Die hochgespannten Ziele der panasiatischen Konferenz, die unter dem Vorsitz von Pandit Nehru vor einigen Wochen in Delhi zum erstenmal die Völker des asiatischen Erdteils versammelte, stehen in einem merkwürdigen Kontrast zu den Realitäten, die diesen Raum beherrschen. Sicherlich sind die Völkerschaften und Länder Asiens in einem Punkt einig, nämlich darin, daß sie entschlossen sind, sich von der Vormundschaft europäischer Mächte zu befreien, und insofern kann man mit Recht von einer panasiatischen Bewegung sprechen. Aber gerade dieses Streben nach Unabhängigkeit und Selbstbestimmung fördert eine Entwicklung, die notgedrungen zur Bildung immer kleinerer Nationalstaaten führt, sei es unter Betonung der religiösen oder rassischen Unterschiede, sei es aus ethnographischen Gründen.

Am deutlichsten wird dieses Bild an der heutigen Situation Indiens. Die einzige Gruppe, die an der panasiatischen Konferenz nicht teilgenommen hat, war die Moslemliga, die die Interessen der indischen Mohammedaner vertritt, also etwa 95 Millionen oder ein Viertel der Gesamtbevölkerung Indiens umfaßt. Die Moslemliga unter ihrem zähen und gewandten Führer Mohammed Ali Jinnah ist fest entschlossen, einen eigenen Staat: Pakistan zu gründen, wobei zum Teil sehr weitgesteckte Ziele genannt werden – so taucht gelegentlich der Begriff eines islamischen Blocks auf, der die mohammedanischen Länder von Indien bis Ägypten und Marokko vereinen soll. Hartnäckig vertritt Jinnah seine Pakistan-Forderung bis an die Schwelle des Bürgerkrieges und lehnt konsequent, wie er ist, jede Beteiligung an der Ausarbeitung einer gemeinsamen indischen Verfassung ab. Die Mohammedaner sind daher weder in der provisorischen Regierung noch in der verfassunggebenden Versammlung vertreten. Dadurch wird das Ziel, eine neue Verfassung und eine selbständige funktionsfähige Regierung in Indien zu bilden, die im Juni 1948 in der Lage ist, die Verwaltung des Landes in die Hand zu nehmen, immer unerreichbarer.

Bisher war Pandit Nehru als Führer der Kongreßpartei fest entschlossen, eine Teilung Indiens zu verhindern. Die immer unhaltbarer werdenden Zustände in Indien – die Unruhen allein der letzten Monate forderten 4000 Tote – haben Nehru jedoch dazu geführt, nachzugeben und grundsätzlich in eine Teilung einzuwilligen. Die nächste Frage aber, wie und wo eine solche Teilung erfolgen soll, wirft neue Probleme auf, die keineswegs geringer sind als die prinzipielle erste Entscheidung, die auch noch nicht einmal endgültig beschlossen worden ist. Die Moslemliga fordert einen mohammedanischen Staat, der unter dem Namen Pakistan folgende Provinzen und Gebiete umfassen soll: North Western Frontier, Pandschab, Sind, Bengalen und Assam. Da aber in all diesen Gebieten neben moslemischer Bevölkerung auch Hindus in zum Teil großer Anzahl vertreten sind, wird es nötig sein, die nichtmohammedanischen Siedlungen herauszuschneiden, also die Provinzen in sich nochmals zu teilen. Diese natürliche Konsequenz einer Aufspaltung Indiens entsprechend den religiösen Konfessionen stößt naturgemäß auf den schärfsten Widerstand Jinnahs, der auf die wirtschaftliche Lebensfähigkeit seines neuen Staates bedacht sein muß. Durch eine solche Teilung der einzelnen Provinzen würde nämlich in fast allen Fällen, besonders aber in Pandschab und in Bengalen, die Gebiete mit überwiegend landwirtschaftlicher Produktion an die Moslems fallen, während die reichen Industriegebiete und traditionellen Handelsplätze wie Kalkutta in Bengalen und Amritsar in Pandschab herausgeschnitten würden. Amritsar, das eigentlich den Schlüssel zum Pandschab bildet, ist im übrigen das Zentrum der Sikh-Siedlungen, wodurch die Dinge noch komplizierter werden, denn bisher ist nicht eindeutig zu übersehen, auf welche Seite die Sikhs sich schlagen werden; ihre Tradition geht zurück ins 16. Jahrhundert auf einen Religionsstifter, der den Versuch unternahm, eine Art religiösen Kompromiß zwischen Hindus und Mohammedanern zu schaffen.

