Außenminister Bevin hat im Unterhaus am Donnerstag und Freitag vergangener Woche eine Übersicht über die britische Außenpolitik gegeben. Die Moskauer Konferenz und Deutschland – sein gegenwärtiger Zustand und sein künftiger Aufbau – waren der Hauptgegenstand seiner Ausführungen. Die Rede ist in der englischen Presse mit einer gewissen Enttäuschung aufgenommen worden. Es fehle ihr, so schreibt der "Manchester Guardian" bedauernd, jenes phantasiereiche Mitgefühl, das sonst den englischen Außenminister auszeichne, und sie werde nicht dazu beitragen, die sinkende Stimmung in Europa zu heben. "Times" bezeichnen die ganze Debatte als lustlos (dull), und Bevin selber unterbrach angesichts gähnender und schlummernder Abgeordneter seine Ausführungen einmal, als er von Moskau sprach, mit der Bemerkung: "Wenn es auch scheinen mag, daß manches, was ich sage, langweilig ist, so war es noch langweiliger für mich, sechs Wochen dort zu sitzen."

Für uns war diese Rede nicht langweilig. Wir möchten eher sagen, sie war vorsichtig, ein wenig melancholisch, abgeklärt und weise. Sie hatte keinen ciceronianischen Schwung, aber aus jedem Satz sprach die ernsthafte Überlegung eines Staatsmannes, der sich einer großen Verantwortung bewußt ist. Das Echo der öffentlichen Meinung dagegen zeigte eine Ungeduld, die wir sonst in England nicht gewohnt sind und die ein Zeichen dafür ist, daß der Nervenkrieg, der augenblicklich zwischen Rußland und den anderen Großmächten ausgefochten wird, beginnt, Folgen zu zeitigen. Bevin ist entschlossen, sich von ihm nicht beeinflussen zu lassen. "Jemand", so erklärte er, "sagte mir neulich: Sie müssen wiedergeboren sein, denn niemand kann sich erinnern, an Ihnen jemals die Geduld bemerkt zu haben, die Sie jetzt zur Schau tragen." Aber diese Geduld besteht nicht darin, die Augen zu schließen vor dem, was der Welt droht. "Ganz Mitteleuropa", sagte er, "muß faktisch infolge des Krieges wiederaufgerichtet werden. Die Moskauer Konferenz brachte die Schwierigkeiten in vollem Umfang ans Licht – die Unterschiede des Verfahrens und die Ziele, welche die einzelnen Mächte erreichen wollen. Wenn die Erfüllung unserer Aufgabe unnötig verzögert wird, werden die Schwierigkeiten größer werden statt kleiner, und so ist es nötig, das nächste Stadium in der Organisierung Deutschlands herbeizuführen. Ich möchte zu vielen grundlegenden Fragen – Deutschland, Österreich und im Zusammenhang damit den Beziehungen zwischen Osten und Westen – sagen: Wenn sie im November bei der Londoner Konferenz nicht zu einer sehr viel befriedigenderes Lösung kommen werden, so kann niemand voraussagen, welchen Weg die Welt nehmen wird. Ich betrachte diese Konferenz, nachdem jetzt alle grundlegenden Probleme klar zutage liegen, als die vielleicht wichtigste, die jemals in der Weltgeschichte stattgefunden hat."

Man wird den Ernst nicht verkennen, der aus diesen Worten spricht. Die Jahre, seitdem er Außenminister ist, haben Bevin gelehrt, daß Fakten oft stärker sind als Bemühungen. Aber diese Fakten vor Augen, verliert er nicht die Geduld, seine Bemühungen fortzusetzen. "Ich bin weder optimistisch noch pessimistisch", begann er seine Rede am zweiten Tag, "und ich denke, das ist die richtige Einstellung, die ein Außenminister haben soll. Ich verkleinere die Schwierigkeiten nicht, aber ich habe viele Jahre hindurch Verhandlungen aller Art geführt und ich gebe niemals auf, bevor ein endgültiger Bruch eintritt. Ich habe viele, viele Vereinbarungen gesehen, die eine Minute vor zwölf zustande gekommen sind, und wenn wir nur unseren Gleichmut und unsere Geduld bewahren, so ist es wahrscheinlich, daß wir die Gegensätze bereinigen können. Ich versichere dem Unterhaus und dem Land, dies wird die Haltung sein, die ich einnehmen werde." Damit läßt Bevin viele Entwicklungen offen. Wer aber aus diesen Worten herauslesen wollte, daß sich etwas Ähnliches wie 1938 in München wieder ereignen könnte, der wäre auf einem sehr falschen Weg. Die Politik des englischen Außenministers ist durchaus realistisch. Er kennt das Gewicht der realen Fakten und denkt zweifellos nicht daran, Kompromisse zu schließen, die nur zu neuen Verwicklungen in naher oder ferner Zukunft führen müßten.

Die Nervenprobe allerdings, der die verantwortlichen Staatsmänner heute unterworfen sind, ist auch aus Bevins Rede deutlich zu erkennen. Der Faktor Zeit, der in der Politik – und besonders heute – eine so große Rolle spielt, wurde von ihm mehrfach erwähnt, und in noch stärkerem Maß tauchte er in den Reden der Abgeordneten während der Debatte auf. Aber während die Opposition vor allem kritisierte, daß man zuviel kostbare Zeit bereits habe vergehen lassen, ohne die westlichen Zonen stärker zu entwickeln, daß es nötig sei, sofort und drastisch zu handeln, da der Sand aus der Uhr verrinne, daß die Zeit für Rußland arbeite und die Sowjetunion, wie Eden sagte, mit Absicht deshalb den Abschluß der Friedensverträge hinauszögere, hob Bevin den heilenden Charakter der Zeit hervor, der darin besteht, die Probleme reif werden zu lassen, so daß sie durch das Gewicht der Fakten sich selber lösen. Für uns Deutsche, von denen die meisten ungeduldig darauf warten, daß sie anfangen können zu arbeiten, zu schaffen und aufzubauen, ist diese Erkenntnis besonders lehrreich. Wir sollten sie uns zu Herzen nehmen und uns gründlich mit ihr befassen.

