Das Wildschwein wurde schon vor dem erstenWeltkrieg zu einem Politikum, als die amerikanischen Karikaturisten anfingen, Kaiser Wilheim II. nur noch als Wildschwein darzustellen. Ein anderer Kaiser, Justinian, unterhielt vierzehn Jahrhunderte vorher zu den Wildschweinen weniger schmachvolle Beziehungen. Sein Feldherr Belisar ließ sie in Nordafrika entscheidend in die Politik eingreifen, als er auf die Idee kam, ihre Rücken, mit Erdöl zu bestreichen, in Brand zu setzen und die Tiere als lebende Fackeln auf die Feinde zu hetzen. Das Vandalenreich wurde zerstört, und das Wildschwein kann seitdem als erster Flammenwerfer gelten.

So war es würdig, in die zoologischen Gärten aufgenommen zu werden. Dem Berliner Zoo hatte das Kriegsschicksal nur ein einziges Exemplar übriggelassen, ohne auf dessen Herdentiercharakter Rücksicht zu nehmen, und dieses eine ist vor einiger Zeit verschwunden. Es wurde entwendet, und man darf vermuten, daß es schwarz geschlachtet worden ist, sein düsteres Schicksal als Schwarzwild erfüllend.

Nun ist also der Berliner Zoo ohne Wildschwein; aber wenn er sich Mühe gibt, kann er bald ein neues hinter Gitter setzen. Denn es gibt nicht nur genug, sondern zuviel Wildschweine in Deutschland. Einst sehr zahlreich vertreten in Europa, später wegen des durch sie angerichteten Flurschadens stellenweise ganz ausgerottet, haben sie sich in den letzten Jahren so sehr vermehrt, daß sie vielenorts zu einer Landplage, geworden sind. Rudel bis zu vierzig Stück wühlen die Acker auf, fressen Kartoffeln, Getreide, Raps, Mais, überhaupt so ziemlich alles, und lassen nur den Tabak stehen. Allein im französisch besetzten Baden meldeten 143 Gemeinden erhebliche Schäden. Ein Teil der Tiere kam aus dem Elsaß, man hat Rudel beim Durchschwimmen des Rheins beobachtet. Auf den Feldern der Eifel, am Oberrhein und auch anderwo hielten in den Hochsommer- und Herbstnächten die Bauern am Lagerfeuer Wache. In einigen Rheindörfern war es gefährlich, im Dunkeln über Feldwege zu gehen; einige Leute sind von Bachen angegriffen worden und mußten auf Bäume flüchten. Der Normalverbraucher schüttelte über solchen Fleischreichtum traurig den Kopf, indes die Wildschweine, die politische Lage seit dem Dekret des Kontrollrats über die Ablieferung von Waffen und Munition ausnutzend, fetter und fetterwurden. Der Commandant en Chef Francais en Allemagne hatte ein Einsehen und verfügte, daß in der französischen Zone unter Kontrolle der Délégués de Cercle Treibjagden veranstaltet wurden. Die Forstmeister empfingen Gewehre, jedoch nicht mehr als zwölf in jedem Kreis, Munition dazu, und hämdigten sie ihren Jägern am Tag der Treibjagd aus. Nach Beendigung der Jagd mußten Gewehre und Munition wieder an die Délégations Supérieurés zurückgegeben werden. Das war im vergangenen Herbst; direkte Auswirkungen auf seinen Speisezettel hat der Normalverbraucher aber bislang nicht beobachtet. Was ihn betrifft, erteilt er dem Berliner WildschweindiebAbsolution, denn auch ihm etschiene ein Wildschweinsbraten im Augenblick dringlicher als der schönste Anschauungsunterricht über die Familie der Paarhufer. Mochten New Yorker Blätter das Wildschwein für die politischeSatire benutzen, Justinians Legionen es als Kriegsgerät mißbrauchen und die zoologischen Gärten es einsperren, um kegelförmige Wühlrüssel und wehrhafte Eckzähne zu demonstrieren; wir würden das Tier, wenn wir nur eines hätten, vor allen Dingen – essen. H. H.