Im Frühjahr 1807, heute vor 140 Jahren, ging das absolutistisch regierte Preußen durch den Tilsiter Frieden seiner Vernichtung entgegen. In jenen Wochen hat der in schwerem Konflikt mit dem preußischen König ausgeschiedene Minister vom Stein in seinem Schloß zu Nassau eine Denkschrift ausgearbeitet, die vom Ort ihres Entstehens ihren geschichtlich gewordenen Namen trägt und die als die Magna Charta der deutschen Selbstverwaltung, als der erste große Wegweiser zu einer deutschen Demokratie gelten kann.

Was war damals geschehen? Ein Staat, in dem schließlich alles auf die äußere, erstarrte Organisation gestellt gewesen war, war in einer kurz vorher noch unausdenklichen Weise zusammengebrochen, nicht nur seine Armee, auch sein Regierungssystem, ja sein ganzes geschichtliches Ethos, seine innerste Idee diskreditiert und vernichtet worden. Stein hatte schon kurz vor dem Kriege seine Stimme erhoben und die völlige Neugestaltung der obersten Staatsbehörden gefordert. Gerade darüber war es dann mitten in Krieg und Zusammenbruch zu Konflikt und Entlassung gekommen. Nun ging es ihm nicht mehr um die Organisation der obersten Spitze allein, sondern um den Neubau von den Fundamenten her. Es ging um die Erweckung und Aktivierung ganz neuer innerer Kräfte.

Das Wesen des alten, durch das Jahr 1807 so furchtbar gerichteten Systems hatte darin gelegen: alles von oben her, durch den Apparat, die Organisation, die Staatsgewalt zu ordnen und zu regeln, und im Sinne des humanitären Absolutismus alles für das Volk, nichts durch das Volk zu erledigen. Der Bürger sollte es nicht merken, wenn der Staat sich schlägt. Ruhe war in konsequenter Ausprägung dieser Gesinnung die erste Bürgerpflicht. Das Ergebnis dieser politischen Haltung war es gewesen, daß das Volk, gewohnt, jeden Anstoß von oben zu erwarten und jede Verantwortung auf den Staat abzuwälzen, hilflos, willenlos, urteilslos und ohne jede eigene Initiative dem Zusammenbruch und seinen Folgen gegenüberstand. Und hier ist der archimedische Punkt, an dem Stein den Hebel ansetzte. Ihm ging es nicht nur um die Bildung äußerer besserer Organisationsformen, sondern um die Erneuerung, ja im Grunde um die Erweckung einer ganz neuen Staatsgesinnung. Das ist die eigentliche Aufgabe, die eigentliche Grundidee der Steinschen Selbstverwaltung. Sie ruft im Zusammenbruch erstarrter Formen die selbstverantwortliche Initiative des Staatsvolkes zur Mitarbeit auf, sie fordert nicht mehr den blinden Gehorsam, sondern die mitdenkende Tat. Sie setzt an die Stelle der stumpfen und gedankenträgen Abwälzung jeder Verantwortung auf den Staat die Selbstverantwortung vor dem eigenen Gewissen und die daraus geborene Haltung und Gesinnung. An Stelle des Zwanges setzte Stein das Vertrauen, das aber wiederum die Pflicht zu tätiger geistiger und physischer Mitarbeit einschloß. Um ihr Raum zu geben, wurden viele der bisherigen Bindungen im politischen Leben beseitigt, aber es wurde dem Bürger zugleich mit der neuen Freiheit auch eine neue Verantwortung auferlegt.

So gesehen, bedeutet Selbstverwaltung im Sinne Steins viel mehr, als der Name besagt, und es ist vielleicht deshalb auch kein Zufall, daß der Begriff von ihm selbst nicht geprägt wurde und in keiner seiner Äußerungen vorkommt. Nicht Verwaltungsreform ist das eigentliche Ziel, sondern die Heranbildung eines neuen Typs des Staatsbürgers durch das Mittel der Selbstverwaltung. "Meine Dienst Erfahrung", heißt es in der Nassauer Denkschrift, "überzeugt mich innig und lebhaft von der Vortrefflichkeit zweckmäßig gebildeter Stände, und ich sehe sie als ein kräftiges Mittel an, die Regierung durch die Kenntnisse und das Ansehen aller gebildeten Klassen zu verstärken, sie alle durch Überzeugung, Theilnahme und Mitwürkung bey den National Angelegenheiten an den Staat zu knüpfen, den Kräften der Nation eine freye Thätigkeit und eine Richtung auf das Gemeinnützige zu geben, sie vom müßigen sinnlichen Genuß oder von leeren Hirngespinsten der Metaphysik oder von Verfolgung bloos eigennütziger Zwecke abzulenken und ein gut gebildetes Organ der öffentlichen Meynung zu erhalten, die man jetzt aus Äußerungen einzelner Männer oder einzelner Gesellschaften vergeblich zu errathen bemüht ist."

