Das, was im politischen und sittlicher Leben der Gegenwart so tief beunruhigend wirkt und den Grund für all die demagogischen Möglichkeiten bietet, die heute so oft berufen werden, liegt daran, daß ein neuer Mensch im öffentlichen Leben aufgetreten ist, eine neue „Figur“, ein neuer Typ, der geschichtlich bis dahin nicht legitimiert war und mit dem wir uns auseinandersetzen müssen, angstlos und in Freiheit.

Daß dieser Mensch geistig geformt werden könnte, daran ist Deutschland führend beteiligt im gesellschaftlichen Denken durch die theoretischen Erkenntnisse des dialektischen Materialismus, angefangen von den linken Hegelianern bis hin. zu Marx, und im philosophisch-künstlerischen Denkendurch die Konzeptionen und Maximen Friedrich Nietzsches. So stand der neue Mensch als ‚Figur‘ völlig im intellektuellen Vorstellungsbereich des ganzen europäischen 19. Jahrhunderts, utopisch verschleiert in sonderbaren Gesellschaftslehren der französischen Nachrevolution, sehr eindeutig aber bereits im konstitutiven Nihilismus der Russen. In all ihren Spannungen, die uns heute bewußt sind – von der metaphysischen Hilflosigkeit bis zur Dämonie – wirft diese ,Figur’ ihren Schatten auf die Personenkreise in Dostojewskijs „Dämonen“:

Dieser neue Mensch ist nach dem Ausgang des ersten großen Krieges endgültig, wenn auch vielfältig getarnt und unter vielfältigen Gesinnungen, leibhaftig in das öffentliche Leben getreten. Und Seite an Seite mit seinem Begleitprodukt, dem „homo oecohomicus“ richtet? er die Grundsätze, seine Grundsätze einer praktischen und sittlichen Lebenshaltung auf. Es ist eine neue Lebenshaltung, die-sich der antiken und christlichen Daseinsform entgegengesetzt gebärdet.

Jene beiden Lebenshaltungen – nämlich die heidnisch-antike wie die christliche – sind im Essentiellen keineswegs so grundsätzlich geschieden, wie man vielleicht annehmen möchte. Nur ist man sich dessen meist nicht genügend bewußt, daß das Christentum sich in seiner geistigen Haltung in zwei nicht ohne weiteres zusamenhängende Bezirke auftrennt, die wir Glaube und Moral nennen. Neben seinem esoterischen Gehalt als Glaube, der sich in den Evangelien um die Auferstehungs- und Erlösungshoffnung bewegt, hat das Christentum einen praktischen Moralgehalt entwickelt eine Anleitung zum Leben, wie es in Gerechtigkeit sein soll, eine in den Gebotstafeln und in der Bergpredigt festgelegte Lebenshaltung. Diese spezifische Lebenshaltung aber ist nicht ohne weiteres genuin christlich zu nennen; vielmehr regelte sie bereits die Beziehungen der Menschen in jenem Raum, der in unserer abendländischen Frühgeschichte Welt hieß. Historisch belegbar bereits im dritten Jahrtausend im ägyptischen Raum, verdichtete sie sich – soweit wir dies von unserer lückenhaften historischen Sichtwarte aus beobachten können – in den jüdischen Gesetzesbüchern. Sie ist zugleich der Hintergrund des Denkens Platons und erfuhr dann eine weithin wirksame und sehr intensive Festlegung in der Bergpredigt. Sie bestimmte in den ersten christlichen Jahrhunderten in ganzer Breite auch die sittliche Haltung der heidnisch-antiken

Gesellschaft. Gerade diese fast vollkommene Anziehung der praktisch-sittlichen Haltung der christlichen und der heidnisch-antiken Gesellschaft erklärt so merkwürdige Tatsachen, daß ganz allgemeine Hauspostillen der Spätantike, wie die „Betrachtungen“ des Kaisers Marc Aurel oder der „Trost der Philosophie“ des Staatsmannes Boethius trotz ihrer, heidnisch-konservativen Verfasser doch zugleich auch Hauspostillen der christlichen Gesellschaft blieben und zu den Bildungsgrundlagen des mittelalterlichen Christen gehörten, daß Platon als „heiliger Vorläufer“ galt Und noch Virgil dem Dante als Führer bis an das Tor des Himmels dienen konnte.

