Von Harold Rasch

Mehr und mehr setzt sich die Erkenntnis durch, daß die heutige „Planwirtschaft“ zu einem erheblichen und ständig wachsenden Teil am wirklichen Leben der Wirtschaft vorbeigeht und zu einem bloßen Spiel der Bürokratie mit Zahlen im luftleeren Raum wird. Gewiß können wir ohne eine staatliche Lenkung der Wirtschaft nicht auskommen. Nur ist es erforderlich, daß wir diese in Übereinstimmung mit den gesunden Kräften der menschlichen Natur bringen und kein System errichten, das mit diesen fortwährend in Konflikt gerät.

Ziel jeder Ordnung und Lenkung unseres Wirtschaftslebens sollte hiernach sein, die schöpferischen Energien des einzelnen zu höchster Leistung zu entfalten. Das geschieht nicht durch Planung der Produktion von oben her (die ja doch nur auf dem Papier steht), Zuweisung von Kontingenten an einige Auserwählte (die lediglich zur Gesetzesumgehung und Korruption führt) und Verteilung des kümmerlichen „Sozialprodukts“ durch ein Heer von beamteten Schreibern. Es geschieht vielmehr ausschließlich, indem wir, wo immer das möglich ist, die Grundlagen für einen intensiven Wettbewerb einer Vielzahl von Unternehmern schaffen und dabei dem, der Besonderes leistet, auch einen besonderen Lohn zuerkennnen.

Dazu gehört in erster Linie ein zielbewußter Abbau des heute allenthalben bestehenden Berechtigungswesens. Jeder, der die fachlichen Voraussetzungen für eine bestimmte Tätigkeit erfüllt, muß berechtigt sein, diese auszuüben, wo er nur eine Chance für nützliche Arbeit sieht. Kein Berufszweig darf neuen Bewerbern mit der Begründung verschlossen bleiben, daß für sie kein Bedürfnis bestehe. Ob ein solches Bedürfnis vorhanden ist, sollte ausschließlich der Erfolg des einzelnen, nicht die Willkür einer Behörde entscheiden. Der mittelalterliche Zunftzwang, mit dessen Hilfe sich manche Berufe gegen Wettbewerber, etwa aus dem Kreis der Ostvertriebenen, zu wehren suchen, ist ein öffentliches Ärgernis. Das ganze heute bestehende System der Gewerbekonzessionen, Lizenzen, Permits sollte rasch und gründlich, die Praxis der Produktionsauflagen, Kontingentszuweisungen, Bewirtschaftungsmaßnahmen allmählich, aber zielbewußt beseitigt werden.

Zu den Aufgaben der kommenden Wirtschaftspolitik gehört weiter die Verhinderung aller Versuche, Erzeugung und Absatz von Gütern durch privatrechtliche Abmachungen zu beschränken. Die kürzlich erlassenen Gesetze der amerikanischen und britischen Militärregierungen über ein „Verbot der übermäßigen Konzentration deutscher Wirtschaftskraft“, die Kartellvereinbarungen für ungesetzlich erklären, können daher insoweit, was immer man sonst gegen sie einwenden möge, nur begrüßt werden, Was wir brauchen, ist Planung für, nicht gegen den Wettbewerb. Auch die Überprüfung und Beseitigung der monopolistischen Geschäftsbedingungen von Banken, Speditionsfirmen, Versicherungsgesellschaften fällt hierunter.

Die landläufige Meinung, in den Vorstellungen einer sozialistischen Versorgungspsychose befangen, wird für diese Gedanken zunächst wenig Verständnis haben. Sie wird darauf hinweisen, daß die auf allen Gebieten bestehende Mangellage jeden Wettbewerb der Unternehmer ohnehin unmöglich mache. Sie wird ferner besorgen, daß im Rahmen einer „freien“ Marktwirtschaft nur der schon jetzt Besitzende werde kaufen können, der Bedürftige aber, vor allem das Millionenheer der Flüchtlinge, leer ausgehen müsse. Diese Einwendungen, oberflächlichem Denken einleuchtend, bedeuten in Wahrheit eine völlige Verkennung der Problemlage.

Selbstverständlich kann die Beseitigung von gesetzlichen und vertraglichen Beschränkungen wirtschaftlichen Tätigkeit einen vorhandenen Bestand an Rohstoffen und Maschinen nicht vergrößern. Wohl aber kann sie heute brachliegenden Energien den Weg für einen Zeitpunkt freimachen, zu dem die technischen Voraussetzungen wieder günstiger sein werden als heute. Vor allem aber kann sie auch jetzt schon dazu anspornen, nach neuen Mitteln zur Überwindung der gegenwärtigen Notlage zu suchen – alle Wirtschaft besteht ja schließlich nicht nur in der Benutzung vorhandener, sondern auch in dem ständigen Aufspüren neuer Möglichkeiten. Wettbewerb ist unter allen Umständen erforderlich, seine Beschränkung durch gesetzliche und vertragliche Maßnahmen heute weniger zu rechtfertigen als je.