Von Tami Oelfken

Ein Mann, der in Nürnberg amtiert, hat mir ein Heft "Life" geschenkt. Sicher hat er gedacht, daß mir durch eine solche Zuwendung ein kleines Bullauge geöffnet würde, durch das ich einen Blick in die große Welt werfen kann. Und da sitze ich nur und erbaue mich. Das Heft ist einige Monate alt. Damals hofften alle Gutgläubige auf die Moskauer Konferenz, und so nimmt es nicht wunder, daß dieses Heft voll ist von "Ideas which will rebuilt the world". Auf Seite fünf umfliegt eine Friedenstaube die Erdkugel, und unter dieser Erdkugel, die gleich fünfmal gezeichnet ist mit – fünf Friedenstauben, kniet ein Mann. Er kniet auf dem Boden eines leeren Zimmers in Hemdsärmeln; denn es ist ganz gewiß schwere Arbeit "to wird up in spirit of optimism". Gott möge ihm beistehen!

Guter Mann, du hast eine dankbare Aufgabe. Bitte, denke auch an uns! Wir sind wohl ein geschlagenes Volk, aber wir hoffen, daß zwei Jahre nach der Kapitulation auch unsere Männer und Söhne und Geliebten nach Hause geschickt werden. Vergiß nicht, lieber Mann, daß es auch unter dieser Taube viele deutsche Männer gegeben hat, die genau so ungern in den Krieg gezogen sind wie ihr.

Ich habe eine Leidenschaft für das Leben! Um wie vieles reicher ist "Life" durch das Auge der sieghaften Amerikaner gesehen! Aber, Freunde, es ist dasselbe Leben! Alles, was seit .1933 gar nicht mehr für uns existent war, das hat, während wir nicht mitleben durften, in Amerika die herrlichsten Triebe angesetzt, hat Knospen hervorgebracht und Blüten gezaubert. In derselben Zeit, in der wir Armseligsten auf der Erde unser luxury funeral vorbereiteten, hat das "Plaza" nach bewährter New Yorker Tradition rote Seidenvorhänge über blaßblaue samtene gezogen. Es hat den großen Torcher illuminiert, der aus neun milchigen Bällen aus Glas helles Licht auf die Viktorias der fünften Avenue wirft, indes innen der Koch, die Platten mit gebackenen Hähnchen, mit Salm in Gelee, mit Leberpasteten und mit bunt garnierten Hasenrücken um eine hohe Vase voller Gladiolen arrangiert. Du kannst das so deutlich sehen, daß dir das Wasser im Munde zusammenläuft; denn es ist ein Farbenfoto.

Und wenn du nun weiter betrachtest – dazu nehme ich mein gerettetes Vergrößerungsglas – wie Cecil Beaton sich in der "Plaza" sein Zimmer eingerichtet hat mit lauter Dingen, die er rund um das Hotel gefunden hat, dann wird es mir schwer, nicht einen flotten Artikel zu schreiben, der sich mit dem von Cecil eingerichteten Raum ’‘ und dem meinen befaßt. Habe ich doch in meiner Waschhausmansarde auch lauter Dinge, die ich rund um das Waschhaus gefunden habe. Glückliches Land, in dem er so leicht einen Murano-Glasleuchter von zwei Meter Durchmesser finden konnte oder auch einige alte Chinavasen von tiefem königlichem Blau. Zwei stehen als Lampen verkleidet auf einem marmornen Tisch vor dem mächtigen Spiegel, und in der dritten sind einfach als Vase etwa fünfzig riesige rosa Nelken, die Cecil von einer Dame oder einem Herrn kriegte. Daß er auch den Picasso in der Umgebung des Hotels gefunden hat, das kann ich ihm nicht glauben.

Ob ich ihn so genau kenne? Nein, ich kenne ihn nicht. Wenn ich so vertraulich von ihm spreche, so geschieht das deshalb, weil ich lange Jahre eine alte Illustrierte mit mir herumschleppte, in der er abgebildet war. Ich überschlage die Damen in seidenen Troddelkissen. Auch die Versammlung der Gourmands aus aller Welt gucke ich ohne Vergrößerung an. Sie sitzen da, weiße große Servietten in den Kragen gestopft, und sind bereit, sich in das Vergnügen des Essens zu stürzen. Ich könnte die Menükarte abdrucken, halte das aber in Anbetracht der uns zugestandenen Kalorien für verbrecherisch.

Würde man mir erlauben, frei zu wählen zwischen Mrs. Howard Gould alias Grete Mosheim – (she and her Husband live quietly in a four rooms, 14 000 Dollars a year Plaza Suite) und Frau Chu – ich wählte Frau Chu.