Von Alfred Beieric

Als Gast des Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands sprach Alfred Beierle zu Hamburg im Rahmen einer Veranstaltungswoche über Jack London. Da kam aus der Sommerfrische ein umfangreicher Brief des jungen Wiener Lyrikers Stefan Zweig, der mich einlud, ihn zu besuchen. Er bewohnte in Wien neben der elterlichen Wohnung ein Junggesellenheim in der Kochstraße 6. Unter den erlesenen Dingen, die den Inhalt dieses Studios ausmachten, befanden sich die Anfänge seiner Handschriften- und Manuskriptsammlung, die im Laufe der Jahrzehnte weltberühmt wurde, weil sie einzigartig war. Zweig sammelte aus leidenschaftlichem Interesse für die graphologische Ausdeutung einer berühmt gewordenen Dichter- oder geistigen Persönlichkeit Stefan Zweig begleitete das Umblättern der einzelnen Manuskript- und Briefblätter mit wissenschaftlich interessanten Bemerklingen und mit Hinweisen, die aus der damals neuen Lehre Sigmund Freuds stammten.

Er sammelte nur Texte, die handschriftlich ge-– schrieben waren und einen Inhalt zeigten, aus dem die menschliche Persönlichkeit des Schreibers in seinen Handlungen und vor allem in seinen Entscheidungen deutlich wurde. So bewunderte man das umfangreiche Manuskript von Dostojewskijs „Die Brüder Karamassow“ eine Fassung von Beethovens „Heiligstädter Testament“, vier Gedichte von Michel Angelo. Nur ein Stück wurde später der Sammlung beigefügt, das nicht handschriftlich geschrieben war, sondern als Telegramm vorlag. Es war die Antwort Romain Rollands auf das Telegramm Lenin-Uljanöws, als er aus der Schweizer Emigration 1917 nach Rußland fuhr; er solle nach Petrograd kommen. Es wurde 1935 durch die „Liga für Menschenrechte“ in der Bibliothek Henri Guilbeaux versteigert.

Stefan Zweig ging, im Weltkrieg in die Schweiz, wo erim Kreise um Romain Rolland, Jouve, Martinet, Busoni, Ludwig Rubiner für Frieden und Verständigung wirkte. Aus dieser Zeit stammt auch seine Freundschaft mit Rolland. Als nach dem Kriege das Arbeiterbildungsinstitut in Leipzig durch Valtin Hartig einen Vortragsabend organisierte mit dem Thema „Romain Rolland und Europa“, an dem ich aus den Werken Hollands las, kam Zweig auf unsere Einladung aus Wien, um über – den Menschen und Dichter zu sprechen; wie immer, wenn es sich, um die Förderung ethischer Werte handelte, sprach er honorarfrei. Ich habe von ihm nie eine Absage erhalten, wenn ich seinegeistige und künstlerische Unterstützung erbat.

Zweig, der unerschöpflich im Geben war, wenn er helfen konnte war immer in Verlegenheit; wenn er um etwas bitten sollte, und wenn es auch nur die selbstverständlichste Gefälligkeit war. Im Jahre 1931, als ich mit Joseph Roth im gleichen Hotel in Paris lebte, das Rainer Maria Rilke zu bewohnen pflegte, wenn er sich in Paris aufhielt, telegrafierteZweig, daß er nach Paris käme und daß ich mich einige Tage, zu seiner Verfügung halten möchte, da er mich um etwas bitten wolle. Auf dem Gare du Nord sagte er mir, er müsse mehrere Tage durch die bedeutendstem Spielsäle und lasterhaften Spielhöllen von Paris geführt werden. Am Tage und in der Nacht. Er arbeite an einer Spielernovelle. Ich übernahm es, ihm den Eintritt zu verschaffen. An einem Bakkarattisch in demberühmten Cercle Hausmann nahm ich Platz, und spielte, während Zweig sich auf einen Stuhl hinter mich setzte und mit seinert scharfen Augen die gegenübersitzenden Spieler und dahinter stehenden „Sehleute“ beobachtete, deren Blicke oft noch interessierter waren, als die der Spieler. Uns gegenüber stand ein eleganter Herr mit verschränkten Armen von vielleicht 65 Jahren mit wunderbaren tiefbraunen Augen. Plötzlich packte Zweig meine Schulter und sägte mir leise und leidenschaftlich ins Ohr: „Was hat der Mann da drüben im hellgrauen Anzug für Augen?“ Ich antwortete ohne jede Betonung oder Erregung: „Tolstois“. Zweig war erschüttert. Er wußte, ja nicht, daß es Tolstois jüngster Sohn war, eine in ganz Frankreich bekannte Spielerpersönlichkeit, und daß ich ihn kannte – ihn, der zwei Monate vorher zehn Briefe aus dem Nachlaß seines Vaters in Paris für eine Viertelmillion Franken hatte versteigern lassen und diese Summe noch am selben Tag in einer Stunde bei Hausmann verspielte. Dies sagte ich ihm leise, rückwärts gewandt, Zweig war wie vom Donner gerührt. „Komm“, sagte er, „gehen wir.“ Er war vollständig verändert. Aufder Straße dankte er mir für die Führung und fügte hinzu: „Die Novelle wird nie geschrieben werden. So etwas läßt sich ja gar nicht beschreiben.“ Er. dachte an Tolstoi, dessen Erscheinung er gerade in seiner Typologie des Geistes geschildert hatte und an die zehn Briefe, die seiner Sammlung entgangen waren. –

