Für die schleswig-holsteinische Westküste von der Sylter Nordspitze bis zur Elbmündung ist der Kampf gegen das Wasser von jeher eine besonders dringende Aufgabe gewesen. In erster Linie ist es die Nordsee, daneben aber auch das Binnenwasser, das die Bewohner dieses Landstrichs immer wieder zu äußerster Anstrengung aller Kräfte zwingt.

Der Landkreis Husum bietet ein Beispiel für die Sorgen und Nöte, die heute in besonders starkem Maße auftreten. Bei über 86 000 ha Bodenfläche des gesamten Kreises entfallen über 10 000 ha auf die Inseln und Halligen, die gerade hier besonders urwüchsig und eigentümlich geblieben sind. Außer den Inseln, von denen nur die beiden größeren, Pellworm und Nordstrand, voll eingedeicht sind, hat der Kreis eine bedeichte Küste von rund 40 km Ausdehnung. Zu den Deichunterhaltungs- und Verbesserungsarbeiten kommen größere Entwässerungsschwierigkeiten sowohl auf den Inseln als auch auf dem Festland. Wenn kürzlich fast ein Fünftel der gesamten Bodenfläche des Kreises unter Wasser standen, so ist das zwar zum Teil eine Folge des besonders schweren Winters, zeigt aber zugleich, daß hier tausende Hektar jetzt wenig oder gar nicht genutzten Bodens durch vernünftige Entwässerungsmaßnahmen zu wertvollem Acker- und Weideland gemacht werden könnten. Es ist ein ermutigendes Zeichen, daß nach jahrzehntelangem Planen jetzt in Deutschlands schwersten Notzeiten das große und besonders dringliche Problem der Entwässerung des Gebietes von Bongsiel in Angriff genommen worden ist.

Wenn hier im Küstenland weite Landstriche auf friedlichem Wege für die Volksernährung gewonnen werden können, so ist die Voraussetzung dafür die Sicherung des Landes durch gute Deiche. Während in früheren Zeiten in systematischer Arbeit immer mehr Land dem Meer abgerungen wurde, ist im letzten Jahrzehnt ein verhängnisvoller Stillstand auf diesem Gebiet eingetreten. Darüber hinaus aber wurden auch die normalen Deicherhaltungsarbeiten sowie die üblichen laufenden Entwässerungen sträflich vernachlässigt. Als die Kriegsgefahr größer wurde, ist seit 1939 auf diesem Gebiet kaum mehr etwas getan worden.

Schlimmer noch als das Fehlen der Initiative der Behörden sind die bedenklichen Folgen, die das Obrigkeitssystem auf dem Gebiet der Selbsthilfe der Einzelnen hatte. Selbst die Hallig- und Inselbewohner, die wissen, daß ihr aller Schicksal von dem erfolgreichen Kampf gegen die See abhängt, hatten sich daran gewöhnt, alles Heil von Oben zu erhoffen und abzuwarten, was wohl für Befehle ergehen werden. Als dann in der letzten Phase des Krieges die Menschen, und Materialien immer knapper wurden, als man zu einer Zeit, als der Krieg für jeden einsichtigen Menschen längst verloren war, lieber den unsinnigen Friesenwall baute, als die Deiche auszubessern, da wurde die Situation ernst und gefährlich.

Und heute ist die Gefahr einer Katastrophe unmittelbar gegeben. Wir können von Glück sagen, daß wir seit 1936 von großen Sturmfluten verschont geblieben sind. Im vergangenen Sommer erschien die Lage vielerorts hoffnungslos. Auf den Inseln Pellworm und Nordstrand beispielsweise mußten: mehrere sehr gefährdete Stellen durch neue Steindeiche gesichert werden. Es fehlte aber an Arbeitskräften, besonders an gelernten Steinsetzern, und für die Arbeitswilligen hatte man keine Kleidung, kein Schuhzeug, kein Arbeitsmaterial. Auch der Wille der Bauern zur Selbsthilfe mußte unter der Einwirkung neuer Deichgrafen erst langsam belebt werden.

Wird es nun in diesem Jahr gelingen, die Schäden nachhaltig zu beseitigen? Wird es vor allen Dingen möglich sein, die notwendig gewordenen Erhöhungen und Verbreiterungen der Deiche in Angriff zu nehmen? Aus eigenen Kräften kann die Westküste, kann auch das Land Schleswig-Holstein die gewaltigen Aufgaben nicht meistern. Zu allen Zeiten ist hier ein großer Verband, früher das Land Preußen und das Reich, in die Bresche gesprungen. Die ungeheuren finanziellen Lasten können nicht von den Anliegern aufgebracht werden; Das Land, das hier geschätzt wird, das Land, – das neu gewonnen oder neu der landwirtschaftlichen Nutzung erschlossen wird, kommt in seinen Erträgen ja dem ganzen Volk zugute. Im Augenblick ist es nicht nur finanzielle Unterstützung, die nötig ist, sondern noch dringender werden Sonderkontingente gebraucht, um die Arbeiter entsprechend ausrüsten zu können, um das Holz für Lahnungsbauten zu beschaffen, um Gleismaterial, Lastkraftwagen und anderes bereitzustellen. Die Landesregierung Schleswig-Holstein hilft, soweit sie kann. Aber auch größere Einheiten, die Zone oder, das verbliebene Reichsgebiet, müssen helfen. Wenn es erst zu eines Katastrophe gekommen ist, ist es zu spät.

Die Nordsee wartet nicht, bis es den Menschen gefällt sich gegen sie zu wappnen. Die Einsicht, daß unbedingt alles getan werden muß, um Katastrophen abzuwenden, ist bei der Bevölkerung an der Westküste im allgemeinen wieder vorhanden. Langfristige Maßnahmen, wie die Ansiedlung von Stammarbeitern in Deichnähe, für die Land mit oder ohne Bodenreform zur Verfügung gestellt werden wird, sind in der Durchführung begriffen. Sie haben aber nur dann einen Sinn, wenn nicht durch eine Katastrophe alles in Frage gestellt wird. Deutschland muß der Westküste helfen, denn die Menschen an der Westküste stehen auf Vorposten für Deutschland. Franz Suchan