Die Baumwollindustrie in der amerikanischen Zone hat im vergangenen Jahr einigen Auftrieb erhalten, als das OMGUS (Office Military Goverment United States) den Kontrakt über die Lieferung von 50 000 t Rohbaumwolle abschloß. Nachdem sich herausgestellt hatte, daß die Spinnereien in der amerikanischen Zone noch nicht so weit wieder instandgesetzt waren, um das vom OMGUS festgesetzte Verarbeitungssoll zu erfüllen, wurden nach der Zonenvereinigung auch die Spinnereien in der britischen Zone beteiligt. Als erste Lieferung waren seinerzeit 23 000 t hereingekommen; die restlichen 27 000 t befinden sich inzwischen teils ebenfalls in den Fabriken, teils werden sie für die nächste Zeit erwartet.

Für den deutschen Verbraucher bleibt allerdings nur ein kleiner Teil der Baumwollerzeugnisse übrig. Denn der OMGUS-Kontrakt sah vor, daß der gelieferte Rohstoff in Fertigwaren zu bezahlen war, so daß also ein wesentlicher Teil der Erzeugnisse sofort wieder für den Export abgezweigt werden mußte; und da dem Kontrakt der damalige hohe Weltmarktpreis für Rohbaumwolle zugrunde lag, der inzwischen um zirka 25 v. H. gesunken ist, und die Weltmarktpreise für Fertigware mit dem Rohstoffpreis in Baumwolle parallel zu steigen oder zu fallen pflegen, schließlich auch die durch langjährige Lagerung geminderte Qualität der Rohbaumwolle den Wert der Fertigwaren stark beeinträchtigt, so müssen heute mindestens 60 v. H. der Fertigwaren zur Bezahlung der Rohstofflieferungen ausgeführt werden.

Der OMGUS-Kontrakt wird nach Verarbeitung der vorgesehenen Mengen nicht mehr erneuert werden. Vielmehr hat das Mindener Zweizonenamt inzwischen den Militärregierungen einen neuen „Textilplan“ vorgelegt, dessen Durchführung, sofern er genehmigt wird, eine stetige Besserung in der Baumwollbewirtschaftung erhoffen läßt. Zunächst sieht er eine Jahresmenge von 109 000 t Rohbaumwolle plus 12 000 t Zellwolle für die britisch-amerikanische Zone vor. Diese Mengen sollen der deutschen Industrie im Kreditwege zur Verfügung gestellt werden; die für das Ausland abzuzweigenden Fertigwaren wären also im normalen Exportgeschäft auszuführen. Dabei hofft man, den dringlichsten Inlandsbedarf zum guten Teil decken zu können. Als Vorauslieferung auf diesen Plan sind vor kurzem 3500 t ägyptische Rohbaumwolle eingetroffen, von denen 50 v. H. zur Herstellung von Nähgarn verwendet werden sollen, das voraussichtlich bald wieder in Friedensqualität auf den Markt gebracht werden kann.

Bis zur vollständigen Bedarfsdeckung wird freilich noch einige Zeit vergehen, da die Kapazität unserer Produktionsstätten den bei Genehmigung des Planes zu erhoffenden Rohstofflieferungen erst Schritt für Schritt angepaßt werden muß. Zwar hat die Zonenvereinigung auch hier günstigere Voraussetzungen geschaffen; Während der Schwerpunkt der Baumwollindustrie im Gebiet um Gronau, also in der britischen Zone liegt, befinden sich etwa 80 v. H. der Aufmachereibetriebe (Spulereien usw.) in Süddeutschland. Aber das Spinnereizentrum um Gronau hat durch den Krieg sehr schwer gelitten und wird erst jetzt langsam wieder aufgebaut, da die größtenteils verschont gebliebenen süddeutschen Spinnereien den Ausfall nicht ersetzen können.

Zudem fehlt es in Gronau an Facharbeitern. Die Belegschaft dieser Werke schloß früher etwa 60 v.H. holländische Grenzgänger ein, die heute ausfallen. An einer Verstärkung der Belegschaften wird emsig gearbeitet, und die Umschulung von jungen weiblichen Arbeitskräften, die bevorzugt eingestellt werden, macht Fortschritte, Aber ein Jahr vergeht wenigstens, ehe die Umgeschulte vollwertig im Arbeitsprozeß steht. Man glaubt, schneller zum Ziele zu kommen, wenn die aus dem Osten zugewanderten Fachkräfte herangeholt werden, die zum Teil in rein ländlichen Gebieten angesiedelt wurden und deshalb ihrem erlernten Beruf fernbleiben müssen.

Trotz aller dieser Schwierigkeiten konnte die Baumwollverarbeitung seit Mitte 1946 um etwa 120 v. H. gesteigert werden, und es ist zu hoffen, daß bis Ende dieses Jahres die Hälfte der Friedensproduktion erreicht, vielleicht sogar überschritten werden wird. Voraussetzung dafür ist selbstverständlich, daß die instandgesetzten Fabriken auch wirklich arbeiten können, daß also Kohle in ausreichender Menge herankommt und Strom jeder Zeit zur Verfügung steht. G. Schnabel