Hunger im Land – nun demonstrierten auch die Hamburger Werktätigen. Es will etwas besagen, wenn selbst diese ruhig-sachlichen, nüchtern denkenden Menschen ihre Arbeit im Stich lassen und auf die Straße, gehen. Denn sie neigen ihrer ganzen, Art nach nicht zu spontanen Handlungen, zur großen demonstrativen Geste – wie sie auch im Dritten Reich durchaus keine begeisterten "Mai-, schierer" waren. Wenn also nun selbst hier demonstriert wird, und das trotz der klaren Einsicht, damit an den bösen wirtschaftlichen Zuständen unmittelbar gar nichts bessern zu können, so ist ein solcher Proteststreik vielleicht ernster zu nehmen als eine gleiche Aktion anderswo. Es wird deutlich dokumentiert, daß die innere Hilflosigkeit der in ihren Erwartungen auf bessere Ernährungsverhältnisse enttäuschten Massen sich fast bis zur Verzweiflung gesteigert hat, und es ist zu erkennen, wie stark ihr Vertrauen zu den herrschenden Gewalten, zur "Obrigkeit", Schaden gelitten hat.

Die Dinge liegen heute; wieder ähnlich wie vor etwa Jahresfrist. Erinnern wir uns, wie wir damals bis zur Hoffnungslosigkeit entmutigt, waren; als nach der Bekanntgabe des Industrieplans und der neuen Steuersätze nun – auch, mit der überraschend erfolgten Rationskürzung die Ernährungskrise akut wurde! In England, wie in den USA, hat man dem deutschen Pessimismus, der sich aus jenen. Anlässen ergab, einigermaßen verständnislos gegenübergestanden. Wir vermögen heute, weit besser als es damals der Fall war, zu erkennen, worauf dies beruht, denn inzwischen haben wir zu begreifen begonnen, daß der Engländer (und nicht minder der Amerikaner), seine Erkenntnisse aus facts ableitet und daß ihm die spezifisch deutsche Art mehr als fremd ist, die immer wieder vom Tatsächlichen zum Grundsätzlichen vorstoßen will. Wir nämlich neigen dazu, kaum daß die Anfänge eines neuen Geschehens gegeben sind, seine "logische Entwicklung" urteilsmäßig vorwegnehmen zu wollen. Aber wir gleiten dabei leicht in ein abstraktes Theoretisieren ab, in einen doktrinären Radikalismus. Was unter normalen Verhältnissen eine Stärke bedeuten kann – nämlich das Bedürfnis, eine Sache bis zu Ende zu denken –, wird in schwieriger Lage zu einer großen Gefahr. Die "ausweglose Situation", die "totale Krise", der "zwangsläufige Absturz ins Chaos": das sind die Formulierungen, die dann – in jedem Gespräch wiederkehren, Formulierungen; mit denen der Angelsachse nichts anzufangen weiß, weil er sich an Fakten zu orientieren pflegt und im übrigen den Glauben an das muddle through nie aufgibt. Wir meinen, ihm mit zwingender Logik dargetan zu haben; daß der Achill unserer Wirtschaftskraft niemals die Chance hat, die schleichende Schildkröte Krise einzuholen; und wir sind höchst frappiert, wenn er unsere scheinbar unwiderlegbaren Theorien achselzuckend beiseite schiebt.

Da ist etwa, um ein Beispiel anzuführen, das Punktsystem für den Bergbau: zweifellos eine gute und nützliche Handhabe, um Leistungsfähigkeit und Leistungswillen der Bergarbeiter zu steigern und um mehr "Hände" an die Kohle heranzubringen. Kaum ist es bei uns eingeführt, so beginnen wir auch schon, eine Philosophie, daraus zu machen; es wird lang und breit darüber debattiert, daß es nun auch auf andere. Wirtschaftszweige und -gruppen übertragen werden müßte oder daß dies eigentlich nicht angängig sei Schlimmer noch die Betriebsräte der Zechen, soweit sie kommunistischen Parolen zugänglich sind, "beweisen" – mit scheinbar zwingender Logik, daß das ganze System nichts tauge, weil es ja nur zu einer Schlechterstellung aller übrigen Verbraucher zugunsten der bevorzugten. Bergleute führe ...

