Von Herbert Fritsche

Hatte seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts die Medizin eine deutliche Neigung, den Menschen an die Biologie zu verraten und ihn als einen zoologischen Sonderfall zu bewerten, so lag von demjenigen Fachgebiet her, das der medizinischen Forschung jener jetzt erst ernstlich ablösungsreifen Ära zu höchstem Rang und Ruhm verhalf – der Pathologie nämlich – sogar noch eine ganz andere Tendenz vor: die Menschenkunde drohte in der Leichenkunde unterzugehen. Das Knochengerüst und der Sektionstisch beherrschten die Stunde, der Stammbaum der Organismen warf seinen Schatten darüber. Der Mensch galt als Spitzenprodukt eines Daseinskampfes, bei dessen schrecknisvollem Wüten die beiden Mächte Zufall und Auslese ihr Werk einer "natürlichen Schöpfungsgeschichte" vollbrachten. Noch 1939 konnte der weltberühmte Freiburger Pathologe Ludwig Aschoff seine als Vortragsthema gestellte Frage, wie "wir Mediziner" uns zu Darwin zu stellen haben, vom Pult des Virchow-Langenbeck-Hauses in Berlin her mit einem positiven Bekenntnis zum Darwinismus beantworten. Freilich saß unter seinen Zuhörern bereits ein anderer Pathologe von Weltruf, Max Westenhöfer, der mit der Scharfsicht und sachlichen Kühle seines Meisters Rudolf Virchow längst darangegangen war, eine ganz andere Sicht der Menschwerdung zu erobern und zu beweisen: den "Eigenweg des Menschen" (so lautet der Titel seines 1942 erschienenen, und von den damaligen Machthabern sofort unterdrückten Werkes). Die Kritik am Darwinismus – das muß zur Abwehr gegenteiliger Behauptungen immer wieder betont werden – ist heute längst keine "Außenseiterangelegenheit" mehr. Symptomatisch bedeutsam ist, daß Aschoffs Nachfolger, der Direktor des Ludwig-Aschoff-Hauses in Freiburg im Breisgau und Universitätsprofessor der Pathologie Dr. Franz Büchner, den Darwinismus ebenso öffentlich ablehnt, wie sein Vorgänger sich zu ihm. bekannte.

Büchners kürzlich im Verlag Herder, Freiburg, erschienene Universitätsvorlesung "Das Menschenbild der modernen Medizin" kann deutlicher als zahlreiche andere Veröffentlichungen ähnlicher Blickrichtung zeigen, wie geist- und wirklichkeitsgemäß heute endlich wieder der in seiner Sonderstellung als Ganzheit erfaßte Mensch, der Homo sapiens, vor die Schau des Arztes tritt. Büchner weiß, daß physikalische Prinzipien in der Biologie eine "partielle Gültigkeit" haben, daß aber erst die "übermechanistische Ganzheitlichkeit des Lebendigen" zu einem Verständnis des Bios führt. Aus den Forschungsergebnissen des Zoologen Alfred Kühn führt er die Verhaltensweise bestimmten Amöben an – jener einzelligen Wechseltierchen, die in die unterste Rubrik des zoologischen Systems gehören –, die im Hungerzustand zu einem vielzelligen Organismus zusammentreten, -wobei sie eine zunächst kegelförmige, hernach kugelrunde, langgestielte Verdichtung bilden; der lange Stiel wird dabei in ein Hohlorgan umgebildet, während die Zellen in der Kugel sich zu Sporen gestalten. "Im Augenblick der Not wird also hier ein Gestaltungsprinzip in den verschiedenen Amöbenindividuen mächtig, das stofflich gar keine übergeordnete Vertretung haben kann." Ähnliche Beweise eines Hineinragens unsichtbarer Wirklichkeiten ins biologische Geschehen lassen sich in Fülle erbringen. Mit einer materialistischmechanistischen Betrachtungsweise kann sich der Kundige also heute nicht mehr ernstlich aufhalten.

