Die Vereinigten Staaten sind von zwei Ozeanen begrenzt, im Norden haben sie einen schwachen Nachbarstaat: Kanada, und im Süden einen ebensolchen: Mexiko. Wegen der Nachbarn brauchen die Vereinigten Staaten keine Sorge zu haben.“ – Mit diesen Worten hat Generalissimus Stalin in einer Unterredung mit dem republikanischen Präsidentschaftskandidaten Stassen auf die beneidenswert glückliche geographische Lage der Vereinigten Staaten hingewiesen. Der führende Republikaner hätte erwidern können, daß die Vereinigten Staaten, auch unabhängig von der Stärke der angrenzenden Staaten, um gutnachbarliche Beziehungen bemüht sind. Denn eben zur selben Zeit, als dieses Interview veröffentlicht wurde – Anfang Mai –, besuchte der mexikanische Präsident Miguel Alemán die Vereinigten Staaten. Es war der erste Staatsbesuch eines mexikanischen Staatsoberhauptes in Washington, dem im März der erste Staatsbesuch eines amerikanischen Präsidenten in Mexiko vorangegangen war.

Beide Besuche waren nicht nur ein Akt diplomatischer Höflichkeit, sondern gewannen durch eine Atmosphäre betonter Herzlichkeit und intimer Freundschaft besonderes Gewicht. In der gesamten mexikanischen Presse fand diese Tatsache vielfältigen Widerhall, wozu vor allem Präsident Truman dadurch reichen Stoff lieferte, daß er anläßlich eines gemeinsamen Ausflugs am Denkmal zu Ehren der Verteidiger von Chapultepec – die im Krieg zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten 1847 die dortige Stellung bis zum letzten Mann verteidigt hatten – einen Kranz niederlegte. „Truman löschte ein Jahrhundert der Bitternis aus“, „durch die Ehrung der Helden von 1847 heilte Truman für immer eine Wunde“, so und ähnlich lauteten die Überschriften der mexikanischen Zeitungen. Von seinem erfolgreichen Washingtoner Besuch ist Miguel Alemán schließlich mit den mexikanischen Flaggen, die bis dahin als Trophäen West Point geschmückt hatten, nach Mexiko zurückgekehrt. Auch in den Vereinigten Staaten hat die Haltung Trumans eine starke Resonanz gefunden. Das Gallup-Barometer seiner Popularität, das zeitweilig auf 30 v. H. gesunken war, stieg auf 60 v. H. und zeigt seitdem weiterhin steigende Tendenz.

Auf amerikanischer Seite muß gleichfalls bei einer Politik der guten Nachbarschaft manches vergessen werden. Die mexikanische Revolution des Jahres 1910 richtete sich mit ihrer Parole: „Land und Freiheit“ nicht nur gegen den Großgrundbesitz, sondern auch gegen das Fremdkapital und hatte noch 1938 die Enteignung ausländischer Erdölinteressen zur Folge. Der dreiundvierzigjährige mexikanische Präsident, der dieses Amt seit dem 1. Dezember vorigen Jahres innehat, will – obgleich Sohn eines der Träger der Revolution – die revolutionäre Epoche abschließen und hat das Wort geprägt: „Mexiko hat seine Revolution gehabt. Es ist jetzt Zeit, an die Arbeit zu gehen.“

Miguel Alemán, der in der amerikanischen Presse als einer der größten Staatsmänner gefeiert wurde, hat die Absicht, diese neue Epoche mit einem umfassenden Arbeitsbeschaffungsprogramm einzuleiten. Dieses umfaßt die Punkte: Bewässerung und Urbarmachung von Land nach dem Vorbild von Tennessee mit dem Ziel, in der Versorgung von Weizen und Mais autark zu werden; ferner der Ausbau der Industrialisierung und Elektrifizierung des Landes, der Petroleumvorkommen, der Bergwerke, des Transportwesens und der Häfen. 500 Millionen Dollar sind für dieses Programm erforderlich. Miguel Alemän hat in New York bereits mit den Vertretern von

Wallstreet verhandelt. Diese verhielten sich zunächst noch kühl, aber es scheint so, als ob in Verbindung mit Schutzbestimmungen ein Weg geebnet werden wird. Vorläufig wird erst einmal die Export- und Import-Bank einspringen.

Den Wunsch, ebenso auch die Beziehungen zu den nördlichen Nachbarn enger zu gestalten, hat Senator Vandenberg zum Ausdruck gebracht, als er etwa zur gleichen Zeit Kanada einlud, den seit Bestehen der Pan-Amerika-Union, also seit 37 Jahren, freien Stuhl in dieser Union einzunehmen. Die Vereinigten Staaten hatten bisher für die Mitgliedschaft Kanadas wenig Interesse gezeigt, sind aber jetzt um den Eintritt Kanadas als Gegengewicht gegen die lateinamerikanischen Staaten sehr bemüht. Das erste Echo in Kanada ist allerdings nicht allzu günstig: teils, weil die Kanadier die Bindungen London gegenüber für wichtiger halten, und ferner, weil sie eine ausgesprochene Abneigung gegen die revolutionsfreudigen lateinamerikanischen Staaten hegen.

Anderseits sind die Beziehungen der Vereinigten Staaten zu einigen südamerikanischen Ländern durch die antikommunistische Tendenz ihrer Politik zweifellos gestärkt worden, in Brasilien hat der Oberste Brasilianische Gerichtshof die Kommunistische Partei für illegal erklärt – etwa ein Jahr nach Wiederherstellung der demokratischen Freiheiten ist dies ein erstaunlich weitgehender Beschluß. Er läßt erkennen, daß der Einfluß von Militär und Kirche sehr zugenommen hat. Das Anwachsen der Kommunistischen Partei auf etwa 600 000 eingetragene Mitglieder hat diese Gegenbewegung hervorgerufen.