Von Per Fischer

"Meistgehaßt und meistgelobt" von allen Staatsführern der Welt, nannte ein Korrespondent einst den Mann der seit mehr als zwei Jahrzehnten die Geschicke Chinas bestimmt: Generalissimus Tschiangkaischek. Tschiangkaischek wird 1886 als Sohn eines Großhändlers in Tschekiang, einer südchinesischen – Provinz, geboren. Er wählt sich das Soldatenhandwerk, obwohl der Soldat im damaligen China auf der untersten Stufe der gesellschaftlichen Skala steht. Seine militärische Ausbildung empfängt, der junge Tschiang auf chinesischen Militärschulen. Von 1908 bis 1911 besucht er die Kriegsakademie in Tokio. Hier trifft er mit Sun Yatsen zusammen, der ihn – in klarer Erkenntnis seiner strategischen Gaben – für die revolutionären Ziele seiner Bewegung zu begeistern weiß. Nach der Revolution in China übernimmt Tschiangkaischek die Aufgabe, der Kuomintang ein schlagkräftiges Heer heranzubilden.

Er wird zum ersten Oberbefehlshaber dieses Heeres ernannt. Die Erfolge, die den Eroberungsmarsch nach Norden im Jahre 1926 begleiten, sind sein Verdienst. Dieser Feldzug begründet seinen Ruhm und seine politische Machtstellung, die es ihm 1927 erlaubt – nach dem Sturz der immer stärker kommunistisch beeinflußten Regierung – eine rechtsgerichtete Obrigkeit in Nanking zu gründen.

Tschiangkaischek wird 1928 Präsident des neugeeinten Chinas. Er bekleidet dieses Amt bis er 1931 zurücktritt, um sich ganz der Reorganisierung des Heeres zu widmen, in klarer Erkenntnis des drohenden Krieges mit Japan. 1943 übernimmt er erneut – neben seiner Stellung als Oberbefehlshaber und als Ministerpräsident – die Präsidentschaft, die er seither ununterbrochen innehat.

Tschiangkaischek hat im Laufe dieser Wechsel-, vollen Jahrzehnte bewiesen, daß er militärische und politische Aufgaben gleich gut zu meistern versteht. Seine Fähigkeiten beruhen auf einer fast unchinesisch anmutenden Energie und Schnelligkeit des Handelns. In allen Situationen – Verschwörungen innerhalb der eigenen Partei, Meutereien ehrgeiziger Generale, Attentats versuchen – hat sich Tschiangkaischek stets als der überlegene, klar rechnende und notfalls hart bestrafende Sieger erwiesen. Er ist jeder Verschwendung abgeneigt, sparsam in Wort und Gesten, in Kleidung und Mahlzeit, in jeder Gefühlsäußerung.

Disziplin steht ihm an erster Stelle, Gehorsam vor dem Gesetz verlangt er von jedem. So sehr er sich für die Rechte des Volkes einsetzt, so sehr verurteilt der Soldat in ihm jede Macht in der Hand des Volkes. Dem Volk sein Recht zu verschaffen, ist Sache der Regierung, die – so sagt er einmal – die blinden Massen nach den konfuzianischen Grundsätzen der "Harmonie", "Gerechtigkeit" und "Liebe" führen soll.

So ist Tschiangkaischek kein Demokrat im westlichen Sinne. Er sieht Chinas Zukunft nicht in einer Regierung "durch das Volk für das Volk", wie Sun Yatsen es tat, noch weniger jedoch in einer Diktatur des – Proletariats, wie es sich die Kommunisten zum Ziel gesetzt haben. Er sieht sie in der verantwortungsvollen Leitung der Staatsgeschicke durch selbstlose Männer, in einer Synthese also zwischen konfuzianischer. Staatslehre und modern-demokratischen Erkenntnissen.