Wo immer man die Trennungslinien auch planen mag stets bleiben größere Hindueinheiten innerhalb Pakistans oder moslemische Bevölkerungsteile außerhalb. Bei den Kongreßwahlen im vorigen Jahr haben die Moslems übrigens nur in Sind und in Bengalen die absolute Majoriät – erhalten, in Pandschab kam eine schwache Koalitionsregierung zustaide, die inzwischen durch die immerwährenden Unruhen der Moslems gestürzt worden ist. Am schwierigsten ist die Lage in der North Western Frontier; obwohl die Mehrzahl der Bevölkerung dort mohammedanisch ist, entschied sich die Majorität für die Kongreßpartei – wahrscheinlich unter dem starken Druck Nehrus, der an der Grenze des gleichfallsmohammedanischen Afghanistans das Entstehen eines militanten Islams befürchtet. Da aber eben diese nachbarlichen Beziehungen Jinnah sehr erstrebenswert erscheinen, und das fragliche Gebiet, da es keine gemeinsame Grenze mit dem Hindistaat haben würde, auf die Dauer auch kaum existieren könnte, muß wohl damit gerechnet werden, daß die North Western Frontier in Pakistan mit einbezogen werden wird.

Mai nimmt an, daß die neuen Vorschläge, die der Vizekönig Lord Mountbatten am 2. Juni in Delhi unterbreiten wird, noch einmal den Versuch machen werden, Indien als Einheit zu erhalten, aber die Entwicklung dürfte mittlerweile diese Lösung nicht mehr diskutabel erscheinen lassen. Die Schwierigkeiten, die die Teilung Indiens in einen Moslem- und in einen Hindustaat heraufbeschwören, sind von ungeahnter Tragweite – immer neue Fragen tauchen auf: wie soll der Staat Pakistan, dessen westlicher und östlicher Teil über 1200 Kilometer voneinander entfernt sind, verwaltet und gar verteidigt werden? Wie wird die Verteidigung Indiens überhaupt gehandhabt werden, wenn die Armee, der englischen Führung beraubt, nun auch in ihre Bestandteile auseinanderbricht? Wie sollen die Aktiva und Passiva Indiens verteilt werden? Werden die beiden neu entstehenden Staaten als Dominien im Verband des Common Wealth verbleiben oder selbständig werden oder vielleicht sogar getrennte Wege gehen und sich verschieden entscheiden? Wie sollen die Gebiete zollmäßig gegeneinander abgegrenzt werden, wie eine Einigung über das Transportsystem und die Flußläufe erfolgen? Auch bleibt darüber hinaus noch die Frage offen, ob womöglich einige der großen Fürstenstaaten sich nicht wie die Mehrzahl der kleineren der Kongreßpartei anschließen werden, sondern die Absicht haben, einen dritten Staat Radjistan zu bilden.

Wenn eines Tages nach weiterem Blutvergießen und unendlichen Leiden auf allen Seiten die Trennung vollzogen sein sollte, wird man vermutlich auf beiden Seiten der Grenze realisieren, daß die Probleme in beiden Staaten im Grunde die gleichen sind: Bewässerung der Felder, wirtschaftliche Entwicklung und Hebung des sozialen Standards – und dann wird man vielleicht auch feststellen, daß alle diese Probleme im Grunde gemeinsam leichter zu lösen gewesen wären als gegeneinander.

Marion Gräfin Dönhoff