Der neugegründeten Joachim-Jungius-Gesellschaft zu Hamburg, die als Zusammenschluß der Hamburger wissenschaftlichen Vereine eine enge Zusammenarbeit zwischen Universität, Wissenschaft und Forschung fördern will, steht Prof. Dr. Bruno Snell als Präsident vor. Prof. Dr. Mayer-Abich ist der Schriftführer der Vereinigung

Die Veranlassung, dem Leben und Wirken dieses vorzüglichen Mannes nachzuforschen, gab mir. Herr de Candolle. welcher in der Vorrede zu seiner Organographie äußert...“ Mit diesen Worten beginnt ein auf das Jahr 1831 datiertes Fragment, das von Goethes Absicht „Leben und Verdienste des Doctor Joachim Jungius Rectors zu Hamburg“ in einem besonderen Werke darzustellen. Kunde gibt. Diesem Manne zu Ehren hat die soeben in Hamburg neugegründete „Gesellschaft der Wissenschaften“ sich Joachim-Jungius-Gesellschaft genannt. Mit vollem Recht! Denn Jungius ist nicht nur der weitaus größte Gelehrte, der im alten Hamburg im Zeitalter der Reformation und des Dreißigjährigen Krieges gelebt hat, sondern er verkörperte in sich selbst auch eine vollständige Akademie der Wissenschaften, darin dem großen Leibniz ähnlich, der sich stets als Jungius Schüler gefühlt hat. Mathematik, Physik, Astronomie, Mineralogie, Zoologie, Botanik, ja sogar die Theologie und die Philologie verdanken ihm wertvolle Anregungen. Bahnbrechend aber war er auf. dem Felde der Logik, der Atomistik und der Botanik.

Das einzige zu seinen Lebzeiten von ihm publizierte und in zwei Auflagen herausgekommene – Werk war die „Logica Hamburgensis“ (1638). Da aber die Logik ihrem Wesen nach nichts anderes als „Wissenschaft von der Wissenschaft selbst“ ist, bildet sie den getreuen Spiegel der Physionomie der Wissenschaften zu irgendeiner Zeit. Nun hatte die damalige Zeit den größten und entschiedensten Wandel im wissenschaftlichen Denken seit der Antike vollzogen. Darum bot die klassische Logik des Aristoteles der neuen exakten mathematischen und experimentellen Naturwissenschaft keine brauche bare Denkmethodenlehre mehr. Die der modernen Wissenschaft gemäße Logik darzustellen, ist zum erstenmal von Jungius erfolgreich versucht worden. So finden sich in der„Logica Hamburgensis“ mancherlei nichtsyllogistische Schluß- und Denkformen dargestellt. Hieran erst konnte Leibniz, wie er selbst bekannt hat, in’seiner eigenen Reform der Logik unmittelbar anknüpfen. Die „Logica Hamburgers“ steht somit an dem entscheidenden Wendepunkt als Wegweiser auf dem Wege, der von der klassischen Logik des Aristoteles zur transzendentalen Logik Kants führt.

Die Atombomben-haben dafür gesorgt, daß jeder heute etwas von der Macht und Bedeutung der modernen Physik und insbesondere der Atomistik weiß. Nur sehr wenige aber selbst unter den Fachleuten wissen noch etwas davon; daß niemand anders als der Hamburger Jungius als der eigentliche Schöpfer der modernen Atomtheorie als physikalischer Hypothese gelten darf. Demokrit und die Alten haben bekanntlich die Atomistik als eine metaphysische Lehre zur Erklärung, der Weltenfaltung aufgestellt, aber eine für die moderne experimentelle Physik angreifbare und nützliche Theorie hat erst Jungius aus der philosophischen Atomenlehre entwickelt. Endlich, – und das erklärt uns Goethes Interesse für ihn – muß Jungius auch als einer der Hauptbegründer der modernen Pflanzenmorphologie gelten. Nach dem eingangs zitierten Satz von De Candolle sah Goethe in ihm einen Vorläufer seiner eigenen Lehre von der Metamorphose der Pflanzen, und nicht ganz mit Unrecht. Linné hat die von Jungius geschaffenen morphologischen Begriffe durch den englischen Naturforscher John Ray kennengelernt und bei. seiner eigenen Reform der Botanik benutzt. Willdenow, ein bekannter Botaniker der Goethezeit, hat ohne Zweifel recht, wenn er von des Hamburger Gelehrten botanischen Studien sagt: „Wenn man diesem Mann in der Art zu studieren gefolgt wäre, so hatte man hundert Jahre eher dahin gelangen können, wo man gegenwärtig ist.“

Einige Daten aus dem Leben des Doktors. Er ist am 21. Oktober 1587 in Lübeck in einer Professorenfamilie zur Welt gekommen. Er hat zweimal studiert: zuerst in Rostock und Gießen Philosophie, Mathematik und Naturwissenschaften (bis 1609), dann von 1616 bis 1618 Medizin in Rostock und Padua, wo er auch den medizinischen Doktorhut erwarb. Dann begann er in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges ein unstetes Wanderleben durch verschiedene Hochschulen (Rostock, Helmstedt), bis er durch den Hamburgischen Senat als Rektor des berühmten damaligen „Akademischen Gymnasiums“ (das als der direkte Vorgänger der heutigen Universität Hamburg angesehen werdet! muß) nach Hamburg berufen wurde. Dieses Amt trat er am 19. März 1626 zugleich mit dem eines Rektors des heute noch bestehenden „Johanneums“ an. In Hamburg hat Jungius dann volle 31 Jahre hindurch eine überaus segensreiche und fruchtbare wissenschaftliche Tätigkeit entfaltet. Einer seiner Schüler. Johann Blom, schrieb darüber aus Rostock: „Wenn die Zuhörer des Hamburgischen Akademischen Gymnasiums beherzigen könnten und wollten, welche Güter in ihren Schoß ausgeschüttet werden, ...so könnten von Hamburg aus Lichter der Wissenschaft ohne Zahl wie aus dem trojanischen Pferde hervorgehen. Am 23. September 1657 ist Joachim Jungius in Hamburg gestorben.

Adolf Mayer-Abich