Stein erhoffte von der Selbstverwaltung auch eine Verlebendigung des bürokratisierten staatlichen Daseins. Sein Mißtrauen gegen eine Verwaltungsmethode, die "unter dem Gewicht der Aktenmassen erdrückt wird und in den Tintenfässern ersäuft", ist lebenslang tief und wach geblieben. Diese Einstellung beruhte auf einer langen Erfahrung und Schulung, die ihr Ideal im geistigen Bezirk des nichtpreußischen Westeuropas gefunden hatte, in den Resten deutscher Selbstverwaltungsorganisationen Westfalens, im Vorbild deutscher Städteherrlichkeit des Mittelalters, im Self-Government Englands vor allem, das sich freilich dann viel weniger, als Stein zunächst annahm, auf deutsche Verhältnisse übertragen ließ und das in vielem auch weniger modern und fortschrittlich war als die Städteordnung Steins.

Die Verwirklichung seines großen Gedankens, das Volk zur Mitarbeit am Staat zu erziehen und heranzuziehen, versuchte Stein im Aufbau von unten nach oben, vom einzelnen zum Staat, von der Gemeinde über die Kreise und Provinzen zur gesamtstaatlichen Volksvertretung. Wie aktuell diese Ideen sind, zeigt ein Blick auf die deutsche. Wirklichkeit. Auch uns bleibt kein anderer Weg, als die Entwicklung einer neuen verantwortungsbewußten Staatsgesinnung durch das große Erziehungsmittel der Selbstverwaltung. Und wahrscheinlich ist die Leistung eines Mannes im Rahmen seiner lokalen Selbstverwaltung ein besserer Maßstab und ein besserer Ausweis für seine Verwendbarkeit auf einer höheren Ebene des politischen Lebens als die fragwürdigen Legitimationen von Parteifreunden und Parteibüchern. Stein jedenfalls hat diese Probleme im Auge gehabt, als er im Jahre 1818 in einer Denkschrift über Gemeindeverfassung im Herzogtum Nassau, die Ideen von 1807 wieder einmal überdenkend, schrieb: "Ist die Gemeinde Verfassung so gebildet, daß sie zu einem freyen Leben, zu einer lebendigen Theilnahme an den Gemeinde Angelegenheiten den Einzelnen auffordert, so enthält sie die nächste Quelle der Vaterlandsliebe, sie knüpft an den väterlichen Heerd, an die Erinnerung der Jugend, an die Eindrücke, so die Ereignisse und Umgebungen des ganzen Lebens zurückgelassen. Sie verbürgt die wahre practische Freyheit, die täglich und stündlich in jedem dringlichen und persönlichen Verhältnis des Menschen ihren Einfluß äußert und schützt gegen amtliche Willkür und Aufgeblasenheit. Sie bildet endlich den Einzelnen zu den landständischen Verhandlungen, indem sie seine Aufmerksamkeit von bloß seinen eigenen Nutzen betreffenden Beschäftigungen abzieht und auf die Gemeinde Angelegenheiten lenkt."

In diesen Sätzen, in welchen der alternde Stein sich noch einmal und nicht zum letztenmal zum politischen Ideal der großen Reformzeit bekennt, ist das Bild einer wahrhaft deutschen Demokratie erschaut und festgehalten, gewonnen nicht aus abstrakten Theorien, sondern organisch-erlebnismäßig, aus einer zugleich der Zukunft zugewandten und doch wieder erdhaft geschichtsbewußten Anschauung. Demokratisierung nach dieser, der Steinschen Auffassung, bedeutet Hineinwachsen in den Staat an praktischen Aufgaben, allmähliche Entfaltung der politischen Kräfte und Institutionen im Geist der englischen Staatsentwicklung, die er immer als Vorbild vor Augen hatte. In diesem Sinne darf man sagen, daß Stein dem deutschen Volk den Weg der Demokratisierung gewiesen hat, so etwa, wie die großen englischen Staatsmänner der modernen Jahrhunderte, die so wenig Demokraten waren wie Stein im parteipolitischen Wortsinn und Aristokraten wie er nach Herkunft und Lebenshaltung, die politischen Lebensmöglichkeiten ihres Volkes weiteten, den nachdrängenden Kräften der Gegenwart die Tore öffneten und die Wege für eine neue Zukunft freilegten.