War es einTraum oder waren es Stundennächtlichen geheimnisvollen Lebens, die mit als Traum erschienen, ich weiß es nicht, Es war mir so, als ob der träumende Mond, der über der schlummernden Erde seine Bahn zog, alles in tiefes Schweigen gehüllt habe. Es schien die Stunde der Erholung von aller Unrast und Lüge des verklungenen Tages zu sein. Ganz Paris bis in seine letzten Winkel der Armut und Not hinein befand sich im Schlaf –

Auch ich hatte schon längere Zeit geschlafen, dann begann sich der Schlaf langsam von mir zu lösen, gleich einem treusorgenden Arzt, der sich Zeit nimmt; ehe er den Kranken verläßt und erst dann von ihm scheidet, wenn der Kranke tief zu atmen beginnt und, die Augen öffnend, froh und befangen zugleich lächelt – über seine Wiederkehr ins Leben.

Nachdem der Traum seine Pflicht getan, wachte ich auf, öffnete meine Augen und fand mich inmitten der Herrschaft der stillen, helleuchtendenNacht, allein mit ihrem tiefen Schweigen. Ich fühlte mich ebenso einsam wie zur Zeit meiner Kindheit. Ich richtete mich auf und begann leise über den Teppich dahinzuschreiten. Ich schaute bald auf das geräumige Zimmer, das in einem geheimnisvollen Halbdunkel lag, bald auf den Mond. Um ihn erblicken zu können, mußte ich mich zur Fensternische hinbeugen. Dann übergoß mich der Mond mit seinem Licht. Ich erhob mein Gesicht und schaute ihn lange an. Bald zog ich mich ins Halbdunkel zurück; während ich schauend lauschte, fühlte ich die tödliche Stilleder tiefen Nacht. Alles, was ich während des Tages erlebt hatte, erschien mir so fern, so fremd!

Das Licht des Mondes fiel durch die Spitzenvorhänge und hellte die, inmitten des Raumes herrschende Dämmerung ein wenig auf. Von dort aber war der Mond selbst nicht zu erblicken, nur alle vier Fenster waren hell erleuchtet und zugleich alle Gegenstände, die sich in ihrer Nähe befanden. Das Licht des Mondes ergoß sich hellblau und silberweiß schimmernd in den Raum. Es war, als ob es sich um vier getrennte Lichtquellen handelte, und in ihrer Mitte bemerkte man ein verschwommenes Schattenkreuz. Dies war die Widerspiegelung der vier Fensterrahmen. Am Fenster, das sich am weitesten von mir entfernt befand,hatte auf einem Sessel die Frau Platz genommen, die Frau, die ich liebte. Sie war ganz in Weiß gekleidet und erinnerte an. ein Mädchen oder an eine überirdische Erscheinung. Bleich war sie und schön ... Sie war in Gedanken versunken, traurig über alles das, was wir durchlebt hatten und was uns so oft zu-, bösen und unbarmherzigen Gegnern machte. Woran dachte sie und weshalb konnte sie in dieser Nacht gleichfalls keine Ruhe finden? Ich setzte mich neben sie und versuchte sie nicht anzublicken ...

Es war spät... Das gegenüberliegende fünfstöckige Haus war vollständig in Dunkel getaucht.Kein erleuchtetes Fenster ließ sich entlang der ganzen Hausfront erblicken. Sie gähnten dunkel.

Ich schaute auf die Gasse nieder, die schmal wie ein Korridor war. Sie war gleichfalls in Dunkel getaucht, leer, und so wie sie war eben ganz Paris. Der blasse Mond zog den Himmelsdom entlang; und doch machte es den Eindruck, als ob er inmitten der dahineilenden Wolken auf demselben Fleck verharrte. Er allein schien über der schlafen-

So war’s getan: es war der Ring geschlossen –