Die Konsequenzen einer ihren Zuständigkeitsbereich überschreitenden Vererbungswissenschaft haben uns, wie Büchner es treffend nennt, Zu einem "Mythos aus der Vitalsphäre" geführt, dessen sich der Nationalsozialismus bemächtigte, um ihn für seine Herren- und Eroberungspolitik auszuwerten. In Wahrheit sind allem Lebendigen unsichtbare, aber nichtsdestoweniger exakt studierbare Formbildekräfte übergeordnet: Die Form, die Entelechie der Lebewesen, ist ihre Seele", sagt Büchner – aber er muß sogleich eine "vegetative Seele die den Bios durchwaltet, begrifflich von dem trennen, was man gemeinhin". Seele zu nennen pflegt. Uns erscheint es klaren als Leib dasjenige zu bezeichnen, was Pflanze, Tier und Mensch mit dem Mineral gemeinsam haben, während bei der Pflanze die lebendigen Formbildekräfte hinzukommen, beim Tier ist außerdem noch ein überaus vielseitiges Seelenleben vorhanden, der Mensch jedoch überragt alle drei Reiche, indem bei ihm Leib, lebendige Gestalt und Seele auf die Teilnahme an den Wirklichkeiten des Geistes ausgerichtet sind. Auch für Büchner ist der Mensch von seinem obersten Wesensgliede her maßgeblich bestimmt: indem wir am Menschenleib die Hierarchie und Aufgipfelung der Teilstrukturen zu einer gestaltlichen. Ganzheit als das Geheimnis seines Lebendigseins feststellen, scheint es uns zu unserem Menschsein zu gehören, daß wir uns auch im Geistigen vor der unverrückbaren Hierarchie der Wesenheiten und Werte beugen." Ja, er geht weiter und stellt lapidar fest, "daß das Heil des Leibes letztlich in seinem Geiste beschlossen ist". So nimmt es nicht wunder, wenn sich in die wissenschaftlich fest fundierten Ausführungen religiöse Klänge mischen. Hier aber verbleibt Büchner ganz in traditionellen Formen: Die "Fähigkeit zur kindlichen Hingabe des Menschen an Gott" ist ihm im selben Maße lobenswert wie jegliches Überschreiten der Maße und Grenzen bedenklich. Aber wird heute, in apokalyptischer Weltenstunde, wo die Technik längst ihre Grenzen überschritten hat und mit den Dämonien des Abgrundes umgeht, eine lediglich auf Kinderfrömmigkeit beschränkte Religiosität dem Menschenbild gerecht, das uns die Gegenwart abfordert? Müssen wir uns nicht vielmehr auf die Feststellung Georg Simmels besinnen: "Der Mensch ist der geborene Grenzüberschreiter" – und müssen wir nicht das Unheil der Grenzüberschreitungen nach, der einen Seite hin durch den Mut zur Grenzüberschreitung nach der anderen zu kompensieren suchen?

Büchner weist selbst zum Schluß seines bedeutsamen Buches in gleiche Richtung, wenn wir die Worte mit Geisteswachheit und Erkenntnismut aufnehmen, die uns doppelt bedeutsam sind, weil sie von einem anerkannten Vertreter der Pathologie stammen: "Lassen Sie uns die lästerliche Lüge: Im Anfang war der Bios’, der wir so oft gehuldigt haben, rückverwandeln in die heilige und heilende Wahrheit: ‚Im Anfang war. der Logos‘."

Die Arbeitsstätte, von der her solche Ergebnisse erarbeitet wurden – Ergebnisse, die mit dem berechtigten Anspruch vorgetragen werden, das Menschenbild der modernen Medizin zu zeichnen –, ist in diesem Falle der Sektionssaal. "Dies ist der Ort, wo der Tod dem Leben dienstbar zu sein hat", steht oft über den Portalen der anatomischen und pathologischen Institute zu lesen. Büchner läßt aus den Skeletten und Leichnamen den Menschen auferstehen, der ein Geist in den Hüllen von Psyche und Bios ist: es wird österlich, es wird pfingstlich im Gelände der Medizin. Dafür kann man nicht dankbar genug sein.