voll weiter Bildung und tiefer Eindringlichkeit Ernst Kirsten, Göttingen 4