Von Eithe Wilkens, London

In unserem zonal zerlegten Deutschland sind Fremdsprachen nichts Fremdes mehr, und die Probleme der Übersetzung und der Verständigung über sprachliche Grenzen hinaus sind aktuell. Übersetzung aber heißt nicht bloß Austausch der Worte, sondern geistiger Austausch. Diesen Zusammenhang erhellt ein Aufsatz, den die englische Übersetzerin des Werks von Ernst Wiechert – der Dichter erreichte übrigens am 11. Mai das 60. Lebensjahr – für ein Gedenkbuch geschrieben hat, das der Kurt Desch-Verlag, München, vorbereitet.

Als dieser Krieg zu seinem Ende gekommen war, erschien es vor allem anderen lebenswichtig, wieder Verbindungen herzustellen, den Versuch zu machen, eine neue Brücke zu bauen, die den Abgrund überbrücken könnte. Es war uns nicht erlaubt, direkte und materielle Hilfe zu leisten, wie sehr wir auch gewünscht hätten, mit jenen anderen zu teilen. was immer wir besaßen. Aber eines konnten wir tun, und das war, das geschriebene Wort wieder auffinden. Und in dem Maße, in welchem das ein Privilegium war. dessen nicht alle teilhaftig werden konnten, die sonst gern geholfen hätten, wurde es für die wenigen Männer und Frauen in England, denen die deutsche Literatur mehr als ein trockenes Lehrfach oder ein journalistisches Betätigungsfeld bedeutet, zu einer wirklichen Aufgabe. Man kann nicht wissen, was letzten Ende überwiegt: das Elend Tausender, die hungern. die von Groll und Unwissenheit erfüllt, verursachen, daß neue Wolken der Rache aufziehen, für das, was nun an ihnen getan wird, ebenfalls aus Unwissenheit und oft aus hilfloser Unfähigkeit: oder die einsame, leuchtende Ausstrahlung, die hier und dort von einem Kunstwerk ausgeht und sich in Wellen verbreitet, Kreis nach Kreis, und selbst im Unbewußten des Geistes noch leuchtet. Man kann nicht wissen, wie diese Dinge gegeneinander wiegen: die Düsterkeit der Gewalt und des Massentodes gegen solches schlanke und doch kraftvolle Licht wie das etwa, das von jener Szene in Wiecherts "Jeromin-Kindern" ausgeht, wo zwei. Soldaten im Schnee sterben, verloren in den Wäldern.

Wie es auch sein mag. es sind diese Wellen von Licht, die jenes Andere, Dunkle und Düstere überhaupt erträglich machen.

Hier ist nicht der Raum gegeben, zu erklären, warum die Engländer, die sonst so vieles Gemeinsame mit den Deutschen haben, sie anderseits auch in mancher. Hinsicht geheimnisvoll und fremd empfinden. Es gibt charakteristische deutsche Qualitäten, die der Engländer nur dann ohne weiteres aufnehmen kann, ohne Zögern oder Reserviertheit, wenn sie in Form von Musik oder Märchen zu uns gelangen oder – so sonderbar es klingen mag: auch das ist für uns eine deutsche "Qualität" – in Form der Landschaft, der großen Wälder, Flüsse, Seen und Berge, des Großartigen, Mystischen und Unbekannten darin, das die Grenzen der Sinne und des Verstandes überflutet. Vielleicht könnte man sagen, daß viele große deutsche Künstler, solche des Wortes und der Musik, in charakteristisch deutschem Sinne zugleich weiter voraus und weiter zurück sind in der Zeit, näher der weiten, wilden, einsamen Welt der Urzeit und tiefer und leidenschaftlicher die jenseitige Welt erlebend, die Mysterien hinter den Mysterien das unendlich Unerklärliche, das Gute und Böse der Dinge, Schicksal, die Unendlichkeit des Raumes. Das ist es, was viele in der Musik suchen, und gerade Musik wurde fast nur von Deutschen geschaffen. Und das ist es auch, wonach sie in der deutschen Literatur suchen, und warum sie die Steindenkmäler deutscher Kirchen und Burgen aufsuchen, mit ihren blutenden Altargemälden, die Visionen sind vom Untergang der Welt.

Die tiefere Bedeutung, der wirkliche, und zutiefst innerliche Sinn der Dichtung wird immer vielen unverständlich bleiben; und in dem Maße, in dem ein Dichter das Wichtigste zu sagen hat, im gleichen Maße wird er unverstanden bleiben und wird dafür leiden. In manchen Epochen und in manchen Ländern zeigt sich das in der äußeren Form von Armut und Unbeachtetsein; in Zeiten, die den unseren gleichen, gibt es Gefängnis, – Verfolgung und bösartige Verleumdung dafür. Wir wissen das, und Wiechert weiß es. Und alles, was zu tun bleibt, ist: jene Wahrheit, die er zu sagen hat, so wahr und echt zu übersetzen, wie man kann. Denn unsere Welt ist sehr arm an Wahrheit geworden. Die einzige Wahrheit, die man für das Gute und das Böse finden kann, liegt in dem Werk selbst; und darum wird Wiecherts Werk bestehen, mit all seiner Einfachheit und seinem Klang, seiner Naturverbundenheit und seinem Sinn für das Geheimnisvolle und Großartige.

"Der Geist des liebenden Verständnisses", so schrieb Mazzini vor über hundert Jahren, ,,spricht zu den Herzen aller Bewohner dieses unseres Europas, nur ist er verwirrt und hat nicht überall die gleiche Kraft. Viele Jahrhunderte des Irrtums haben den Eindruck unserer gemeinsamen Abstammung verwischt, doch hat der Himmel uns die Dichtung gegeben, mit welcher die verstreuten und getrennten Brüder zu vereinen sind. Es ist an euch, diesen Geist des liebenden Verständnisses wieder zu erwecken und zu verbreiten, von überall her; jede Schranke, die der menschlichen Verbrüderung entgegensteht, niederzubrechen; und von den unendlichen Gefühlen zu singen und den ewigen Wahrheiten." Mazzini schrieb das im Hinblick auf eine europäische Literatur und auf den Sinn und die Aufgabe des Übersetzens. Was er damals schrieb, gilt auch für uns, die Übersetzer Ernst Wiecherts heute. Denn über den dichterischen, den sozialen, den politischen und all den anderen Gründen, die für die Übersetzung eines Werkes sprechen, bedeutet Übersetzen die Pflicht, die Wahrheit zu übermitteln, die daraus spricht, und sie zu übertragen von Sprache zu Sprache. In Wiecherts Werk sind all diese Gaben vorhanden, und vor allem die der Wahrheit. Er ist einer der Wenigen, deren Leben, Taten und Werke von wirklicher Tiefe und innerem Verständnis sprechen und von dem Glauben an die Wahrheiten, die für sie ewig sind, eine Stimme aus Deutschland, die überall gehört werden sollte.