Während ich nach einer lebensgefährlichen Operation in Den Haag meine Rekonvaleszenz verbrachte, schickte mir Zweig außer Hilfssendungen den lebendigen Freund Joseph Roth, den er sehr liebte. Joseph Roth hatte sich durch sein Buch „Juden auf der Wanderschaft“ Zweigs Freundschaft erworben und überbrachte mir die Einladung, zur Gesundung in die Schweiz zu kommen. Eines Abends im Frühling 1935 saßen wir im Hotel Dolder in größter Gespanntheit und warteten auf Telefonanrufe aus Dresden – Zweig, die Frau, die er später heiratete, Hermann Kesser und ich – um den Erfolg der neuen Straußschen Oper „Die schweigsame Frau“ zu hören, zu der er das Textbuch geschrieben hatte. Als nach dem dritten Akt die Nachricht kam, daß Goebbels mit sofortiger Wirkung jede weitere Aufführung wegen des jüdischen Textdichters verboten hatte, sagte Stefan. Zweig leise zu mir: „Wir sterben alle in unserer Sprache.“ – Ich aber hatte nun ein Vermächtnis zu verwalten: Als ich später aus dem Konzentrationslager kam, habe ich jene Autoren, – deren Werke ein Opfer des Goebbelsschen Autodafes geworden waren, gesammelt und mit Hilfe treuer Freunde verborgen.

Als Ernst Wiecherts Rede „Von den treuen Begleitern“ erschienen war, die der unvergeßliche Heinz Haagen im Quäkerkreise so eindrucksvoll gelesen hatte, sandte ich Zweig ein Exemplar auf dem Kurierweg der tschechoslowakischen Gesandtschaft durch unseren Freund und Mitverschworenen Camill Hoff mann nach London, und nach wenigen Wochen wurde die Rede im Londoner Rundfunk verbreitet. Einige Tage darauf erschien ein Herr bei mir, ohne seinen Namen zu nennen oder Platz nehmen zu wollen, teilte mir das Ergebnis Mit und überreichte mir mit Grüßen von Zweig zwei in deutscher Sprache gedruckte Reden, die er im Hause der Lady Astor gehalten hatte: „Über die-Zukunft der deutschen. Juden“ und „Über die deutsche, Jugend“. Und verschwand. – –

Stefan Zweig ist von uns gegangen als ein Mann, von allen verehrt, die ihn kannten; als ein Mensch, der seine geistigen, sittlichen – und materiellen-Kräfte einer großen Lebenskameradschaft gewidmet hatte. Er gab Hilfe und Unterstützung, wenn er damit ganz helfen konnte, in gütiger und weiser Erkenntnis der Schwierigkeiten dieses Lebens. Als nach dem ersten Weltkrieg der „Schutzverband deutscher, Autoren“ seine vermögenden Mitglieder aufrief, den armen Autoren zu helfen, die gegen die Inflation wehrlos waren, da gaben sie wohl alle. Nur zwei lehnten es ab, sich an dieser Sammlung zu beteiligen: Stefan Zweig und Franz Werfel. Sie wollten nicht mit einer noch so bedeutenden Summe diese Handlung bagatellisieren. Dagegen bat sich jeder von ihnen einen Schützling aus, dem sie neue Lebensmöglichkeiten geben konnten. Zweig fand ihn in Arthur Silbergleit, dem Lyriker, der der Tuberkulose hoffnungslos verfallen schien. Er ließ ihn von bedeutenden Ärzten zweimal operieren, schickte ihn und seine Frau jahrelang nach Italien, nahm sie dann beide zu sich nach Salzburg und brachte ihn zu neuem Leben zurück, – bis die Vernichtung über Europa kam. Arthur Silbergleit, der ganz gesundete, kam nach Auschwitz, von wo es keine Rückkehr gab. Und der, der ihm das Leben wiedergegeben hatte, starb fern von der Heimat bei Rio de Janeiro am gebrochenen Herzen.