Die Verfassunggebende Versammlung Indiens hat beschlossen, die Beschränkungen und Diskriminierungen aufzuheben, denen bisher die Kaste der „Unberührbaren“ ausgesetzt war. Sie hat damit einen Vorgang geschaffen, der in der Geistesgeschichte Indiens ohne Beispiel ist und einer Revolution durchaus gleichkommt. Ein zäher Kampf Gandhis ist mit Erfolg gekrönt worden. Noch vor wenigen Jahrzehnten wäre eine Entscheidung wie diese undenkbar gewesen. Aber auch heute muß gesagt werden, daß sie mehr ein Versprechen als eine Verwirklichung darstellt. Es sind ja nicht allein die Hindernisse menschlicher Engherzigkeit, Unduldsamkeit und Überheblichkeit über den Nächsten, die dieser Verwirklichung noch lange entgegenstehen werden. Vielleicht noch schwerwiegender ist die Tatsache, daß die besonderen Bedingungen, denen die einzelnen Kasten unterworfen sind, ihre Wurzeln in der Religion der Hindus haben. Die Überzeugung, daß jedes, auch das harte Dasein des „Unberührbaren“, seine letzte Ursache nach dem Gesetz des Karma in Schuld und Verdiensten einer früheren Existenz hat, läßt den Inder das ihm bestimmte Leben ergeben hinnehmen. Der „Unberührbare“ empfängt es als Fatum der Gottheit, daß er sich ausgeschlossen sieht von den Kasten der Hindus, daß seine Kinder die Bürde eines mit Umwegen belasteten Schulganges in Kauf in nehmen haben, um dem Verstoß zu starker körperlicher Annäherung an Mitglieder der Hindukasten auszuweichen, daß sie nur in bestimmten Schulen und auch dort nur an der Tür sich niederlocken dürfen, und daß etwa den Nahrungseinkäufen solche Hindernisse entgegenstehen, daß viele „Unberührbare“ ihr Leben sogar vom Fleisch verendeter Tiere fristen. Er nimmt es hin, daß sein Karma ihm nur die niedrigsten und schmutzigsten Arbeiten zu verrichten belassen hat und daß er unter der Sonne Indiens zu den verachteten und ausgestoßenen Geschöpfen zählt. Nur allzu menschlich, wenn trotz religiöser Ergebung diese jahrhundertelange Ächtung nicht ohne charakterliche Spuren geblieben ist und dem „Unberührbaren“ oft Züge mitgeteilt hat, die die Antipathie der Hindus erregen. Wenn Gandhi in seinem Kampf gegen die Benachteiligung der „Unberührbaren“ und die Vorurteile der Kasten persönlich sogar so weit ging, die Tochter eines „Unberührbaren“ zu adoptieren und wie sein eigenes Kind im Hause zu halten, so mag das der Hindu-Orthodoxie noch geradezu als aufrührerischer Akt erschienen sein. Heute haben sich eben gerade dank dieses Kampfes, den Gandhi geführt hat, die Dinge schon so weit gewandelt, daß sogar im indischen Parlament ein Vertreter der „Unberührbaren“ mit seinen Landsleuten zusammensitzt. Der Beschluß der Verfassunggebenden Versammlung legalisiert jetzt jene Geisteshaltung, in der Gandhi sich bemüht, den „dunkelsten Schandfleck des Hinduismus“ aus der Geschichte kommender Generationen endgültig zu entfernen. An diesem grundsätzlichen Einbruch in die Vorstellungswelt des Kastengeistes wird auch dadurch nichts geändert, daß bei dem Beschluß der Verfassunggebenden Versammlung taktische Gesichtspunkte mitgesprochen haben mögen in dem Wunsch, den Engländern gegenüber ein hohes Maß demokratischer Fortschrittlichkeit vorzuweisen. Entscheidend bleibt, daß der erste Schritt getan ist.

-tz.