In Jalta, so sagte Bevin, wurde diskutiert, wie Deutschland aufzuspalten sei, und besonders Rußland setzte sich für diese Absicht ein. In Potsdam bereits wurde das Ziel einer politischen und wirtschaftlichen Einheit Deutschlands festgelegt. Heute beschäftigen sich die Staatsmänner damit, wie man die getrennten Zonen wieder zusammenleimen kann. Es begann der Streit darum, ob Deutschland eine föderalistische oder eine zentralistische Verfassung haben und wie weit die Befugnis der Länder gehen solle. Aber in Frankfurt werden jetzt bizonale Ämter errichtet, die eine starke zentralistische Gewalt über die Länderregierungen ausüben sollen. In der Frage der Grenzen herrschte die Neigung, große Gebiete von Deutschland abzutrennen. Nach Marshall aber hat jetzt auch Bevin zu erkennen gegeben, daß die Frage der zukünftigen deutschen Ernährung bei der Festsetzung dieser Grenzen eine entscheidende Rolle spielen werde, nicht nur im Osten, sondern auch im Westen, wo Frankreich das Saargebiet um Teile der Nachbarprovinzen vergrößert hat, was, wie Bevin sagt, England nicht anerkennen wird. Bevor Gebiete endgültig übereignet werden, so führte er aus – dies bezog sich auf Polen –, ist man berechtigt, zunächst alle Fakten zu haben, ehe man eine endgültige Entscheidung fällt. Überall sind es Fakten, die ursprünglich geplante Bindungen zerreißen. Der Industrieplan vom März 1946, der Deutschlands Wirtschaft verkrüppelte, ist zusammengebrochen. Rußland und die Vereinigten Staaten wollten damals die Stahlproduktion auf 5,8 Mill. t beschränken, heute setzen sie das Maß zwischen 10 und 12 Mill. t an. Viele Fabriken, die der Friedensproduktion dienen könnten, standen auf der Liste der Werke, die demontiert werden sollten. Jetzt, so hat Bevin versichert, soll eine Revision der Listen stattfinden, um die Kapazität der Wirtschaft so zu erhöhen, daß Deutschland seine Importe und die Besatzungskosten bezahlen kann. Reale Fakten haben durch ihr Gewicht viele Pläne geändert. Als wir vor einem halben Jahr an dieser Stelle schrieben, man müsse den "tödlichen Kreislauf" zuerst im Sektor Ernährung und dann im Sektor Kohle zerschneiden, galt dies als ein utopischer Vorschlag. In seiner Rede sagte Bevin, "mehr Lebensmittel, mehr Kohle, wirtschaftliche Erholung – dies ist der Kreislauf".

Nein, wir können nicht sagen, daß die Rede des englischen Außenministers "langweilig" gewesen sei oder es an "phantasiereichem Mitgefühl" habe fehlen lassen. Ihre nüchternen Feststellungen sind erregend, und die Geduld, die Bevin seinem eigenen Land predigt, kann auch für uns eine Grundlage des Vertrauens werden. Gewiß, wer heute hungert, wird durch Geduld nicht satt, wer arbeiten möchte und nicht anfangen kann, wird für seinen Eifer in ihr keine Handhabe für den morgigen Tag finden. Aber wir sind dem englischen Außenminister sehr dankbar, daß er keine Hoffnungen erweckt hat, die sich hinterher als eine Fata Morgana erweisen müssen. Wir sind sehr empfindlich gegen Propaganda und sind zufrieden, daß er die Dinge klar bei Namen nennt, auch wenn sie nicht angenehm klingen.

Für die nächsten drei Monate, so hat Bevin erklärt, werden die Schwierigkeiten und Unsicherheiten der Ernährung trotz der verstärkten amerikanischen Lieferungen nicht völlig behoben werden können. Die Schuld daran, so hat er nüchtern festgestellt, liegt nicht nur bei den Deutscher, die ihr Ablieferungssoll nicht erfüllt haben, sondern auch bei den Alliierten, die die versprochenen Zufuhren nicht einhielten. Über die Einrichtung der Zweizonenämter sei zwar eine grundsätzliche Einigung erzielt, doch müßten die Einzelheiten noch ausgearbeitet werden, und es werde Zeit vergehen, bis sie in Tätigkeit treten. Export und Import würden zunächst nur in kleinem Maßstab durhgeführt werden können, da die Kredite beschränkt seien und die Produktion entsprechend nur ge’ing sein kann, aber ein Anfang ist da, und ein neues Ziel steht vor unseren Augen. Eine einzige Einschränkung nur hat Bevin gemacht: Das Ziel kann nicht erreicht werden, "ohne den Willen auf Seiten der Deutschen, selber den Schwierigkeiten ins Auge zu sehen und einen Beitrag zu leisten zu ihrem eigenen Aufbau. Wir werden unser Bestes tun, um den Deutschen zu helfen, aber das deutsche Volk selber muß sich seinen Weg zur wirtschaftlichen Erholung erarbeiten".