Aus den Begegnungen, die jedem einzelnen in seinem Leben widerfahren, bleiben nur wenige in der Erinnerung haften. Nur da, wo Geist und Leben eine außerordentliche Verbindung eingehen, vermag ein Eindruck zu entstehen, der unsere Existenz in ihrer Tiefe berührt.

Kürzlich, bei einem Aufenthalt in London, durfte ich George Orwell begegnen. Orwell, der heute als einer der bedeutendsten, englischen Kulturkritiker gilt und dessen Satire “Animal Farm“ im Swiftschen Sinne klassisch zu werden verspricht, wohnt in Islington, einem Londoner Armenviertel. In Deutschland hätte vor dem Kriege kaum ein Arbeiter diese Zimmer in Anspruch nehmen mögen: eine dostojewskijhafte Atmosphäre! Der Mann, der in ihr lebt, in einem ständigen Kampf zwischen seinem Willen und seiner leidenden Gesundheit, ist seiner Herkunft nach kein Literat. Er war vielmehr Polizeioffizier in Burma. Als politischer Soldat hat er dann im spanischen Bürgerkrieg gekämpft. Inzwischen hat er sich zu einem radikalen Gegner des Kommunismus entwickelt. Er ist puritanischer Sozialist, wenn ich es einmal so nennen darf, obwohl er Agnostiker ist. Streng, und herbe wie sein Leben sind seine Anschauungen. Doch was er über Deutschland sagt, ist ohne Haß, wenn auch von nüchternem Realismus. Er übt jedoch auch Kritik an seinem eigenen Volk ohne Rücksichten auf nationale Ressentiments. Sein Sozialismus ist an keine Partei gebunden. Er entspringt seinem autonomen Gewissen mit der Härte kantischer Forderungen. Orwell will den Menschen in seiner moralischen Bestimmung vollenden; das Materielle hat dabei nur mehr den Wert einer Funktion.

Ganz anders stellte sich mir Arthur Köstler dar, der inzwischen weltberühmt gewordene Autor von “Darkness at Noon“ und “The Yogi and the Commissar“. Er wohnt weitab von London in einer kleinen Cottage im entlegensten Teil von North Wales, einer unsagbar einsamen und elementaren Landschaft. Kilometerweit kein anderes Haus. Er, der Weitläufige, ist Einsiedler geworden. Auch er hat einmal – in Spanien gefochten und wie Orwell und viele andere seine Verbindung zum Kommunismus unter schweren inneren Erschütterungen gelöst. Gewiß, der Kommunismus ist auch heute noch für ihn das bedeutendste, politische und geistesgeschichtliche Problem. Ist es frivol, zu sagen, daß es ehemaligen Kommunisten ergeht wie Katholiken, die aus der Kirche ausgetreten sind? Sie kommen nie ganz los von der hierarchischen. Ordnung eines solchen geschlossenen Weltbildes, in das sie einst eingefügt waren. Köstler spricht nicht davon, aber man spürt es ihm an. Seine Bemerkungen über die politische und psychologische Situation des modernen Menschen sind von un- – gewöhnlicher Prägnanz und Hellsichtigkeit. Kaum ein anderer sieht so klar wie er, zu welchen weltpolitischen Konsequenzen der heutige Zusammenbruch Deutschlands führen und welche Koalitionen möglich werden könnten, wenn diese Gefahr nicht rechtzeitig erkannt wird. „Es gibt letzten Endes nur eine Wahl zwischen Moskau und Washington.“

Victor Gollancz, den ich wiederholt in London besuchen dürfte, ist in vielem das menschliche Gegenbild zu Köstler, in dessen Denken das analytische Element gegenüber dem gefühlsmäßigen überwiegt. Seine Intellektualität ordnet sich vollkommen seiner Menschlichkeit unter. Mitempfinden und Güte sind die Triebfedern seines Wirkens. Jedoch vermeidet er es, seine Humanität zur Schau zu tragen. Fast hat man den Eindruck eines nüchternen Geschäftsmanns, der lediglich bestimmte Fakta sammelt. Aber von Zeit zu Zeit drängt sich sein starkes Gefühl an die Oberfläche, so, wenn er sagt, daß es die Mission des Judentums sei, nach jahrhundertelangem Haß und jahrhundertelanger Verfolgung vor allen anderen Völkern Haß und Verfolgung zu überwinden. Er macht kein Hehl daraus, daß er nicht etwa dem deutschen Volk deswegen helfen wolle, weil ihm die Deutschen besonders sympathisch seien, sondern weil man dort helfen müsse, wo das Leid am größten ist.