Diese Lebenshaltung, die wir christlich zu nennen gewohnt sind, blieb in der Tat die bisherige Grund; lage unseres Lebens in der Gesellschaft und ordnete die sittlichen Beziehungen von Mensch zu Mensch. Es war durchsie klar nachweisbar, was gut, was böse war. Und diese Haltung war so tief begründet, daß weder die Renaissance noch die Aufklärung noch auch die Französische Revolution an diesem ethischen Bestand haben rütteln können noch wollen. Diese Epochen haben sogar dort, wo am der einen Seite die eigentlichen, die esoterischen Glaubensbestandteile des Christentums angezweifelt wurden, auf der anderen Seite seine sittliche ‚Lebenshaltung‘ als .Tugendlehre’ ausgebaut. So also verhalten sich nahezu fünf Jahrtausende, die wir im Rampenlicht unserer abendländischen Geschichte ungefähr, zu überschauen vermögen,

Zweifellos ist heute nun diese Welt in Gefahr geraten, in eine Gefahr, für die die Maß- und Grenzenlosigkeit, der Vorstellungswelt seit der Mitte des 19. Jahrhunderts verantwortlich erscheint. Theologisch betrachtet, dämmerte diese Gefährdung, schön herauf, als im konstitutiven Nihilismus der Russen das Walten Gottes in die Zone der Paradoxie geriet“ und damit die Frage nach der Möglichkeit der „Schuld“ aus dem sittlichen Bereich in den der Metaphysik geriet ja sogar sich in die Frage nach der „Schuld“ Gottes verwandelte. Doch bleiben wir ganz einfach bei den Erscheinungsformen im öffentlichen, im alltäglichen Leben! Hier ist vor unser aller Augen eine Zone des jenseits von Gut und Böse’ realiter aufgetaucht. In dem Bewußtsein, daß eine solche Zone existiere, aber konstituierte sich eine neue Kraft voller echt dämonischer Inhalte. Dieses Bewußtsein vom Vorhandensein einer Zone des Jenseits von Gut und Böse‘ erlebte dann auch ihren heroisch-typisierten Bewußtseinsträger im „Übermenschen“, der, wie wir heute immer deutlicher sehen, das typische Symbol eines durchaus vorhandenen Menschen ist. Dieser Typ – heiße er nun in seinen groben Spielarten Atatürk. Mussolini, Trotzki oder Hitler – siedelte sich an der äußersten Spitze des menschlichen Individualismus an, in der äußersten Zone der Selbstsicherheit und Selbstgerechtigkeit, die dem Menschen möglich ist, und fand im „Willen zur Macht“ seinen eigentlichen Motor des Handelns; Obwohl an dieser Stelle Begriffe Nietzsches verwendet werden, sprechen wir hier doch nicht ausdrücklich von ihm wir sprechen vielmehr, von einem Menschentyp, den Nietzsche in der höchst künstlerischen Luft seines, Denkens sehr plastisch vor sich sah – als Ideenbild sozusagen, ohne zu berücksichtigen, daß dieser Typ bereits die ersten Schritte ins Wirkliche tat. Wir kennen diesen Menschentyp heute aber genau. Er ist jedem von uns einmal begegnet er war und ist auch heute Um uns. Er hat uns im Kriege vielleicht aus den Augen eines Spähtruppführers, des Kämpfers mit dem Einzelauftrag angeschaut; er schaut uns aber auch an aus den Gesichtern der Suite des Marschalls Schukow, die man in den heutigen Fotos sieht. Es ist also nicht notwendig, diesen Menschentyp weiter zu beschreiben; er schaut uns im Widerglanz schon aus dem Gesicht unseres Nächsten an. („Die abgesonderte Stellung der Verteidigung und des Angriffs hat man Individualität genannt; den Meister dieser bösen Kunst hat man als Übermenschen gepriesen“ sagt Walther Rathenau.) Das ist der Typ, für den die ersten drei. Gebote irrelevant und die folgenden sieben, zumindest in ihrem absoluten Wert, fraglich geworden sind. Die Schwächlichen unter diesen neuen Menschen – man traf sie beim Militär viel unter jungen Lehrern und bürgerlichen Studenten – hielten sich mit dem Ingenieur Kirillow Dostojewskij „an den eindeutigen Grundsatz der allgemeinen Zerstörung zum Zwecke der Erreichung guter Endziele“. –