Nun ist freilich der Denkfehler, der in dieser Art von Argumentation steckt, verhältnismäßig leicht einzusehen. Im Moment aber wird die rechte Erkenntnis – daß nämlich jeder "Schwerpunktsmäßig" an entscheidenden Schlüsselpositionen eingesetzte Mehraufwand gerechtfertigt ist, wenn er die produktiven Kräfte des Ganzen stärkt – durch die aktuelle Versorgungskrise verdunkelt. Heute nimm! der Bergmann die Hälfte seiner täglichen Zusatzration, Butterbrot und warmes Essen, von der Zeche mit nach Hause um Frau und Kinder satt zu machen, und er muß auch, soll die Familie nicht Hunger leiden, die Punktware an Zigaretten, Schnaps und Kaffee-auf Hamsterfahrten und am Schwarzen Markt gegen solche Lebensmittel eintauschen, die ihm "kartenmäßig" zustehen, aber eben leider nicht geliefert werden. So kann freilich das Punktsystem nicht wirksam, bleiben, und seine Kritiker bekommen scheinbar recht. Dabei müßte die Kritik eigentlich an einer ganz anderen Stelle einsetzen: nämlich mit der (ursprünglich ja auch vom Bergbau selbst vertretenen) Forderung, daß ein Teil der Mehrförderung an Kohlen, die im Punktsystem erreicht wird, dazu verwandt werden kann, entweder im Imland zusätzlich "Punktware" zu produzieren oder sie vom Ausland hereinzuholen. Es ist also, nicht das System "grundsätzlich" falsch und deshalb "grundsätzlich" abzulehnen, wie es ein starrer Doktrinarismus (kommunistischer Prägung diesmal) will, sondern es ist ganz einfach reformbedürftig, wie jede andere menschliche Einrichtung eben auch.

Der Einwand, daß solche Erkenntnisse noch nicht satt machen, mag berechtigt erscheinen. Aber, so darf man dagegen fragen, was ist von irgendwelchen "grundsätzlichen" Forderungen zur Ernährungskrise zu halten, die nun wieder aus der unterschiedlichen Versorgung von Stadt und Land, von Normalverbrauchern und Selbstversorgern eine Art weltanschulicher Entscheidung machen wollen? Halten wir uns nüchtern an die Fakten, so wird deutlich, daß die augenblickliche Versorgungsanspannung entscheidend doch nur durch größere Auslandszufuhren gebessert werden kann – die Ohnedies auf dem Wege sind – und dadurch: daß die Abtransporte aus den Häfen zu den Mühlen und in die Verbrauchzentren organisatorisch einwandfrei bewältigt werden. Ein Appell an die Bauern, nun auch "das Letzte" abzuliefern, kann in Augenblick ebensoviel. oden ebensowenig helfen wie eia Appell an die Hamsterfahrer, ihre Reisen einzustellen: Noch weniger ist von einem überstürzten Übergang zu einem neuartigen Kontroll- und – Erfassungssystem zu erwarten: alle solchen Maßnahmen brauchen Zeit zu einer gründlichen und exakten Vorbereitung, und sie würden im Moment, was die Brotversorgung anbetrifft, tatsächlich ins Leere greifen.