Seltsam ist die Lebensgeschichte des holländischen Politikers Jef Last, dessen Buch „Zuidersee“, zu dem sein Freund André Gide eine Einleitung schrieb, einen europäischen Erfolg errang. Wie Josef Conrad hat er als Seemann angefangen und das ist heute noch unverkennbar. Er ist dann lange Jahre in Moskau führender Funktionär der Komintern, gewesen, danach Offizier in Spanien und geistiger Mentor des holländischen Widerstands. Wie so viele, gehört er heute zu der Legion der heimatlosen Sozialisten, Unmittelbar nach dem Zusammenbruch begann Last als erster Holländer unermüdlich für die Gleichberechtigung des deutschen Volkes zu wirken, da er, wie er sagt, den Kampf für die Freiheit aller Völker und damit auch des deutschen Volkes geführt habe. Die zentrale Gefahr unserer Gegenwart sieht er in der Überschätzung des Staates, der zu einem modernen Leviathan geworden sei und der das Individuum unter seiner Last ersticke. Er hat also radikale Konsequenzen aus seiner früheren Anschauung gezogen. Der einzelne Mensch, so sagt er, müsse, wieder in seiner Ausschließlichkeit in den Mittelpunkt des europäischen Denkens gestellt werden. Hier sieht er eine große Gefahr in den Entwicklungsmöglichkeiten des modernen Sozialismus. Manche seiner Aussagen waren verblüffend, so, wenn er – übrigens gleich dem bekannten Führer der Labour-Oppositionellen Richard Crossmann – Ernst Jünger für den bedeutendsten deutsches Schriftsteller-der Gegenwart erklärte. Es war in Amsterdam, wo ich ihn sah: in einem Hause, das EU den ältesten der Stadt zählt, in dem man nur unter Lebensgefahr die Treppe ersteigen konnte, in einem Zimmer, von dessen Decke ein riesiger bunter chinesischer Papierhaifisch hing.

In Amsterdam war. auch Martin Buber zu treffen, der große jüdische Philosoph und Deuter des Chassidismus. Buber befand sich auf einer Vortragsreise und war aus Jerusalem gekommen, wo er heute als Professor an der Hebräischen Universität wirkt. Ein alter, aber ungebrochener Mann, ohne Haß auf das Volk, das Millionen seiner Brüder tötete! Ein Geist von zwingender Persönlichkeit. Die Einheit von Intellekt und Leben – dieser Gedanke stand im Mittelpunkt des ganzen Gesprächs. Buber meinte, es sei die unheilvollste Krankheit dieser Zeit, daß ihre Worte zwar oftmals wahr seien, ihr wirkliches Leben jedoch in unüberbrückbarem Gegensatz zu diesen Worten stünde. Diese Mischung aus Wahrheit der Worte und Lüge der Wirklichkeit sei Verhängnisvoller als jede andere Barbarei. Sie deute den absoluten Tiefstand an. Nur daran werde er das heutige Deutschland messen, wie viele Menschen dort trotz aller Not bereit seien, den Geist der Humanität der Welt vorzuleben und damit nicht zuletzt auch eine neue Brücke zwischen Deutschtum und Judentum zu schlagen.

In der Welt als Geschichte wiegt der einzelne schwerer als alle kollektiven Einheiten. Bei wenigen wird der neue Grund gelegt, der vielleicht erst um vieles später die Fülle der Erscheinungen zu bestimmen vermag. Solche Menschen leben auch heute noch in Europa. Sie leben voraus, sie haben alle Grenzen hinter sich gelassen und warten auf ihre Stunde.