Wer wirklich radikal bessern will, tat gut caran, eine baldige Reform der Geldverfassung, etwa zum Erntetermin. im Herbst, zu fordern. Wenn erst "richtiges" Geld und damit "richtige" Preise gegeben sind, so wird das auch dazu führen, daß nicht mehr, wie bisher, erhebliche Mengen an Lebensmitteln illegal (vielfach auf dem Weg der "kleinen Korruption") abgezweigt werden und über die Grauen und Schwarzen Märkte versickern. Gewiß ist es erforderlich, beginnend mit der neuen Ernte, das Ablieferungssoll für den Bauern so zu normieren, daß zugleich ein Anreiz für erhöhte Leistung wie auch die Möglichkeit einer besseren Übersicht und Kontrolle gegeben ist. Aber all die scharfsinnigen Überlegungen, die heute in Vorschlägen für die Legalisierung des Grauen Marktes investiert werden, mit den Projekten, eine "Warenmark", "Punktmark", "Exportmark" oder wie sie sonst immer heißen soll zu schaffen, kann man sich füglich sparen, sofern nur erkannt ist, daß nicht eine gute und eine schlechte Währung nebeneinander herlaufen sollten, sondern daß eine gute Währung allein vollauf genügt. Diese Erkenntnis aber ist auf dem Marsch, und ebenso hat in letzter Zeit die Überzeugung zunehmend an Anhängern gewonnen, daß die (im Wortsinn) notwendige Reform keinen langen Aufschub mehr duldet. Daß dies offenbar auch die Ansicht der maßgebenden Stellen innerhalb der britischen und der amerikanischen Besatzungsbehörden ist, zeichnet sich nun immer deutlicher ab. Ebenso dürfte an zuständiger Stelle Klarheit darüber bestehen, – daß von all. den "Voraussetzungen", mit deren Aufzählung man (auf deutscher Seite) immer wieder die eigene abwartende Haltung in der Währungsfrage begründen wollte, de facto nur eine einzige wirkliche Bedeutung hat: das Vorhandensein von Auslandskrediten nämlich. Ein Vortrag; den der Währungstheoretiker der Frankfurter Universität. Professor Sauermann, dieser Tage vor der "Volkswirtschaftlichen Gesellschaft" in Hamburg gehalten hat, machte diese Dinge erneut und in unangreifbarer Form deutlich. Der Vortragende ließ auch durchblicken, daß die Wirtschaftsexperten der Besatzungsmächte sehr wohl die Unmöglichkeit erkannt haben, eine neue Währung mit den alten (nun gerade ein Jahr alten) Steuersätzen zu belasten. Nehmen Wir hinzu, daß der Industrieplan nun still in der Versenkung verschwunden ist und daß, was vor Jahresfrist noch gleichfalls unerreicht bar erschien, jetzt im Jeia-Verfahren die Möglichkeiten des Individualexports wenigstens grundsätzlich für uns erschlossen sind, so darf man wohl getrost von gewissen Fortschritten und von besseren Chancen für die Zukunft sprechen. Freilich: all dies ist nur im Grundsätzlichen geklärt; es ist noch nicht praktische Wirklichkeit geworden. Aber die seit Abschluß der Moskauer Konferenz, mehrfach ergangenen Verlautbarungen von britischer und amerikanischer Seite, daß man nun, über die Ausführung des Zweizonenpaktes, ernsthaft an die Sanierung der Wirtschaftsverhätnisse in den westlichen Besatzungsgebieten herangehen werde, sind eindeutig genug für jeden, der seine Ohren nicht gewaltsam vor guten Nachrichten verschließen will.

Es ist Wichtig genug, sich das heute klar zu machen: in der großen Linie liegt die britischamerikanische Auffassung über die Ziele der gemeinsamen Westzonenpolitik fest, wenn auch über Einzelheiten der Methode noch Klarheit geschaffen werden muß. Hoffentlich wird eines Tages auch Frankreich für seine Besatzungszone sich jener großen Linie anschließen, die auf eine Entwicklung des Friedenpotentials abzielt, also Industrieplan und Reagrarisierungsidee ablehnt, und über die Etappen der Zuschußversorgung mit Rohstoffen, der Hergabe eines Währungskredits und der Zulassung eines Individualexports auf eine allgemeine Belebung der Produktivkräfte hinführt. Weiter besteht auch darüber grundsätzliche. Klarheit, daß man, ohne dabei Gefahr zu laufen, die erst später fällige Entscheidung über den mehr föderalistischen oder mehr zentralistischen Aufbau im Innern vorwegzunehmen, zunächst einmal größere Kompetenzen an die Zweizonenämter geben sollte, und sei es auch nur unter zeitlicher Befristung. Natürlich besteht dabei die Gefahr, daß eine Diktatur der Bürokratie heranwächst und daß der Partikularismus der Ressorts noch denjenigen der Länder übertrumpft. Aber diese Gefahr läßt sich vermeiden, wenn nur die Besatzungsmächte klar formulieren, was geschehen soll und wie es zu: geschehen hat – insbesondere Euch: welche Dinge die sich selbst vorbehalten und was. unter die Verantwortlichkeit der deutschen Behörden fällt. Derart lassen sich auch so unerquickliche und fruchtlose Diskussionen vermeiden, wie sie.sich kürzlich in der Frage ergeben haben, wer denn eigentlich die Schuld an der Versorgungsklemme für Brot und Nährmittel trage und weshalb Fett- und Fleischrationen beschlossen und zugesagt seien, ohne daß eine "Deckung" für die ausgegebenen Marken vorhanden war.